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Abendmode der Deutschen:Merkel und ihr deutsches Partyvolk

Damals, als Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Oper zu Oslo den Kleiderskandal provozierte, ging es in der Debatte um den tiefen Ausschnitt, nicht aber um das Kleid an sich. Tatsächlich war das Dekolleté der einzige Trumpf einer ansonsten etwas altbackenen Robe.

Ein andermal marschierte Merkel in einem Kleid über den Bayreuther roten Teppich, unter dessen zu kurzem Rock hautfarbene Nylonsöckchen hervorblitzten. Das Volk hat es ihr nicht verübelt. Es erwartet von seiner Kanzlerin, dass sie die Renten sichert, nicht, dass sie dabei auch noch gut aussieht. Klar, da ist was dran. Darüber hinaus dürften die Nylon-Söckchen aber einen geradezu tröstenden Effekt gehabt haben - hätten doch die meisten keinen blassen Schimmer, welchen Fummel sie sich bei so einer Gelegenheit überwerfen sollen.

101. Bayreuther Festspiele - Eröffnung

Nylonsöckchen und Abendmode aus Seidentaft haben in Deutschland Tradition - auch bei Bundeskanzlerin Angela Merkel.

(Foto: dpa)

Wer nicht nur erfolgreich ist, sondern dabei auch noch gut aussieht, ist den Deutschen sowieso suspekt. Bis vor ein paar Jahren sei es unter deutschen Stars cool gewesen, möglichst nachlässig auf Events zu kommen, nach dem Motto: Wer Wert auf sein Aussehen legt, ist kein echter Künstler, erzählt Patricia Riekel. Die typisch deutsche Einstellung "Wenn du zu viel in den Spiegel schaust, schaut der Teufel wieder raus" wandle sich nur langsam. Die Festspiel-Perfektion etwa der Guttenbergs wird nicht nur bewundert, sondern immer auch misstrauisch beäugt.

Pastellfarbene "Sahnebaisers"

Merkel hingegen ist ihrem Partyvolk modisch ähnlich. Und das trägt einen mitunter absurden Mix aus schlecht sitzenden Smokings, gerne auch mit ein bisschen Glanzeffekt, und - warum nicht - Schuhen mit Gummisohle. Außerdem: pastellfarbene "Sahnebaisers", wie es Wolfgang Joop einmal formulierte, und Seidenschals, die die Oberarme verdecken sollen. Meistens natürlich in Schwarz, denn Schwarz - alte deutsche Style-Regel - passt ja zu allem. Die Sektgläser werden stets korrekt am Stiel gehalten, die Lippenstiftmünder beim Bussi gespitzt, damit bloß nichts kleben bleibt. Mit jedem Detail signalisiert der deutsche Feingemachte aus, dass er jetzt eben fein unterwegs ist.

Hier und da mischt sich, je nach Event, auch mal eine Funktionsjacke unter die Menge, als ob der Weg zum Fest eine Begebenheit wäre, die mit der Gala nichts zu tun hat. Die Dekolletés der Mittelklasse ziert sachlicher Schmuck, schnörkellos, gern Silberbügel mit mickrigen Anhängern. Diese Provinz-Goldschmied-Träume sind typisch deutsch, die Angst vor zu großem Schmuck gibt es in keinem anderen Land. In Frankreich und Italien tragen die Damen ihre Diamanten so nonchalant, als wäre es einfacher Strass.

Sie würden den Weg zur Gala auch nicht in festem Schuhwerk antreten, das sie dann an der Garderobe gegen die Pumps mit dem kleinen Absatz oder metallisch glänzende Sandalen in der Tüte eintauschen. Letztere werden auch gerne zu hautfarbenen oder - schlimmer - glänzenden Strumpfhosen getragen. Gegen die Kälte.

Abendkleider wie Gardinen

Von regelmäßigen Vorfällen dieser Art berichtet eine Kölner Dame, die sich selbst eher von der internationalen Mode inspirieren lässt und an einem solchen Abend mindestens drei Mal den folgenden Altherren-Spruch weglächeln muss: Für diese Schuhe brauchen Sie aber einen Waffenschein! Ihre Schuhe sind meistens von Prada, spitz und ziemlich klassisch.

Deutsche Frauen hielten es mit Abendkleidern so wie mit Gardinen, sagt sie: nicht zu lang, sondern auf praktischer Knöchellänge, so dass das Kleid nicht schmutzig wird und man nicht drüber stolpert. Sie kämen nie auf die Idee, dass man ein Abendkleid beim Laufen in der Hand raffen kann. Und dass man in einer Robe eben nicht im Kartoffelfeld-Stechschritt marschieren darf, so wie sonst, im Funktionsjackenleben. Sie selbst fühle sich auf solchen Veranstaltungen regelmäßig wie eine Besucherin aus einer Modemagazin-Parallelwelt.

Deutscher Modegeschmack: Halt, Sicherheit, Schutz

Den inneren Konflikt zwischen der Lust am Herausputzen und dem Verzicht aufs Funktionale verbildlicht nichts deutlicher als all die pflegeleichten Kurzhaarschnitte, die beim Bundespresseball auf Seidentaft treffen. Es ist ein verstörender, gleichzeitig irgendwie anrührender Kontrast: wie Menschen in falschen Körpern. Fließende Mousseline-Stoffe, die selbst älteren Frauen gut stehen, wenn das Kleid Ärmel hat, sieht man hingegen nur selten.

Es ist, als hätten die Damen Angst, dass mit solch luftigen Stoffen das ganze eigene patente Dasein wegflösse. So wie mit leicht-luftigem Haar. Festgetackerte Helmfrisuren und steifer Taft hingegen geben Halt, Sicherheit, einen Schutz vor dem Aufdonner-Kontrollverlust.

Dabei könnte es doch so einfach sein: Wenn man den Rocksaum und das Fest einfach mal so feiern würde, wie sie fallen.

© SZ vom 09.11.2013/cal
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