Amerikanische Arbeitsmentalität Leben, um zu arbeiten

Dennoch: Zwar steige vielleicht die Produktivität, wenn jeder länger arbeite. "Ob die Leute aber gleich gut arbeiten, wenn sie über die Arbeitszeitverlängerung sauer sind, ist die Frage."

Geschäftsstunden verlängern

Das deutsche Problem sei vielmehr der viel zu teure Wohlfahrtstaat. Die Sozialleistungen müssten abgebaut werden. Zudem sei dringend die Verbrauchernachfrage anzukurbeln, was mit einer Arbeitszeit-verlängerung bestimmt nicht zu erreichen sei.

Das Rezept predigt auch Wirtschaftsprofessor Richard Cooper von der Harvard-Universität: Die Geschäftsstunden verlängern, um damit Verbrauchern mehr Gelegenheit zum Geldausgeben zu geben und neue Arbeitsplätze zu schaffen.

Keine komplizierten Tarifverträge, sondern individuelle Lösungen, rät Cooper, damit jeder Arbeitnehmer selbst aushandeln kann, wie viele Stunden er arbeiten will.

Was die Arbeitszeiten angeht, ist Cooper für amerikanische Verhältnisse geradezu radikal. "In der deutschen Wirtschaft liegt viel im Argen, aber zu kurze Arbeitszeiten gehört sicher nicht dazu", sagt Cooper.

Er rät seinen Landsleuten gar, sich an den Deutschen ein Beispiel zu nehmen. "Ich habe den Eindruck, dass die Deutschen in der Freizeit-frage sehr viel vernünftiger sind als wir. Arbeitszeiten zu verlängern, ist verrückt."

90 Stunden pro Woche

In den reichen westlichen Gesellschaften könne es sich jeder leisten, selbst zu entscheiden, ob er mehr Arbeit und mehr Geld oder weniger Arbeit und mehr Freizeit wolle.

Natürlich dürfe es für Arbeitgeber nicht teurer sein, zwei Menschen statt einen für eine bestimmte Zahl von Arbeitsstunden einzustellen.

Cooper (70) selbst kommt auf rund 90 Stunden in der Woche. "Mein ganzes Leben ist wie Urlaub. Forschen und Lehren macht mir so viel Spaß, dass ich das gar nicht als Arbeit ansehe", sagt er.

Die amerikanische Arbeitsmentalität unterscheide sich halt erheblich von der deutschen. Amerikaner leben, um zu arbeiten, Europäer arbeiten, um zu leben.