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Dem Geheimnis auf der Spur:Rollenwechsel

Catharina Margaretha Linck (r.) wechselte nicht nur die Kleider, um als Mann zu erscheinen, sondern auch die Konfessionen nach Belieben.

(Foto: Württembergische Landesbibliothek, Stuttgart/Crim.R.qt.136)

Soldat, Prophet, Liebhaber: Catharina Margaretha Linck verbrachte die meiste Zeit ihres Lebens in Männerkleidern. Damit wurde sie zum Gesprächsstoff bis in die höchsten gesellschaftlichen Kreise - und ein Fall für den König.

Von Florian Welle

Daß Sie sich in Mannskleyder gesteckt, das hätten ja mehr WeibsLeuthe getahn." 33 Jahre alt ist Catharina Margaretha Linck, als man sie 1720 in Halberstadt anklagt, das Leben eines Mannes geführt, geheiratet und Sodomie getrieben zu haben. Ihre Verteidigung vor der Inquisition lässt aufhorchen. Hier versucht sich die gelernte Knopfmacherin, die als Mann die meiste Zeit unter dem schönen Pseudonym Anastasius Rosenstengel gelebt hat, hinter einer langen Tradition weiblicher Travestie zu verstecken.

Viel wurde in den letzten Jahren über Gender geschrieben, und wer dabei nur an Grand-Prix-Stars wie Conchita Wurst denkt, der irrt. Dabei blieb die Geschichte von Frauen in Männerkleidern lange unbemerkt. Bis Rudolf Dekker und Lotte van de Pol nachwiesen, dass allein in den Niederlanden zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert 120 weibliche Cross-Dresser gelebt haben. Das erlaubt den Rückschluss: Catharina Margaretha Linck hat ihre Gerichtsaussage nicht aus der Luft gegriffen, um doch noch dem sicheren Todesurteil zu entkommen. Sondern sie hat die Wahrheit erzählt.

Schon zu Lebzeiten sorgte ihr Schicksal bis in die höchsten Kreise für Aufsehen

Aus welchen Gründen aber hat sie sich jahrelang als Mann ausgegeben? Ein Blick auf die Ereignisse bringt Licht in ein rastloses Leben, das bereits in einem Bericht an den Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. als "seltzsahmer casus" bezeichnet wurde. Bis in höchste Kreise sorgte das Schicksal der Catharina Margaretha Linck alias Anastasius Rosenstengel für Aufsehen.

Linck wird 1687 in Gehofen geboren, ein Soldat hatte die Mutter geschwängert. Catharina wächst in armen Verhältnissen auf. Materielle Sicherheit erlangen Mutter und Tochter erst ein paar Jahre später in Glaucha. Hier kommen sie in dem neugegründeten Waisenhaus des Pietisten August Hermann Francke unter, der Keimzelle der späteren Franckeschen Stiftungen. Dort heißt es für das Mädchen: arbeiten und beten. Bis sie ausreißt. Sie wird zurückkehren, doch auf der Flucht kommen erstmals ihre Charakterzüge zum Vorschein: Freiheitsdrang, Selbstbewusstein, Mut. Aber auch eine kriminelle Energie.

Mit 15 Jahren verlässt sie kurzerhand den Lehrherrn, bei dem sie Knopfmacherin lernt, und geht auf Wanderschaft. Dazu verwandelt sie sich erstmals in einen Mann, besorgt sich sogar ein Horn, mit dem sie im Stehen pinkeln kann. Für Angela Steidele, der wir eine schöne Biografie zu Catharina Maria Linck verdanken, ist der Lebensweg der jungen Frau bis dahin typisch für all ihre Geschlechtsgenossinnen aus dem einfachen Volk, die in Männerkleidung schlüpfen: "Im frühen 18. Jahrhundert standen ihr mit einem Mal Berufsmöglichkeiten, Verdienstquellen, Freiheiten und Rechte offen, von denen sie vorher nur träumen konnte." Catharina Margaretha Linck sieht in der neuen Rolle die Chance, der Armut zu entkommen. Einerseits. Andererseits ermöglicht sie ihr als lesbische Frau, endlich andere Frauen zu lieben. Doch bevor sie als Soldat im Spanischen Erbfolgekrieg kämpft und dort auch ihre Sexualität in vollen Zügen auslebt, schließt sie sich als Anastasius Rosenstengel einer radikalpietistischen Sekte an, lässt sich erneut taufen und gibt sich als Prophet aus. Es ist vor allem dieser spiritistische Zug, der Lincks Biographie stark unterscheidet von den Fällen anderer Frauen in Männerkleidung.

1705 heuert sie bei den Truppen des Kurfürstentums Hannover an - wir haben sie uns als kräftige Frau vorzustellen. Hat sie sich bis dahin Anastasius Rosenstengel genannt, so nimmt sie im Lauf ihrer siebenjährigen Soldaten-Karriere diverse Namen an: Nennt sich mal Anastasius Beuerlein mal Peter Wannich mal Cornelius Hubsch. Als Soldat fertigt sie für sich auch ein "von Leder gemachtes ausgestopfftes Männliches Glied" an, an das sie einen "Beutel von Schweine Blasen gemacht", und verkehrt so mit Frauen. Zwischenzeitlich scheint sie genug vom Kämpfen zu haben, desertiert. Doch man fängt sie ein. Es wartet die Todesstrafe, der sie nur entkommt, weil sie dem Beichtvater ihr wahres Geschlecht anvertraut. Der meldet den Fall und statt am Galgen zu hängen, wird Linck nach 16 Wochen Gefängnis entlassen. Als Frau.

Doch Ruhe kehrt nicht ein. Im Alter von 30 Jahren nennt sich Linck wieder Anastasius Rosenstengel und verliebt sich in Halberstadt in die elf Jahre jüngere Catharina Margaretha Mühlhahn. 1717 heiratet das Paar, sehr zum Missfallen der Schwiegermutter, die von Anfang an hinter Anastasius eine Frau vermutet. Dass auch die sogenannte Mühlhahnin nicht bemerkt haben will, mit wem sie ins Bett steigt, wie sie später aussagt, mag glauben wer will.

Während Linck es bisher geschafft hat, sich als Mann durchzuschlagen, gelingt es ihr nicht, für die Gattin zu sorgen. Die Ehe ist eine Katastrophe, Schläge inklusive. Das Paar zieht bettelnd umher, in Münster gibt man sich beim Jesuitenkolleg als reuige Sünder aus und kommt so für ein Jahr unter. Im Gegenzug heißt es zum Katholizismus zu konvertieren und ein zweites Mal zu heiraten. Danach müssen beide wieder betteln, und Linck - ihre Frau ist mittlerweile zur Mutter zurückgekehrt - spielt in Helmstedt ein zweites Mal das religiös verirrte Schäflein. Sie lässt sich ein viertes Mal taufen und wird wieder Lutheranerin.

Als sie schließlich ihre Frau holen will, um diese erneut zu ehelichen, funkt die Schwiegermutter endgültig dazwischen. Bei einem Handgemenge wird Lincks Lederdildo entdeckt. Es folgt ein langer, komplizierter Inquisitionsprozess, an dessen Ende Catharina Margaretha Lincks Enthauptung wegen des Verbrechens der Sodomie im November 1721 steht. Wenige Monate vor ihr starb auf Jamaika eine andere berühmte Frau in Männerkleidung im Gefängnis an Fieber: Die berüchtigte englische Piratin Mary Read.

© SZ vom 14.11.2015
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