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Bequem reisen mit Stil:Weiche Landung

Einst kannte man es nur als aufblasbares Nackenhörnchen, doch das Reisekissen hat eine bemerkenswerte Design-Karriere gemacht. Ob als gepolsterter Taucherhelm, diskrete, faltbare Schiene oder Oberkörper-Airbag - es ist das Accessoire der Stunde.

Von Jan Stremmel

Den Kopf auf dem Koffer, die Augen mit einem T-Shirt verbunden, den Körper am Gepäckschalter embryonal zusammengefaltet: Wer zuletzt Nachrichten geschaut hat, sah Reisende in verschiedensten Haltungen schlafen. Keine davon wirkte bequem. Das Chaos auf deutschen Flughäfen, das Urlauber in diesem Jahr frustrierte, aber wenigstens Sommerlochsendezeit füllte, warf nebenbei ein interessantes Schlaglicht auf ein sonst eher randläufig erforschtes Phänomen: das mobile Schlafen.

Nun handelt es sich beim Ruhen im öffentlichen Raum grundsätzlich um eine nicht gerade würdevolle Angelegenheit. In einer Abflughalle sitzend, mit schlackerndem Kopf und trielendem Mund, ist die Sache aber besonders unansehnlich. Und die Bilder der so schlummernden Urlauber sind nicht nur Warnung an allzu optimistische andere Reisende - sondern auch Beleg dafür, wie schlecht vorbereitet wir oft in solche Unwägbarkeiten gehen. Verglichen mit vielen anderen Ländern herrscht diesbezüglich in Deutschland eindeutig Lernbedarf.

Ein bisher unterschätztes Accessoire rückt nun vielleicht endlich ins Bewusstsein: das Reisekissen. Anderswo ist man da längst weiter. Auf inner-amerikanischen oder asiatischen Mittelstreckenflügen etwa tragen viele Fluggäste schon in der Schlange beim Check-in ihr Nackenhörnchen. Ausgerechnet im praktisch veranlagten Deutschland gelten diese Kissen indes immer noch als unschön und stillos.

Nun aber, da man jederzeit damit rechnen muss, noch am Flughafen übernachten zu müssen, wäre es an der Zeit, sich im Angebot der Reisekissen mal umzusehen - und siehe da, der Sektor hat sich seit ein paar Jahren in ein blühendes Innovationsfeld voller gewitzter Ingenieursideen verwandelt. Gibt es hierzulande noch vor allem die styroporkügelchengefüllten Kinder-Nackenhörnchen mit Kuhflecken zu kaufen, blüht im Netz der Handel mit falt-, heiz-, kühl- oder aufblasbaren Designobjekten, bei denen man ohne Anleitung nicht mal sicher sagen kann, wo genau daran nun der müde Kopf befestigt werden soll.

Es gibt dezente Varianten wie das "Trtl Pillow", eine Art faltbare Schiene, so schlank und auffällig wie ein aufgeklappter Hemdkragen. Es gibt aber auch Giganten wie das "Ultimate"-Reisekissen von Travelrest, in etwa so unauffällig wie eine quer vor die Brust gebundene Schwimmnudel. Dann wäre da noch das "Ostrich Pillow", eine Art textiler Taucherhelm, den man über den ganzen Kopf steckt und in dem sogar die Hände Platz finden. Schön ist der zwar wirklich nicht, dafür mutmaßlich gemütlich.

Vor allem hat das Helmkissen im Flughafenchaossommer einen Vorteil: Sollte man damit beim Schlafen in der Abflughalle gefilmt werden, muss man das eigene, vom Erschöpfungsschlummer entgleiste Gesicht wenigstens später nicht in den Abendnachrichten ansehen.

© SZ vom 18.08.2018
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