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Trend Overknees:Hohes Bein

Street Style - Day 8 - New York Fashion Week: Women's Fall/Winter 2016

Unten hui, oben pfui: Die Bloggerin Chiara Ferragni mit Overknee-Stiefeln bei der New Yorker Fashion Week.

(Foto: Getty Images Entertainment/Getty)

Da sind sie ja wieder! Nach der "Pretty Woman"-Euphorie waren die Overknee-Stiefel schnell wieder verschwunden. 26 Jahre später tragen sie nun Topmodels und Premierministerinnen - mitunter sogar zum Schlabber-Hoodie.

Was haben Theresa May, Gigi Hadid und Sylvie Meis derzeit gemeinsam? Ganz einfach: Sie alle tragen Overknee-Stiefel. Und wenn so unterschiedliche Frauen wie die britische Premierministerin, das derzeit erfolgreichste Model und eine Ex-Fußballergattin auf das gleiche Schuhmodell setzen, muss ein veritabler Trend im Spiel sein.

Tatsächlich, 26 Jahre nach "Pretty Woman" sind die Stiefel mit dem extrahohen Schaft wieder zurück. Julia Roberts trug sie damals im Film als Prostituierte Vivian aus Lack und in Schwarz. Nach diesem effektvollen Leinwandauftritt erreichten die Umsätze solcher "Kinky Boots", wie man sie auch nennt, sagenhafte Höhen. Mit ihrem märchenhaften sozialen Aufstieg im Film hat Julia Roberts sie eben auch für die echte Welt tragbar gemacht.

Unter Fashionistas trägt man sie heute wieder genauso, nur eben zusätzlich befeuert vom großen Neunziger-Comeback. Und nicht nur leicht anrüchig zum engen Stretchkleid, sondern eben auch frontal ironisch zum XXL-Hoodie. Diesen Look hat die Bloggerin Chiara Ferragni im Februar auf der New York Fashion Week vorgeführt. Von den Kardashians bis zu den Hadids setzen seitdem alle obenrum auf kurz und untenrum auf lang.

Im 15. Jahrhundert trug man die Stiefel beim Reiten - um die Reibung zu verringern

Seitens des Laufstegs wurde das Comeback der Stiefel auch schon kräftig befeuert. So gut wie jeder Designer bietet die etwas tageslichttauglichere Variante in mattem Schwarz an: Dolce & Gabbana mit Perlen im Absatz, Miu Miu mit Kristallabsatz, Gucci mit Schnalle, Valentino mit Stickereien. Vetements zeigte mal wieder die absurdeste Interpretation, nämlich Overknee-Stiefel, deren Schaft gleich bis zum Hintern reicht, die also eigentlich schon fast eine Hose mit Absatz waren. Was ein ganz gutes Stichwort für die historischen Wurzeln der hohen Schuhe ist.

Im 15. Jahrhundert konnten Stiefel nicht hoch genug reichen, um die Innenseiten der Unter- und Oberschenkel ihres Trägers vor der Reibung am Pferd zu schützen. Heute erledigen diese Aufgabe Reithosen, weshalb der Reitstiefel wieder kürzer ist. Overknee-Stiefel wurden also zu Beginn nur von Männern getragen. Frauen sah man erstmals vom frühen 20. Jahrhundert an damit, aber auch nur, wenn sie sich als Mann verkleideten. Als Principal Boy bezeichnete man beim Pantomime-Spiel in London den männlichen Protagonisten, der traditionell von einer Frau gespielt wurde. Er (beziehungsweise: sie) trug dabei oft Overknee-Stiefel, um auf der Bühne möglichst heldenhaft und tollkühn zu wirken. Von dort aus und mit diesen Attributen machten die Stiefel ihren Weg in die Vorführungen der Varietés, Fetischabteilungen und auf den Strich.

Ihren wichtigsten Modemoment erlebten die Overknee-Boots in den Sechzigerjahren. Damals wurden die Röcke plötzlich kürzer. Und weil so ein ganz frei gelegtes Bein eben doch ein bisschen zu viel fürs Establishment gewesen wäre, entwarf man für Frauen erstmals ganz selbstverständlich höhere Stiefelschäfte - was die schwindende Rocklänge freilegte, sollten die Schuhe wieder kaschieren. Pierre Cardin zeigte sie als erster Designer zu A-Linie-Kleidern in einer Modenschau. 1961 zog die Agentin Emma Peel in der TV-Serie "Mit Schirm, Charme und Melone" einen Revolver aus ihrem Schuhwerk. Die Stiefel von damals fand man weniger anrüchig als die, die Julia Roberts später trug. Weil sie züchtiger waren, also enger und Absatz und Schaft nicht ganz so hoch.

Und heute? Heute glauben viele Frauen ja, dass man sich ab einem bestimmten Alter nicht mehr sexy anziehen darf. Sie stecken deshalb ihre Hosen in die rustikale Wild- anstatt Glanzledervariante, die meist in erdigen Tönen gehalten und dazu ganz bodenständig ohne Absatz auftritt. Und genau das ist das Problem. Ein über dem Knie endender Stiefel staucht die Beinproportionen optisch so sehr, dass er unbedingt einen Absatz als streckendes Gegengewicht braucht. Wer nicht groß und dünn ist wie Gigi Hadid, lasse also dringend die Finger vom flachen Overknee-Stiefel. Übrigens: Auch die Wildleder-Fransen sollte man sich sparen, das Comeback des sexy Cowgirls steht nämlich immer noch aus.