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Dem Geheimnis auf der Spur:Sex, Crime und Weltliteratur

Okkultismus und Verschwörungen: Titelbild der zweiten Buchauflage von "Der Geisterseher" aus dem Jahr 1797.

(Foto: Privat)

Friedrich Schillers Buch "Geisterseher" ist einer der besten Krimis aller Zeiten. Aber warum blieb der Roman unvollendet?

Von Florian Welle

Mit dem "Geisterseher" erzielte Friedrich Schiller zu Lebzeiten seinen größten Publikumserfolg. Die Leser lechzten nach einer Fortsetzung des Fragment gebliebenen Romans, ohne den der Boom der romantischen Schauerliteratur undenkbar wäre, der bald darauf einsetzte. Noch 150 Jahre später schwärmte Thomas Mann von dem "prachtvollen Sensationsroman". Heute ist er nur mehr Insidern bekannt. Schiller kennt man als den Autor der "Räuber", des "Wilhelm Tell", des "Wallenstein", vielleicht noch der Ballade "Die Glocke". Höchste Zeit also, an einen hochmodernen Text zu erinnern, der von Geheimnissen ebenso durchwirkt wie umwoben ist.

In dem Buch werden Geister beschworen, Köpfe abgetrennt, und es wird Geld verzockt

Schiller arbeitet am "Don Karlos" als es gilt, für seine Zeitschrift Thalia neue Abonnenten zu gewinnen. 1785 erschien das erste Heft noch als Rheinische Thalia und verkaufte sich mehr schlecht als recht. Der Dichter beschließt, den "Don Karlos" beiseite zu legen und dem wachsenden bürgerlichen Lesepublikum zu geben, wonach es verlangt: Intrigen, Spannung, Okkultismus. Also: Sex und Crime.

Als im vierten Thalia-Heft 1787 "Der Geisterseher. Aus den Memoires des Grafen von O**" erscheint, übertrifft er die Erwartungen. Wie schon in den Dramen versteht es Schiller, mit dem ersten Satz die Neugier zu wecken: "Ich erzähle eine Begebenheit, die vielen unglaublich scheinen wird, und von der ich großenteils selbst Augenzeuge war."

Fortan geht es atemlos durch die Nacht. Es ist Karneval, und Blitze illuminieren die Palazzi und Gassen Venedigs, in denen ein protestantischer, von "religiöser Melancholie" angekränkelter Prinz Opfer einer undurchschaubaren Verschwörung wird - Schiller etabliert die Lagunenstadt als todesverfallenen Ort par excellence. So verwinkelt wie die Stadt ist auch der Text. Munter wechselt Schiller die Erzählperspektiven, schiebt Dialoge, Briefe und Binnenerzählungen ein. Literarische Nebelkerzen allesamt mit dem Zweck, das rätselhafte Geschehen noch ein bisschen rätselhafter erscheinen zu lassen.

Im Verlauf, an dessen vorläufigem Ende der Prinz zum Katholizismus konvertiert, werden Geister beschworen, Köpfe abgetrennt, wird Geld verzockt, tauchen dubiose Gestalten wie "der Sizilianer" und der noch zwielichtigere "Armenier" auf. Und wieder ab. Eine ätherische Schönheit gibt sich natürlich auch die Ehre. Doch kann man der "Griechin", die dem Prinzen den Verstand raubt, wirklich trauen? Die Auflösung verweigert Schiller. Er arbeitet mit Cliffhangern: ". . . den Schluss ein andermal". Eine echte Kolportage.

Er spielt mit der Erwartungshaltung der Käufer und ihrem Faible für die Nachtseiten der Aufklärung. Im Verborgenen operierende Geheimbünde von den Illuminaten über die Jesuiten bis zu den Freimaurern erregten damals die Gemüter. "Der Armenier" hat ein reales Vorbild: Giuseppe Balsamo, bekannt als Graf von Cagliostro. Der italienische Hochstapler verstand es, bis zu seiner Entlarvung ganz Europa mit fingierten Geisterbeschwörungen zum Narren zu halten.

"Wir sehen der Fortsetzung mit Verlangen entgegen", fordert gleich nach Erscheinen die Gothaische gelehrte Zeitung. Doch Schiller zaudert. Sein Hadern wird ihn bis zur Aufgabe der Arbeit 13 Jahre später begleiten. Am 6. März 1788 gesteht er dem Freund Christian Gottfried Körner: "Dem verfluchten Geisterseher kann ich bis diese Stunde kein Interesse abgewinnen; welcher Dämon hat mir ihn eingegeben!"

Warum diese Abwehr gegen einen Stoff, der so viel Erfolg bringt? Bereits Thomas Mann vermutete, dass sich Schiller in der Romanform nicht in seinem Reich gefühlt habe. Die Annahme Manns deckt sich mit Aussagen Schillers, der im Romancier immer nur den Halbbruder des Dichters gesehen hat. Daher ist zu verstehen, warum er den "Geisterseher" in einem anderen Brief an Körner als "Schmiererei" bezeichnet. Eine poetische Herausforderung sieht für ihn anders aus.

Doch ringt sich Schiller zunächst zu einer Fortsetzung durch und schlüpft wieder in die Rolle des Unterhaltungsschriftstellers, die er dank überbordender Erfindungsgabe wie kein Zweiter beherrscht - des dringend benötigten Geldes wegen. "Ich schmachte nach dem Augenblick, wo ich anfangen kann, Schulden zu bezahlen, und dieses will erschrieben sein", gesteht er Körner im Juni 1788. Freilich dauert es nicht lange, und der ganze Widerwille meldet sich erneut. "Mich beschäftigen jetzt Dinge, die mein Herz nur flach rühren, der Geisterseher und dgl. Ich sehe mit Sehnsucht der Epoche entgegen, wo ich meine Beschäftigungen für mein Gefühl besser wählen kann", jammert er seinen beiden Herzensdamen Lotte von Lengefeld und Caroline von Beulwitz vor.

Gerade das Fragmentarische macht heute den Reiz des Fortsetzungsromans aus

Das Hin und Her geht noch eine ganze Weile weiter. Bis zum 8. Heft der Thalia (1789) liefert Schiller Fortsetzungen, parallel dazu arbeitet er an einer Buchausgabe, in der vieles umgearbeitet ist. Doch letztlich bleibt sein einziger Roman für ihn "eine Farce". Wörtlich genommen war er in der Tat nichts anderes. Farce kommt aus dem Französischen und bezeichnet ein Füllsel. Im Juni 1800 gibt er dann endgültig die "unerhörte Geschichte" auf.

Zahlreiche Schriftsteller von Emanuel Friedrich Follenius (1796) bis Kai Meyer (1995) versuchten sich an einer Vollendung des Krimis. Abgesehen davon, dass naturgemäß sich keiner mit Schiller messen kann, macht gerade das Fragmentarische den Reiz des Geistersehers aus: Da das Geheimnis immer noch einer Auflösung harrt, kann jeder bis heute rätseln, welches Schicksal Schiller dem Prinzen zugedacht hatte.

© SZ vom 26.09.2015
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