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Anbieter im Vergleich:In 180 Tagen kommt das Geld

Unfallkasse: Mehr Arbeits- und Wegeunfälle

Windenergieanlage im Bau: Eine Berufsunfähigkeitsversicherung kann einspringen, wenn man seinen Job nicht mehr ausüben kann.

(Foto: Patrick Pleul/dpa)

Zahlt die Berufsunfähigkeits-Versicherung auch wirklich?

Von Christian Bellmann, Köln

Mit der Berufsunfähigkeitsversicherung ist es so eine Sache. Für Erwerbstätige sind die Policen unverzichtbar - das predigen nicht nur Versicherungsvertreter, die diese Verträge verkaufen wollen, sondern auch Vorsorgeexperten. Fest steht: Nach einem Unfall oder wegen einer körperlichen oder psychischen Erkrankung dauerhaft nicht mehr arbeiten zu können, hat existenzbedrohende Folgen. Wer nach dem 1. Januar 1961 geboren ist, erhält vom Staat nur noch eine Erwerbsminderungsrente - die reicht zum Leben aber vorne und hinten nicht. Wer nicht in Armut verfallen will, schließt eine private Berufsunfähigkeitspolice ab.

Allerdings gibt es kaum eine Versicherungssparte, die so komplex und umstritten ist. Verbraucherschützer kritisieren, dass sich viele die Beiträge gar nicht leisten können. Schon Angestellte mit Bürojob zahlen schnell mehr als 100 Euro pro Monat, für Handwerker sind die Beiträge oft unbezahlbar. Außerdem haben die Anbieter einen schlechten Ruf: Wenn es darauf ankommt, zahlt der Versicherer eh nicht - so die landläufige Meinung.

Wenn es nach dem Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) geht, ist die Lage gar nicht so schlimm. "79 Prozent aller Leistungsanträge in der Berufsunfähigkeitsversicherung werden ohne Wenn und Aber bewilligt", erklärt der Verband. Von der ersten Meldung beim Versicherer bis zur Auszahlung der Berufsunfähigkeitsrente dauere es im Schnitt 110 Tage. Das sind etwa dreieinhalb Monate.

Die auf Versicherungen spezialisierte Analysefirma Franke & Bornberg kommt in einer aktuellen Studie zu einem anderen Ergebnis. Versicherte sollten sich eher auf mindestens 180 Tage einstellen, also ein halbes Jahr. Ziel des Hannoveraner Unternehmens war es, herauszufinden, wie es wirklich um das Regulierungsverhalten der Versicherer steht und woran Anträge am häufigsten scheitern.

Die gute Nachricht, die mit der Studie verbunden ist: Mit Ergo, HDI, Zurich Deutschland, Nürnberger und der Generali-Tochter Aachen Münchener haben fünf große Versicherer teilgenommen - und damit eine Transparenz ermöglicht, zu der die meisten Anbieter nach wie vor nicht bereit sind. Die schlechte Nachricht: Repräsentativ ist die Untersuchung nicht. Die Vermutung liegt nahe, dass sich nur Anbieter in die Karten schauen lassen, die der Ansicht sind, besonders gut dazustehen. Von den Ergebnissen auf alle Anbieter zu schließen, ist daher problematisch.

Die fünf Versicherer haben insgesamt 3,9 Millionen Verträge im Bestand. Franke & Bornberg hat mehr als 625 Leistungsfälle unter die Lupe genommen, mindestens 125 pro Unternehmen. Dabei handelt es sich zu 60 Prozent um Ablehnungen und zu 40 Prozent um Fälle, in denen die Zahlung einer Rente bewilligt wurde.

Lehnt der Versicherer den Antrag des Kunden auf Zahlung einer Rente ab, liegt das der Studie zufolge in acht von zehn Fällen an zwei Gründen: 55 Prozent der abgelehnten Anträge scheiterten daran, dass der erforderliche Grad der Berufsunfähigkeit nicht erreicht wurde. Die meisten Verträge haben eine 50-Prozent-Klausel, das bedeutet: Berufsunfähig ist der Versicherte erst dann, wenn er seine zuletzt ausgeübte Tätigkeit zu mehr als 50 Prozent nicht mehr ausüben kann. Weitere 25 Prozent der abgelehnten Anträge wurden wegen einer sogenannten Anzeigepflichtverletzung abgewiesen. Dabei unterstellt der Versicherer, dass der Kunde vor Abschluss des Vertrags die Gesundheitsfragen - sei es aus Versehen oder absichtlich - falsch oder unvollständig beantwortet hat.

In den Statistiken des GDV fallen diese Werte niedriger aus. Ablehnungen wegen des nicht erreichten Berufsunfähigkeitsgrads machen hier nur 42 Prozent aus, Anzeigepflichtverletzungen und Vertragsanfechtungen durch den Versicherer insgesamt 22 Prozent. Das liegt auch daran, dass der Verband zu den Ablehnungen auch Anträge zählt, die der Versicherer nicht weiterbearbeitet, weil der Kunde auf Rückfragen nicht reagiert. Diese Fälle gehen mit einem Anteil von 18 Prozent in die Statistik des GDV ein und sorgen dafür, dass die Anteile der übrigen Ablehnungsgründe geringer werden. Die Höhe der monatlichen Zahlung spielt keine Rolle, wenn es darum geht, ob der Versicherer die Rente genehmigt oder verweigert. Ein Kunde, der bei Vertragsschluss eine Monatsrente von 3000 Euro vereinbart hat, hat also kein höheres Risiko, dass sein Antrag abgewiesen wird, als ein Versicherter mit 600 Euro.

Die Branche ist noch immer von Papierkram und langen Bearbeitungszeiten geprägt

Psychische Krankheiten und Verhaltensstörungen sind die häufigsten Auslöser für Berufsunfähigkeitsleistungen. 2018 machten sie knapp 27 Prozent der Fälle aus. Krankheiten an Muskeln und Skelett folgten mit knapp 24 Prozent, Krebsleiden liegen mit 19 Prozent auf Rang drei.

Verbesserungspotenzial in der Sparte sehen die Analysten beim Thema Digitalisierung. Dass die noch immer von Papierkram und langen manuelle Bearbeitungszeiten geprägte Berufsunfähigkeitsversicherung hier hinterherhinkt, ist ein Stück weit ihrer Komplexität geschuldet. Dennoch: Andere Versicherungssparten sind hier deutlich weiter. Das Einreichen von Arztrechnungen und Dokumenten digital über eine App des privaten Krankenversicherers ist seit Jahren Usus. Ebenso ist es in der Kfz-Versicherung üblich, dass der Kunde den Bearbeitungsstand des Schadenfalls in Echtzeit nachverfolgen kann - ähnlich wie beim Versand eines Pakets.

Viele BU-Versicherer bieten ein solches Tracking im Leistungsfall gar nicht oder nur sehr eingeschränkt an, kritisieren die Experten. So informieren viele Versicherer bestenfalls darüber, wenn ein Brief des Kunden eingegangen ist. Auch Video-Chats, Bildschirmübertragungen und nutzerfreundliche Online-Portale zum Hochladen von Dokumenten sind oft Fehlanzeige.

Dabei könnten Anbieter von Berufsunfähigkeitspolicen digitale Technik durchaus nutzen, um die oft kritisierte Intransparenz zu verringern. Weiß der Kunde jederzeit, was gerade mit seinem Antrag passiert, dürfte das die Sicherheit und das Vertrauen in seinen Versicherer erhöhen. Möglicherweise verschärft ausgerechnet die Corona-Krise den Druck auf die Branche, bei der Regulierung neue, digitale Wege einzuschlagen.

© SZ vom 06.08.2020
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