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Absturz nach der Hausse:Dämpfer für die Russland-Euphorie der Anleger

An der russischen Börse tummelten sich monatelang die Bullen. Nach dem plötzlichen Absturz vom Montag raten deutsche Experten zur Vorsicht: Nur Profis sollten an Moskwa investieren.

Bis zu diesem Montag schien es, als sei der verheerende Börsencrash, den das Russland des damaligen Präsidenten Boris Jelzin vor gut fünf Jahren erlebte, längst vergessen.

Zwar verloren auch ausländische Investoren in Moskau Milliarden, als der russische Leitindex RTS bis Ende 1998 auf weniger als 40 Punkte absackte. Doch unter Jelzins Nachfolger Wladimir Putin wuchsen Wirtschaft und Anlegervertrauen wieder, und lange bevor die Bärenstimmung an den westlichen Börsen abflaute, regierten am Moskauer Aktienmarkt wieder die Bullen.

Eine einzige Nachricht

Doch nun hat eine einzige Nachricht genügt, um bei den Anlegern erneut eine Massenflucht aus russischen Werten auszulösen: Die von Putin initiierte Verhaftung von Michail Chodorkowski, dem reichsten Mann Russlands und Chef des Ölgiganten Jukos.

Innerhalb weniger Minuten krachte der Kurs der Jukos-Aktie am Montagmorgen um 20 Prozent nach unten; nur die zeitweilige Aussetzung vom Handel konnte die Talfahrt des Papiers zunächst stoppen. Auch der RTS wurde schwer in Mitleidenschaft gezogen. Und viele Analysten fürchten, dass die Affäre die Russland-Euphorie der internationalen Anleger und damit auch die Wachstumschancen der russischen Wirtschaft nachhaltig dämpfen dürfte.

Dies sei ein "schändlicher Rückschlag" für Russlands Entwicklung, kommentierte der Chefökonom von United Financial Group (UFG) in Moskau, Christopher Granville, die Verhaftung des Ölmagnaten.

"Jeder ist ein Verlierer", und das schließe auch Präsindent Putin ein. Zwar seien die Investitionsgrundlagen nun nicht direkt bedroht. "Doch Investitionen und Wachstum könnten letztlich untergraben werden, wenn die politische Krise nicht unter Kontrolle gebracht wird", warnt der Analyst.

"Solider Schuldner"

Noch vor wenigen Tagen hatte die Rating-Agentur Moody's die Bonitätsbewertung für Russland deutlich nach oben gesetzt und das Land als soliden Schuldner eingestuft - und damit auch den RTS-Index auf weit über 600 Punkte getrieben.

Als einen Grund für ihre Entscheidung nannte die Agentur, dass die Parlamentswahlen im Dezember den marktwirtschaftlichen Reformkurs voraussichtlich nicht gefährden würden. Diese Einschätzung dürfte Putin mit der Ausschaltung des Multimilliardärs, der die Opposition unterstützt, gründlich ins Wanken gebracht haben.

Für Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz (DSW) kommt diese Entwicklung nicht überraschend: "Wo man zu viel von Wachstumschancen schwärmt, werden die Risiken oft ausgeblendet", sagt er mit Blick auf die Russland-Euphorie vieler Investoren.

Zwar biete der russische Markt tatsächlich attraktive Gewinnchancen, doch zugleich herrschten in dem Land "für uns fast undurchschaubare mafiöse Tendenzen".

Richtige Einschätzung schwierig

Nur absolute Russlandkenner hätten eine Chance, die Verflechtungen von Wirtschaft und Politik richtig einzuschätzen, betont Kurz. "So kann etwa ein Unternehmen ganz schnell von der Bildfläche verschwinden, wenn plötzlich die Staatsaufträge ausbleiben."

Unerfahrene Investoren schauten dann meist in die Röhre. Wer sich nicht auskenne und hoch riskante Anlagen scheue, solle grundsätzlich lieber die Finger von so genannten Emerging Markets lassen, rät der Experte. Denn auch bei gemanagten Osteuropa-Fonds sei das Risko im Vergleich zu Anlagen in klassischen Industriestaaten noch sehr hoch.

Reinhild Keitel von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre (SdK) spricht ebenfalls von "Mafioso-Methoden", wenn es um die Privatisierung der großen Staatsunternehmen in Russland geht.

Wackelige Rechtssicherheit

Zwar hätten sich die Anleger nach den herben Rückschlägen unter Jelzin von Putin mehr politische und rechtliche Stabilität erhofft. "Aber alle Bemühungen, dort Rechtssicherheit zu schaffen, stehen offenbar immer noch auf recht wackeligen Füßen." Dieselbe Vorsicht ist für Kleinanleger nach Ansicht von Keitel und Kurz übrigens im Hinblick auf ein weiteres Land angebracht, das zunehmend als neues Eldorado für Anleger gefeiert wird - für China.

© sueddeutsche.de/AFP
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