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Christopher Jahns:Auf Biegen und Zerbrechen

Vermeintliche Enthüllungen erschütterten vor Jahren die elitäre Welt der Privat-Uni EBS. Jetzt soll der Prozess gegen den Ex-Präsidenten weitergehen - obwohl das Gericht das Verfahren längst einstellen wollte.

Christopher Jahns zittert wieder, die Angst ist zurück, das Misstrauen, die Depression. Hinter ihm lagen fünfzig Tage in der Berliner Charité und mehrere Jahre Psychotherapie, er war endlich zurück im Leben, als rastloser Bildungsunternehmer, der immer noch Investoren begeistern kann. Der frühere Präsident und Geschäftsführer der privaten European Business School (EBS) hatte fast alles verloren, seinen Job, seinen Status und seine Gesundheit, aber er kam los von den Medikamenten, kämpfte sich zurück und schaffte den Neuanfang. Während er Neues schuf, darunter eine neue Privathochschule in Potsdam, lebte er stets mit der Furcht, es könnte bald weitergehen mit dem Untreue-Prozess gegen ihn. Mit seinem Trauma.

Vor einem Jahr kam die Nachricht: Jahns ist wieder verhandlungsfähig. Und vorige Woche, da machte das Landgericht Wiesbaden per Pressemitteilung alle Hoffnung auf ein baldiges Ende dieser Geschichte zunichte. 13 neue Verhandlungstage sind angesetzt, nach mehr als fünf Jahren, in denen der bislang ergebnislose Prozess wegen Jahns' Verhandlungsunfähigkeit ruhte. Nach zwischenzeitlich zwei erfolglosen Versuchen des Gerichts, dieses seltsame Verfahren endlich einzustellen, gegen Geldauflage, die Jahns auch akzeptiert hätte. Am 19. März, das steht seit ein paar Tagen fest, geht es weiter. Und wen man auch fragt, ob bei der EBS oder im politischen Wiesbaden: Kaum jemand kann mehr nachvollziehen, was das soll. Offen äußern wollen sich aber die wenigsten.

Privatuni EBS weist Vorwürfe zurück

Die European Business School in Oestrich-Winkel: Sie sei nicht geschädigt und habe kein Interesse an dem Verfahren, hat die Privatuni erklärt.

(Foto: Fredrik Von Erichsen/dpa)

In hessischen Justizkreisen ist der "Fall Jahns" längst zur Metapher geworden für ein Versagen der Behörden, das sich bestenfalls niemals wiederholen sollte. Es ist ein Verfahren, das nur Verlierer kennt: Jahns selbst, der sich verraten fühlt und zu Unrecht verfolgt. Den Hochschulstandort Wiesbaden und mit ihm die Manager-Kaderschmiede EBS, die im Zuge der Jahns-Affäre vor bald zehn Jahren kurz vor dem Ende stand, inzwischen verkauft ist und immer noch Verluste schreibt. Die Staatsanwaltschaft Wiesbaden, die Jahns' Ansehen im Zuge der Ermittlungen mit "falschen und vorverurteilenden Äußerungen in besonderem Maße" herabgesetzt hat - so steht es in einem rechtskräftigen Urteil des Landgerichts Wiesbaden von 2015, vor dem der frühere Rektor das Land Hessen erfolgreich auf Amtshaftung verklagt hatte. Und nicht zuletzt der Rechtsstaat: Wie soll man angesichts überlasteter Gerichte und mangelhaft ausgestatteter Staatsanwaltschaften den erbitterten Verfolgungsdrang gerade in dieser Sache erklären?

Ja, wie konnte es so weit kommen?

Jahns, Jahrgang 1969, Professor Doktor schon in seinen frühen Dreißigern, Fachmann für Lieferketten und Logistik, Aufsteiger, Überflieger, Netzwerker, wurde erst zum Opfer seines eigenen Erfolgs und seiner zahlreichen Feinde, man bewarf sich reichlich mit Schmutz. Als dann eines Tages im Frühjahr 2011 morgens um halb sechs die damalige Wiesbadener Oberstaatsanwältin Gabriele Türmer bei ihm klingelte, änderte sich alles: Er wollte die Dinge erklären, aber sie hatte einen Haftbefehl dabei, darin unter anderem der Verdacht, Jahns habe Gelder der EBS in sechsstelliger Höhe veruntreut. Festnahme wegen Verdunkelungsgefahr. Und obschon er tags darauf unter Auflagen entlassen wurde, war das Desaster nicht mehr aufzuhalten: "EBS-Präsident in Haft", so stand das überall im Netz und in den Zeitungen. Der damalige Sprecher der Staatsanwaltschaft äußerte sich so, dass man glaubte, Jahns wäre schon überführt. So etwas fängt man nicht wieder ein.

EBS-Prozess in Wiesbaden

Christopher Jahns, 50, hat sich zurückgekämpft, eine neue Unternehmensgruppe aufgebaut und die neue Potsdamer XU Universität initiiert. Mit dem Prozess gerät vieles wieder in Gefahr.

(Foto: picture alliance/dpa)

Natürlich gab es auch Schadenfreude. Traf es nicht die Richtigen? Der EBS eilte schon immer der Ruf voraus, ein Ort für reiche Töchter und Söhne zu sein, für privilegierte Karrieristen, die später bei McKinsey landen und Konzernen den Stellenabbau organisieren. Und dann war da dieser Präsident, der um die Welt fliegt und lieber beim Weltwirtschaftsforum unter den Mächtigen weilt, als sich um die Qualität der Lehre in Oestrich-Winkel zu kümmern. Der Professoren in Seminaren schuften lässt und mit einem undurchsichtigen Firmengeflecht im Rücken prestigeträchtige Projekte anstößt, für die vor allem er Ruhm und Ehre abbekommt. Projekte, teils mit Steuergeld unterstützt von der CDU-geführten Landesregierung, die für eine private Wirschaftsuni dieser Größe ambitioniert wirkten: ein millionenschwerer Campus in Wiesbaden, ein neues Logistik-Institut am Frankfurter Flughafen.

Das und noch viel mehr kam nicht mehr zustande. Am Ende einer langen Kette von Intrigen aus der Professorenschaft, von Durchstechereien und mindestens zwei anonymen Strafanzeigen stand Christopher Jahns auf einmal unter Untreueverdacht. Vom 19. März an wird es am Landgericht wieder um vier Mal 45 000 Euro gehen, welche die EBS an die damalige Schweizer Beratungsfirma Brain-Net gezahlt hatte und die von dort an weitere von Jahns kontrollierte Firmen weitergeflossen sein sollen. Bei der Brain-Net-Gruppe war Jahns einer der Gesellschafter, und so lag der Verdacht nahe, er habe als Rektor der EBS seine eigenen Firmen in der Schweiz begünstigt. Eine klassische gewerbsmäßige Untreue.

Aber das Ganze war nie so einfach, wie es klingt - und heute sind die Details nicht einmal mehr zweifelsfrei aufzuklären. In der Anklageschrift vom 26. April 2012 wirft die Staatsanwaltschaft Jahns vor, die 180 000 Euro in vier Tranchen nur angewiesen zu haben, um selbst über das Geld verfügen zu können. Spätestens von 2009 an soll er seine Stellung ausgenutzt haben, um Brain-Net zusätzliche Einnahmequellen zu erschließen. Den ersten Vorwurf, für das Geld seien keine Leistungen erbracht worden, entkräfteten Zeugen. Die später verfolgte These, die Leistungen hätten pro bono, also unentgeltlich erfolgen sollten, stellte sich als falsch heraus. Dritter Verdacht: Ob Leistung oder nicht, es sei nur darum gegangen, andere Firmen von Jahns mit Geld zu versorgen. Auch das sei vollkommen abwegig, sagt Jahns.

Auf einen letzten Beweisantrag seines Verteidigers hat die Staatsanwaltschaft aber nach bald sechs Jahren noch nicht reagiert. Bei den drei weiteren Schweizer Jahns-Firmen wurde nie vor Ort ermittelt, bis auf eine gibt es diese Firmen nicht mehr, und ohnehin ist die zehnjährige Aufbewahrungsfrist für die relevanten Akten jetzt vorbei. Den ersten Vorschlag des Gerichts, das Verfahren gegen Auflage einzustellen, wies die Staatsanwaltschaft im Frühjahr 2016 zurück. Unter neuer Besetzung schlug die Kammer am Landgericht nun im Januar erneut vor, das Verfahren einzustellen. Dabei verweist sie auch auf ein Schreiben des damaligen EBS-Anwalts von 2016: Die Universität sehe sich nicht als geschädigt an, der einzige Schaden bis hin zu einer "existenziellen Gefährdung" liege in diesem Prozess selbst.

Jahns Verteidiger Alfred Dierlamm findet deutliche Worte. "Es handelt sich längst nur noch um eine strafprozessuale Geisterfahrt, die mit dem Rechtsstaat nicht mehr viel zu tun hat", sagt er. "Offenbar geht es nur noch darum, Christopher Jahns zu kriminalisieren." Auf den jüngsten Einstellungsvorschlag des Gerichts, bei dem eine Zahlung von 50 000 Euro an eine gemeinnützige Einrichtung in Rede steht, hat die Staatsanwaltschaft nach Angaben des Gerichts erst gar nicht reagiert. Auf Anfrage will ein Sprecher der Behörde nicht ins Detail gehen. Türmer arbeitet jetzt in Hanau; in der Zwischenzeit hat die Zuständigkeit für das Verfahren ein zweites Mal gewechselt. Wer es nun führt, bleibt offen. Wegen des "fortbestehenden Verdachts einer erheblichen Straftat" werde die neue Hauptverhandlung "für erforderlich erachtet", teilt der Sprecher lediglich mit. Und zwar "unabhängig von der Frage, ob sich die EBS durch eine etwaige Tat als geschädigt ansieht". Gern hätte man mehr über die Sicht der Ermittler erfahren, in einem direkten Gespräch. Dazu aber, heißt es, sehe man vor der Hauptverhandlung "keine Veranlassung".

Bis Jahns zum ersten Mal zusammenbrach im Gerichtssaal, dauerte es 43 Verhandlungstage. An diesen waren die angeblichen Scheinrechnungen Thema, aber auch die Dienstwagenfahrten. Denn auch das ist Teil der Anklage: 52 Fälle, in denen Jahns angeblich seinen Dienstwagen mit Fahrer für "private Zwecke" genutzt haben soll, mal im Gegenwert von 68,74, mal im Wert von gut 300 Euro, meist dazwischen. Gut 7000 Euro soll das die Hochschule laut Anklage gekostet haben, teils eingestuft als besonders schwere Untreue. Auch davon will die EBS nichts wissen.

Die Mitteilung des Gerichts über die neuen Termine war erst wenige Stunden alt, da begann das neue Leben von Jahns wieder zu zerbröseln. Seine Mitgliedschaft im Weltwirtschaftsforum muss er ruhen lassen. Im Hintergrund der neuen Unternehmensgruppe namens XU, die Jahns aufgebaut hat, ist plötzlich größte Zurückhaltung angesagt. Ein zweites Mal mitanzusehen, wie alles um ihn herum einstürzt: Das wird dieser Mann nicht verkraften.

© SZ vom 11.02.2020