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Neues Museum:Ewiger Sommer

Direkt an der Autobahnausfahrt der A 6 im schwäbischen Bad Rappenau eröffnet bald das erste Bikini-Museum der Welt. Mehr als 1000 Exponate zur Geschichte des Zweiteilers werden dort zu sehen sein. Und schon jetzt ist klar: Das Thema ist komplexer, als es auf den ersten Blick wirkt.

"Dein Kurzurlaub beginnt": Mit diesem Slogan wirbt das neue Bikinimuseum - und natürlich mit einer Schönheit im Zweiteiler.

(Foto: BikiniARTmuseum)

Die A6 zwischen Heilbronn und Mannheim, Ausfahrt Bad Rappenau. Der Blick geht weit über die Hügel und herbstlich kahlen Äcker des Kraichgau. Alexander Ruscheinsky steht auf einem Parkplatz direkt neben der Autobahn, es weht ein schneidender Wind, im Hintergrund das Dröhnen des Verkehrs. "Da oben steht sie", sagt Ruscheinsky und deutet schräg in die Höhe auf das Dach eines Rohbaus. "Fast zehn Meter hoch, eine Frau im Bikini. Das wird der Wahnsinn." Von einer Figur ist nichts zu entdecken, aber der Mann in dunklen Jeans und schwarzem Pulli sieht schon alles genau vor sich. Das neue Hotel. Die helle Fassade, goldverzierter Eingang. Und das Bikinimuseum.

Deutschland bekommt bald eine Dauerausstellung über weibliche Badebekleidung: Das ist eine ziemlich erstaunliche Nachricht, die auch dann bemerkenswert wäre, wenn man mit dem Urheber der Idee nicht auf einem zugigen Autobahnrastplatz in Baden-Württemberg stehen würde. Aber genau hier soll das "Bikini Art Museum", so der vollmundige Name, eben entstehen. Nicht an der Ostsee, auf Sylt, am Bodensee. Sondern in einer erdgeschichtlichen Mulde am Rand der Rheinischen Tiefebene, nahe dem Städtchen Bad Rappenau. Geplante Eröffnung: Frühjahr 2020. Dafür sieht die Baustelle an diesem kalten Novembernachmittag noch ziemlich nach Baustelle aus. Eine Einschätzung, die Alexander Ruscheinsky mit nachsichtigem Lächeln beantwortet. "Das wird", sagt er.

Ein Museum für den Bikini, auf diesen Gedanken muss jemand erst einmal kommen. Ruscheinsky, 64, ist ein Mann, dem es an Einfällen offenbar nicht mangelt. Auf seiner Webseite schreibt der Immobilienunternehmer gern von sich selbst in der dritten Person und listet auf, wo er mitmischt in seiner Heimat Regensburg. Als Sponsor des Fußballclubs SSV Jahn, beim neuen Stadion, dem Gewerbepark. Deutschlandweit betreibt er seit zwanzig Jahren die Raststätten-Kette Autohof 24 mit 13 Standorten. Das ermöglicht es dem "Regensburger on the road" (Mittelbayerische Zeitung), die Winter im wohltemperierten Brasilien zu verbringen. Und dort, sozusagen unterwegs, ist ihm die Idee mit dem Bikinimuseum gekommen, erklärt Ruscheinsky bei Gulasch und Spätzle im Bad Rappenauer Autobahnlokal. Sein Lokal, versteht sich. "Uns gehört hier ein zusätzliches Grundstück. Und ich habe mir gesagt: Mach ein Museum."

Der Anblick von Mädchen in Badekleidung gefiel auch schon in der klassischen Antike

Es fühlt sich schon ein wenig bizarr an, in einem rustikal verzierten Raum mit Kuhfelldeko zu sitzen, draußen hantieren Menschen an Zapfsäulen, Trucker decken sich mit Kaffee und Zigaretten ein. Und der Chef des Hauses sagt: "Die Bademodenszene hat kein Home. Das wollen wir ändern." Ruscheinsky hat für sein Herzensprojekt Bikini-Raritäten aufgestöbert und gekauft, Sammler getroffen und Shootings organisiert. Auf 2000 Quadratmetern soll in dem Museum die Geschichte des dekorativen Zweiteilers erzählt werden. Immerhin blühte in der Nähe einst die traditionsreiche Textilindustrie mit Trikotage- und Badeanzugherstellern wie Felina. Es geht aber auch um wirtschaftliche Interessen. Dem 24-Autohof samt Hotel, das gerade auf 95 Zimmer erweitert wird, soll die im selben Gebäudekomplex stattfindende Bikinisause neue Kunden bringen.

Dass Frauen im Badedress reflexhafte Aufmerksamkeit erzeugen, ist nicht weiter erstaunlich. An ihrem Anblick hat man sich schon in der klassischen Antike erfreut, wie die berühmten "Bikinimädchen" in der römischen Villa von Casale auf Sizilien zeigen. Bei den Touristen sind Souvenirs mit dem Mosaik ballspielender Schönheiten der Renner, auf der Bildungstour braucht es auch mal was Erfrischendes. Dass in diesem Sommer der Bikini- Hype auf Instagram alle Rekorde gebrochen hat, war dann doch verblüffend. Über die Plattform wurden 2019 junge Bademoden-Labels wie Triangl oder Inamorata sozusagen aus dem ozeanblauen Nichts nach oben gespült. Mittlerweile setzen sie viele Millionen um. Dazu passt auch noch die Meldung, dass Chinas Millennials endlich weniger zugeknöpft einkaufen und der asiatische Markt nach Strandkluft en masse verlangt - das Geschäft mit den "Two Pieces" jedenfalls ist noch lange nicht ausgereizt.

In Bad Rappenau soll es geschichtlich weiter zurückgehen als in den letzten Sommer. Besonders stolz ist der Museumsgründer beim Scrollen durch die Fotos auf den "Goldenen Réard": ein historischer Bikini aus den Fifties, der die Brust der Trägerin corsagenartig betont. Ruscheinsky will aber "nicht nur die schönen Mädchen" zeigen wie die Brasilianerin Helô Pinheiro, die in den Sechzigern als Vorbild für den Song "Girl from Ipanema" alle Welt in ihrem weißen Zweiteiler bezauberte. Es werde Fotos von älteren Frauen zu sehen geben, von dicken, weniger gut gebauten, weniger schön gebräunten. Er findet, Europäerinnen sollten sich ein Beispiel am Strandleben von Rio nehmen. "Jede Frau trägt Bikini, auch wenn sie weit entfernt von der Figur ist, die wir hier als ideal propagieren. Das verstehe ich unter starken Frauen." Direktor Reinhold Weinmann hat den Auftrag, in dem Museum den "Bikini als Kulturträger" zu inszenieren. Mehr als tausend Exponate wurden zusammengetragen, Retro-Entwürfe renommierter Hersteller, Fotos, Plakate. Anstrengend ausführliche Textblöcke wären da wahrscheinlich fehl am Platz, es geht um Unterhaltung. Die Dauerausstellung ist Teil des "A 6 Boulevards", der mit Besuchermagneten entlang der Autobahn wirbt, vom Hockenheimring bis zum Technikmuseum Sinsheim. Dort reckt ein Concorde-Jet seine Spitze in den Himmel, was ja möglicherweise den Anstoß gab zur riesigen Bikiniskulptur für Bad Rappenau. Ruscheinsky ließ die puppenhaft wirkende Metallfigur von einem Spezialschlosser für Kirchtürme fertigen.

Demnächst soll sie auf dem Dach montiert werden. Spannend ist der Bikini weniger in gestalterischer Hinsicht, auch wenn sich Luxusmarken wie Eres, Adriana Degreas oder Oye jede Saison neue Details, Raffungen, Bustiervarianten einfallen lassen. Die werden dann auf der Messe Miami Swim Week präsentiert und landen als mehr oder weniger kaschierte Kopien auch bei den Fast-Fashion-Ketten. Aber groß ist der Spielraum nun mal nicht bei der Formel viel Haut, wenig Stoff. Interessanter ist die Tatsache, wie sehr der moderne Bikini seit seiner Premiere in den Vierzigerjahren die Gesellschaft immer wieder provoziert hat. Als Symbol für sexualisierte Weiblichkeit einerseits - aber genauso als Zeichen der selbstbestimmten Frau.

Die ersten Zweiteiler waren 1946 ein Skandal. Und heute? Gilt der Burkini als Provokation

Schon die Erfindung 1946 durch den Ingenieur Louis Réard verlief turbulent. Der Franzose hatte seine empörenderweise nabelfreie Kreation nach dem Atoll benannt, wo die USA Atombombenversuche unternahmen. Für die Präsentation im Pariser Schwimmbad Molitor soll er Nackttänzerinnen engagiert haben, weil keine Modelle in den Zweiteilern aufzutreten bereit waren. Luftigere Alternativen zum Badeanzug - der seinerseits die vollkommen ungeeignete Ganzkörper-Wollkluft abgelöst hatte - gab es zwar schon länger. Fotos der frühen Dreißigerjahre aus Hawaii zeigen Surferinnen in Tops und taillenhohen Hosen.

Aber der freie Bikinibauch à la Réard war ein Skandal. In konservativen Ländern wie Italien patrouillierten noch lange Gendarmen an den Stränden, um Frauen für unerlaubtes Zurschaustellen ihres Körpers mit Bußgeldern zu bestrafen und zur Gottesfurcht zu mahnen. Erst in den Sechzigern wird der Bikini in der westlichen Welt gesellschaftsfähig.

Die Gender-Forscherin Deirdre Clemente sieht in solchen Bevormundungen ein Zeichen dafür, dass eine maskulin geprägte Gesellschaft Frauen nicht zutraut, selbst zu entscheiden, was sie anziehen wollen. Egal, ob der knappe Bikini als grundsätzliche Einladung zur Kontaktaufnahme fehlinterpretiert werde (von Männern), als zu körperbetont bekrittelt (von Frauen) oder als amoralisch geschmäht (von beiden) wird: Für die Amerikanerin ist das Oszillieren zwischen Sexismus und Prüderie ein Paradebeispiel für den Versuch, weibliche Selbstbestimmung über einen Kleiderkodex zu beschränken. "Die Unterstellung ist: Frauen sind nicht in der Lage, ihre Erscheinung selbst in die Hand zu nehmen", so Clemente. Ausgerechnet 2016, siebzig Jahre nach der Erfindung des Bikinis, wiederholte sich die Geschichte: Wieder wurde eine Frau, diesmal in Frankreich, am Strand von der Polizei wegen ihrer Aufmachung gemaßregelt. Sie musste einen Teil ihrer Kleider ablegen, weil sie einen Burkini trug.

Dass sich ein Bikinimuseum 2019 nicht einfach als Ansammlung hübscher Exponate verkaufen lässt, ohne die Komplexität des Themas zumindest anzudeuten, wissen sie auch in Bad Rappenau. Das Logo zeigt zwar eine junge Bikiniträgerin, die immerhin ein Bild von älteren, nicht mehr ganz straffen Badenden zeigt. Ob der Slogan "provokativ & so feministisch" wirklich eingehalten wird, muss sich nach der Eröffnung zeigen. Was die Figur über dem Portal betrifft, so verstehen die Macher sie als ein Symbol für den "Kampf der Frau" um Gleichberechtigung. Sie trägt Boxhandschuhe.

© SZ vom 07.12.2019