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Dem Geheimnis auf der Spur:Gruselmärchen

La mansion de los Cthulhu aka Cthulhu Mansion Spanien Großbritannien 1992 Regie Juan Piquer Sim

In Horrorfilmen tauchen die bizarren Figuren von Lovecraft oft auf, wie hier in „Cthulhu Mansion“.

(Foto: imago/United Archives)

Der amerikanische Autor H.P. Lovecraft ist berühmt für seine Horrorgeschichten. Doch viele davon hat er gar nicht selbst verfasst.

Howard Philipps Lovecraft war ein unglücklicher Mensch. Sein Vater war geistig umnachtet in der psychiatrischen Abteilung des Butler-Hospitals in Providence, Rhode Island, gestorben. Seine Mutter verzärtelte ihn so sehr, dass sie nicht einmal wagte, mit ihm spazieren zu gehen - aus Angst, ihm dabei den Arm abzureißen. Der einsame H. P. Lovecraft fand nur Trost bei seinen Geschichten von außerirdischen Monstern, die seit Millionen Jahren in der Tiefe hausen und nur darauf warten, den lästigen Menschen an der Erdoberfläche den Garaus zu machen. Das Tentakelungeheuer Cthulhu, der Kugelgott Yog-Sogoth und ähnliche Wesen bevölkerten dieses fantastische Universum.

Berühmt wurden diese Geschichten erst nach seinem Tod 1937, zu Lebzeiten hielt sich sein Erfolg in Grenzen. Ab und zu wurde eine Erzählung in Groschenheften wie "Weird Tales" veröffentlicht. Erfolgreicher war Lovecraft damit, eine Fan-Gemeinde jugendlicher Möchtegern-Autoren um sich zu scharen, die ihre ersten Storys auch als Pulp-Fiction veröffentlichen wollten. Sie siedelten ihre Geschichten oft im Lovecraft-Universum an und bezogen sich häufig auf das geheimnisvolle Buch "Necronomicon", das Lovecraft sich ausgedacht hatte - eine Art Bibel verrückter Geheimwissenschaften.

In seinem Leben schrieb der Schriftsteller fast 50000 Briefe, manche bis zu 70 Seiten lang

Spätere Erfolgsautoren wie Robert E. Howard (der die "Conan"-Heldenreihe erfand), Clark Ashton Smith oder Robert Bloch (der Autor von Hitchcocks "Psycho") zählten dazu und schrieben eifrig Briefe an Lovecraft, die er meist innerhalb einer Woche beantwortete. Fast 50 000 Schreiben, manche mit bis zu 70 handschriftlichen Seiten, verfasste er. Man kann durchaus von einem literarischen Lovecraft-Circle sprechen.

Wie ein Sektenführer diskutierte der Meister mit seinen jungen Adepten Aspekte des Cthulhu-Kults und die Zukunft der gefährlichen, aber faszinierenden Wesen, die sie die "großen Alten" nannten. Der jüngste Jünger war Robert H. Barlow, der ihm mit 13 Jahren erstmals schrieb. Zwischen dem Autor und dem Fan entwickelte sich eine enge Verbindung. Im New Yorker hat Paul La Farge kürzlich die "komplizierte Freundschaft" der beiden gewürdigt und dazu noch in einem Roman verarbeitet. 159 Briefe schrieb Lovecraft an den Teenager, der in Florida wohnte. 2007 erschienen sie in dem Bändchen "O Fortunate Floridian" (Oh, du vom Glück begünstigter Floridianer).

1934 fasste der inzwischen 16-Jährige - er lebte allein bei seiner Mutter wie einst auch Lovecraft - Mut und lud den 43-jährigen Autor ein. Sieben Wochen verbrachte der Sonderling, der nicht gern reiste, bei Robert und dessen Mutter. Im Sommer 1935 kam er noch einmal für zwei Monate zurück. Weil Lovecraft nur kurz verheiratet war und Barlow später über explizit homosexuelle Themen schrieb, wird eine Liebesbeziehung zwischen beiden vermutet. Es gibt Briefe Barlows, in denen er unterdrückte "geheime Gefühle" erwähnt. Die beiden gingen fischen, ruderten, sammelten Beeren und verfassten zusammen Verse und Geschichten.

Die Erlebnisse verarbeitete Barlow 1936 in seinem Roman "The Night Ocean". Ein Maler zieht sich in ein Haus am Meer zurück. Eines Tages sieht er in der Ferne mysteriöse Gestalten sich aus den Wellen erheben, weiß aber nicht, wie er mit ihnen kommunizieren soll. Am Ende gibt er auf, begreifen zu wollen, was diese von ihm wollen. Gestalt und Verhalten der Wesen ähneln den Alten aus Lovecrafts Werk. Die Story wurde später als eine von Lovecraft veröffentlicht. Dabei hat er höchstens einige Sätze verändert. So beginnt das Geheimnis um die Autorenschaft diverser Werke des Schriftstellers.

Die Tage in Florida habe Lovecraft sehr genossen, heißt es in Barlows biografischen Notizen. Der hatte sich fast unentbehrlich gemacht. Der Fan sandte Lovecraft eigene Geschichten, angesiedelt in dessen Kosmos, die der Meister geduldig redigierte. Barlow hatte keine Freunde. Er tippte Lovecrafts Manuskripte ins Reine und diskutierte sämtliche Aspekte des Werkes mit dem Vorbild. Als der Schriftsteller mit nur 46 Jahren an Krebs starb, setzte er zum Entsetzen der anderen Adepten Robert Barlow als Verwalter seines literarischen Nachlasses ein.

Für alle unveröffentlichten Geschichten konnte Barlow nun festlegen, was aus der Feder des Meisters stammte und was nicht. Welche Werke Lovecraft geschrieben hat, ist philologisch nicht mehr endgültig zu klären. Barlow gebührt aber zweifelsfrei das Verdienst mit einer ersten Geschichtensammlung Lovecrafts Werk der Welt zugänglich gemacht zu haben. Dabei ließ er zunächst nur eine handgebundene Auflage von 75 Exemplaren herstellen.

Auch August Derleth, Gründer des Spezialverlages Arkham House, und andere aus dem Kreis gaben diverse "gemeinsam" mit Lovecraft geschriebene Werke unter dessen Namen heraus. Den obskuren Fan Barlow ließ man bei damaligen Fantasy-Fans jedoch lieber in Vergessenheit geraten. Man machte ihn neben der offenbarten homosexuellen Neigung auch für den zunehmenden Rassismus des späten Lovecraft verantwortlich.

Den wachsenden Einfluss von Lovecraft auf die literarische Szene hielt das nicht auf. Barlow erforschte und lehrte seit 1943 in Mexiko-Stadt die Aztekensprache Nahuatl. Vielleicht suchte er in den alten Indianerkulten, deren Götter den Monstern von Lovecraft so ähneln, auch nach Hinweisen auf seine Kindheitsträume von Cthulhu und Yog-Sothoth. Doch Robert Barlow wurde immer häufiger von Depressionen und Ängsten heimgesucht. 1951 nahm er sich mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben. Aber er hatte den Traum von Cthulhu gelebt.

© SZ vom 14.10.2017
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