Anleihen Rätselhafte Zinskurve

Beäugt vom US-Präsidenten: Der Chef der US-Notenbank Fed, Jerome Powell, bei seiner Nominierung im Garten des Weißen Hauses.

(Foto: Carlos Barria/Reuters)

Das Verhältnis von lang- und kurzfristigen Zinsen gilt gemeinhin als Krisenindikator - wahrscheinlich zu Unrecht.

Von Jan Willmroth

Spätestens seit Anfang des Jahres haben Investoren und Geldpolitiker rund um den Globus den Verlauf dieser Kurve verfolgt und sahen, wie sie immer flacher wurde: Die sogenannte Zinsstrukturkurve in den USA, die das Verhältnis zwischen kurz- und langfristigen Zinsen in der weltweit größten Volkswirtschafts abbildet, gehört zu den am meisten beachteten Kurven an den internationalen Finanzmärkten. Vereinfacht gesagt stellt sie einen Bezug zwischen der Laufzeit bedeutender Anleihen und deren Zinssatz her. Am häufigsten wird die Rendite zwei- und zehnjähriger US-Staatsanleihen verglichen.

In der Theorie sollten die Zinsen lang laufender Anleihen stets höher liegen als die kurzfristiger Papiere. Je länger der Zeitraum, für den sich ein Staat wie die USA Geld leiht, desto mehr Rendite verlangen Investoren. Je flacher nun die Kurve verläuft, desto näher liegen die Zinssätze für kurz und lang laufende Anleihen beieinander. Kehrt sich das Verhältnis um, sprechen Fachleute von einer "inversen Zinskurve", bei der die Rendite von Anleihen mit kurzer Laufzeit über der langlaufender Papiere liegt. Im Jahresverlauf fürchteten viele Marktteilnehmer diese Konstellation - der Renditeunterschied zwischen zwei- und zehnjährigen Anleihen war bedrohlich geschrumpft. Bedrohlich, weil jeder der vergangenen fünf Rezessionen in den USA eine inverse Zinskurve vorausging. Sie deutet an, dass Investoren langfristig geringeres Wachstum und sinkende Leitzinsen erwarten. Banken vergeben bei einer inversen Kurve weniger Kredite, weil ihre Gewinnmarge geringer ausfällt. Lange galt der Verlauf der Zinskurve deshalb als verlässlicher Frühindikator für die Konjunktur und eine Inversion als Warnsignal.

Wie verlässlich die Zinsstruktur kommende Rezessionen andeutet, ist aber zunehmend umstritten. In einem im Juli erschienenen Diskussionspapier bescheinigen Forscher der US-Notenbank Fed der Zinsdifferenz zwischen zwei- und zehnjährigen Anleihen eine geringe Bedeutung. Klaus-Dieter Bauknecht, Chefvolkswirt der Bank IKB, sieht das ähnlich. "Spätestens seit der Finanzkrise sagt es kaum noch etwas aus, wie steil die Zinskurve ist", sagt er. Auch in der Eurozone, wo Investoren vor allem das Verhältnis kurz- und langlaufender Bundesanleihen beachten, sei die Aussagekraft der Zinskurve begrenzt. Ohnehin wirkt die Situation in Europa wie abgekoppelt von den USA. Während die Fed die Leitzinsen mehrfach angehoben hat, will die EZB noch mindestens bis Sommer 2019 warten. Entsprechend steil verläuft die Zinsstrukturkurve der Eurozone noch. Mit der US-Zinswende stiegen aber auch die Renditen deutscher Anleihen - worin eine Erklärung für fallende Aktienkurse liegt: Steigende Anleihezinsen machen Aktien relativ weniger interessant.