Hausbesichtigung Herr und Hof

Drei alte Häuser renovierte und bewohnte Thomas Bernhard. Ein neuer Bildband zeigt jetzt Einrichtung, Habseligkeiten und Spleens des Schriftstellers.

Von Max Scharnigg

Eine der schönsten Anekdoten in der Textsammlung "Meine Preise" von Thomas Bernhard ist die vom sofortigen Ankauf eines Bauernhofes mit dem Preisgeld des Literaturpreises der Freien und Hansestadt Bremen im Jahr 1965. Gleich das erste Gebäude, das er damals mit seiner Tante und dem Makler und Freund Ignaz Hennetmair ansteuerte, versetzte Thomas Bernhard in einen eher untypischen Begeisterungstaumel. Und das, obwohl seine Schilderung alles andere als ein günstiges Bild vom vorgefundenen Bauzustand vermittelt: aufgerissene Böden, verfaulte Balken, eingedrückte Dächer und sogar einen laufenden Wasserhahn finden sie in dem uralten Vierkanthof "Obernathal" im oberösterreichischen Traunviertel nahe Gmunden. Aber als würde er, der Unglücksspezialist, ausgerechnet hinter solch offensichtlichen Kalamitäten das Glück erkennen, notierte Bernhard unerschüttert: "Ich hatte meine Mauern gefunden."

Thomas Bernhard in seinem Hof "Obernathal".

(Foto: Barbara Klemm)

Diese Suche nach eigenen Mauern, eine Sehnsucht nach Liegenschaften, in die er sich zurückziehen konnte, sollte den Schriftsteller die nächsten Jahre noch mit Leidenschaft beschäftigen und auch immer wieder Anlass für klamme Depeschen an seinen Verleger Siegfried Unseld sein ("Erbitte dringend Zehntausend, herzlich Bernhard"). Am Ende ist Thomas Bernhard Besitzer von drei Häusern in der herben Landschaft des oberösterreichischen Mittelgebirges und des Hausruck. Einer Region, in der die bäuerliche Tradition schon früh der Industrialisierung gewichen war und der eher keine Postkartenidylle nachgesagt wird. Aber Bernhard sah hier eine ehrliche Landschaft, und was er kaufte, waren charaktervolle alte Häuser mit Geschichte und Alleinlage, die er renovierte, einrichtete und schließlich auch bewohnte.

Davon erzählt nun ein umfangreicher, neuer Bildband, der vom Wiener Künstler André Heller im Brandstätter-Verlag herausgegeben wurde. Die Fotografin Hertha Hurnaus inspizierte dafür mit ihrer Kamera und angenehm zurückhaltendem Blick die Räume der Bernhard-Häuser, die von seinem Bruder Peter Fabjan bis heute weitgehend im Originalzustand erhalten werden. Gerade die Bilder der Habseligkeiten und Alltagsdetails lassen interessante Einblicke auf den Wohnmenschen Thomas Bernhard zu, für den das Finden, Bauen und Besitzen von Häusern nach eigenem Bekunden eine "höchste Befriedigung" darstellte.

Spartanisch und wehrhaft: Ein Gewehr lagerte in jedem Schrank und dazu betont schlichte Landgarderobe.

(Foto: Hertha Hurnaus/Brandstätter Verlag)

Der Rückzug hinter seine Mauern, in einen dick und vierseitig umschlossenen Hof wie in Obernathal, war dabei nicht nur Ausdruck der Weltfeindlichkeit und eines allgemeinen Ruhebedürfnisses. Es ist in diesen Adressen auch eine sehr frühe und sehr Bernhard'sche Variante der modernen Landlust zu erkennen und eine beinahe romantische Inszenierung des Provinzlebens. So waren ihm etwa gepflegte Streuobstwiesen und Gemüsegärten bei seinen Häusern immens wichtig, ohne dass er sich freilich je um den eigentlichen Ertrag und gärtnerischen Nutzen kümmerte. ("Die Natur interessiert mich überhaupt nicht, weder die Pflanzen noch die Vögerl, weil ich die sowieso nicht unterscheiden kann voneinander und noch heute nicht weiß, wie eine Amsel ausschaut.") Aber er wusste eben, dass diese Dinge hierhergehörten und die Topografie der Orte danach verlangte. In diesem Sinne hatte er ein meisterhaftes Gespür für das ländliche Ideal, auch in der Renovierung und Einrichtung. Kitsch und Unnötiges entfernte er, anderes renovierte Bernhard aufwendig oder fügte es nachträglich so geschickt hinzu, als wäre es schon immer dort gewesen.

Er besaß einen großen Sinn für die Würde von handwerklicher Arbeit und Werkstoffen, der sich auch in seiner manischen Leidenschaft für englische Schuhe ausdrückte. In den Zimmern führte seine Hingabe an das Wahre und Gute zu einer beinahe meditativen Raumgestaltung, in der sich bäuerliche Kargheit und bürgerliches Idyll abwechseln, mithin ein Mix, der heute wieder ziemlich zeitgeistig wirkt. Die Antiquitäten, die Thomas Bernhard auf Märkten und Auktionen in der Umgebung mit Schatzsuchereifer für seine Räume erstand, sind allesamt von ausgesuchter Qualität und mit Sorgfalt arrangiert - hier ein kleines Napoleonporträt auf gekalkter Wand, da ein silberner Kerzenständer im Fenster oder farblich zum Stuhlpolster passende Pantoffeln. Verleger Unseld notierte dann auch nach einem ersten Besuch: "Der Wohntrakt ist spartanisch einfach eingerichtet, mit einem luxuriösen Bad."

Fluchtort im Wald - das "Krucka" genannte Häuschen erstand Thomas Bernhard als zweite Immobilie.

(Foto: Hertha Hurnaus/Brandstätter Verlag)

Der Ausstattungseifer des Großschriftstellers führte zu allerlei kauzigen Fußnoten. So entwarf er nicht nur massive Garderobenständer, Deckenleuchten und Küchentische selbst, sondern auch einen kuriosen Kachelofen, der auf dünnen Metallfüßen balanciert und der ihn in seiner seltsamen Form offenbar zutiefst befriedigte. Bernhard ließ jedenfalls diesen Ofen dann insgesamt noch zwölf Mal anfertigen, so dass in allen seinen Häusern heute mehrere dieser flaschengrünen Ungetüme zu finden sind. Neben der gleichzeitigen Freude an banalen technischen Geräten - es gibt eine Schuhputzmaschine, etliche Fernseher, Radios, Musiktruhen und Plattenspieler -, zeigen die Einrichtungen vor allem auch einen Hang zur theatralischen Kulisse. Vieles wirkt, als müsste er sich selbst mit diesen Inszenierungen von der Wohnlichkeit seiner Mauern und seines Daseins überzeugen, oder wie es die Kulturwissenschaftlerin Barbara Vinken in einem begleitenden Aufsatz schreibt: Es sieht aus, als hätte hier jemand "Haus" gespielt. Da ist etwa die perfekt ausgestattete Profiküche in Obernathal mit einem herrlichen Seppelfricke-Gasherd, die er nie benutzte. Denn naturgemäß kochte Thomas Bernhard nicht, lieber ging er ins Wirtshaus und bestellte Frittatensuppe und andere hiesige Hausmannskost mit der gleichen Hingabe, mit der er sie in seinen Texten wieder verteufelte. Mit Sorgfalt hat der Einzelgänger aber auch eine Armada aus Bierkrügen und im Flur viele Paar Filzpatschen sauber aufgereiht, als gelte es, jeden Tag ein paar Dutzend Gäste zu empfangen. Jagdgewehre platzierte er operettenhaft in den Zimmerecken oder in seinen Schränken, als Symbole allgemeiner Wehrhaftigkeit vielleicht oder als Spiegel der Sprengkraft in seinen Texten. Zierliche Biedermeier-Schreibtische stehen überall. Schreibtische, auf denen er nie schrieb, die aber allesamt eben aussehen wie mustergültige Dichtertische - säuberlich versehen jeweils mit einem Sterbebild oder einer anderen traurigen Erinnerung, als Maßnahme gegen Frohsinn.

Die Interieurs wirken puppenstubig und wie gefälscht. Man ahnt, dass der Hausherr Gefallen an dieser scheinbaren Wohnlichkeit hatte, an einer von ihm leicht verbogenen Wirklichkeit der urigen Orte, die doch nach außen hin trutzig und echt wirken. Genau wie auch Thomas Bernhard selbst sich hier trutzig verkleidete, als knorriger Landadeliger, der sich mit Stiefeln, Mantel, Kaschmirpullover unter die Einheimischen mischte. In der Stadt gab er eher den dandyhaften Flaneur, den leichten Cabriofahrer und Anzugträger. Auf den Landsitzen hortete er dagegen schwere Kleidungsstücke aus Filz, Loden und Leder.

Perfekt eingerichtet aber nie benutzt: Die Küche in Obernathal.

(Foto: Hertha Hurnaus/Brandstätter Verlag)

Die Fotos von den gut bestückten Kleiderschränken und Schubladen gehören zu den ergiebigsten und schönsten in dem vorliegenden Bildband. Beinahe rührend etwa wirkt die obskure Sammlung von ländlichen Filzhüten und Lodenmänteln, die in der kleinen "Krucka" bereitsteht - für die Idee eines Waldspaziergangs. Dieses abgeschiedene Häuschen erwarb Bernhard übrigens als Fluchtort, nachdem die Adresse des Hofes in Obernathal bekannt geworden war und immer häufiger Anhänger dort vorbeikamen. Es wurde dann doch zu viel Publikum für seine Wohnbühne.