Dem Geheimnis auf der Spur Die Guanchen

(Foto: Mauritius Images)

Woher stammen die Ureinwohner der Kanaren, die im 15. Jahrhundert von den Spaniern vernichtet wurden? Forscher rätseln bis heute.

Von Roswitha Budeus-Budde

Wurde die alte Tradition der "Gastlichkeit des Ehebetts" dem spanischen Eroberer Hernán Peraza auf La Gomera zum Verhängnis? Missverstand er die Geste, dass dem Gast neben dem Mahl auch die Ehefrau angeboten wurde? Als er ein heimliches Liebesverhältnis mit Yballa, der Tochter des Inselfürsten, begann, wurde er von ihrem Mann Hautacuperche, dem Anführer der Aufständischen, im Jahr 1488 ermordet. Diese Geschichte ist eine der wenigen überlieferten Zeugnisse, die über die Tradition der Guanchen, der Ureinwohner der Kanarischen Inseln, erzählt wird.

Schon in der Antike beschäftigten Teneriffa, Gran Canaria, Lanzarote, Fuerteventura, La Gomera, La Palma und El Hierro - heute der südwestlichste Zipfel Europas vor der Küste Marokkos - die Fantasie der Seefahrer, Dichter und Philosophen. Schien es doch, als ob sie eng mit dem Mythos und der Suche nach dem sagenhaften Atlantis verbunden waren. So erzählt Platon vom Untergang Atlantis' nach einem Erdbeben um 9000 vor Christus, das nur die Bewohner der Berge, die Ureinwohner, überlebten. Andere antike Quellen berichten von einem Bergvolk, das vom Atlasgebirge aus bei einem Tsunami 5000 vor Christus bis auf die Kanaren gespült wurde und am Teide auf Teneriffa siedelte.

Bis heute ist es nicht gelungen, die Herkunft der Ureinwohner und den Zeitpunkt der Besiedlung wissenschaftlich stichhaltig nachzuweisen. Theorien und Spekulationen beflügeln die Vorstellungen der Etymologen und Archäologen. Neben dem "Atlantismythos" wird die portugiesische "Muschelsammlertheorie" verfolgt - bei der Muschelscherbenhaufen auf den Kanarischen Inseln in Verbindung gebracht werden mit Muschelfunden in Skandinavien, England und Irland, deren Ursache auf eine riesige Völkerwanderung 5700 vor Christus hindeutet. Auch die "Amerikatheorie", die davon ausgeht, dass die Kanarischen Inseln von Amerika aus besiedelt wurden, ist Gegenstand der Forschung.

Die Bewohner der Kanaren sind bis heute keine Seefahrer, sondern Bauern und Viehzüchter

Schon die Frage, wie die Ureinwohner auf die Inseln gelangten, wann und woher auch immer, konnte bis heute nicht beantwortet werden. Denn anders als die Mittelmeeranlieger sind die Bewohner der Kanaren bis in die Gegenwart keine Seefahrer, sondern Bauern und Viehzüchter. Nach der von einigen Archäologen vertretenen "Atlantischen Westkulturtheorie" sind die Urkanarier wohl Abkömmlinge von Frühmenschen der cromagnoiden Zeit, die als friedliche Seefahrer auf Einbäumen aus Drachenholz die westeuropäischen Küsten und die Mittelmeerinseln besiedelten. Allerdings müssten diese nautischen Fähigkeiten in späteren Jahrtausenden verloren gegangen sein. Zwar finden sich auf den Kanarischen Inseln Steinkreise wie in Stonehenge oder in der Bretagne und in den Kulthöhlen der Kanaren Malereien und ähnliche magische Zeichen wie in Irland, Sizilien und Kreta, auch Plastiken aus Stein, wie die "Urmutter von Tara" auf Gran Canaria. Doch zwischen den Inseln gibt es bis heute neben dem Fährverkehr, Ferienseglern und Ausflugsbooten keinen regen Handel oder kulturellen Austausch. Jede der Inseln hat über die Jahrhunderte eine eigene soziale und politische Entwicklung genommen, die bis heute die Faszination der Kanaren ausmacht.

Bleibt nun die Herkunft der Guanchen im Dunkeln? Wenn man einheimischen Archäologen und ihrer "Inselberbertheorie" glauben kann, dann wissen sie, woher ihre Vorfahren kamen: aus Nordafrika. Auf großen Schautafeln im "Centro de la Cultura Popular Canaria" im Lorbeerwald von La Gomera sind die Wanderungen der Berber abgebildet. Sie sollen ab 500 vor Christus, durch Trockenheit und die römische Besatzung vertrieben, auf einfachen Schilfbooten die etwa 100 Kilometer bis zur nächstgelegenen Kanarischen Insel, Fuerteventura, überwunden haben. Mit Ziegen, Hausrat und ihren Familien zogen sie in Höhlen, legten Terrassen mit einem ausgeklügelten Wassersystem für die Landwirtschaft an. Bekräftigt wird diese Theorie durch etymologische Funde, die verwandte Begriffe in den nordafrikanischen Sprachen belegen. Schon die Bezeichnung "Guanchinet" lässt sich von der Sprache der Berber ableiten. Ein Berberstamm nennt sich Ghomera, und der Name Agulo, des schönsten Dorfes auf Gomera - mit Blick auf den Teide in Teneriffa - scheint sprachverwandt mit Aguglu, einem Dorf in Marokko. Auch der Begriff für Himmel, "Tigotan", ist in beiden Sprachen gleich.

Die Ursprungsgeschichte der Kanarischen Inseln wird weiter schwer zu erforschen sein, weil kaum Quellen überliefert wurden. Bei den spanischen Eroberungszügen wurden zwei Drittel der Bevölkerung vernichtet oder versklavt, und mit der Missionierung verschwanden auch die Religion und Kultur der Guanchen. Jede Insel hat ihre eigene Eroberungsgeschichte. Besonders blutig für die Spanier wurde der Krieg um La Gomera, der 1404 mit Jean des Béthencourt begann und nach dem Tod des Statthalters Hernán Peraza 1488 nicht beendet war, auch wenn Hautacuperche bald in den Kämpfen umgebracht wurde.

Sein bronzenes Standbild, vier Meter hoch, steht seit 2007 am Strand im Valle Gran Rey auf La Gomera. Der Held kehrt dem Meer den Rücken zu, schaut, mit Speer und zerstörtem Helm in den Händen, seltsam martialisch und verloren über die Bananenfelder und Gärten auf die Vulkanberge. Auf ihren Terrassen lebt die Tradition der Guanchen weiter, im El Silbo, der Pfeifsprache, mit der sich die Hirten in den Canyons verständigen, und die wieder in der Schule in Gomera gelehrt wird. Und auch bei den Töpferinnen in Chipude und in den traditionellen Festen und Tänzen.