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WM in Stuttgart:Knirschen am unteren Holm

Der Traum von der Medaille ist geplatzt: Elisabeth Seitz rutscht am Stufenbarren ab.

(Foto: Lionel Bonaventure/AFP)

Eine Medaille? Große Erwartungen legten Elisabeth Seitz und ihr Heimpublikum in das Stufenbarren-Finale bei der WM. Doch dann passiert ein winziger Fehler - mit großer Wirkung.

Auf einmal stand sie auf dem Boden. Mitten in der Übung hatte sie sich auf den unteren Holm gestützt, war zurückgeschwungen und setzte die Füße sauber und parallel auf die Matte. Still war es da plötzlich, alle waren irritiert, das war nicht vorgesehen.

Elisabeth Seitz, die Medaillenkandidatin am Stufenbarren bei dieser Weltmeisterschaft, blieb im Finale auf einmal hängen, mit diesem natürlich nicht gewollten Abgang. Nachdem die Stuttgarterin da ihren Schwung verloren hatte, war klar, dass sie nach hinten durchgereicht würde. Ein Wackler ist vielleicht noch verzeihbar, ein Abgang aber ist wie Runterfallen, gilt als Sturz und kostet einen Punkt. Noch einmal schwang sie sich hinauf und setzte ihre Übung fort, aber am Ende wurde sie Achte und Letzte. "Man hat eben die eine Chance", sagte sie hinterher, "man muss als Sportler wissen, dass wenn man ein Risiko eingeht, dass das in einem Sturz enden kann, das war mir im Voraus klar und das ist mir seit zehn Jahren in der Nationalmannschaft klar."

Weil auch der Hallenser Nick Klessing seine mit Höchstschwierigkeiten versehene Ringe-Übung zwar durchgezogen hatte, aber in den Handständen teils wackelte, bei den Kraftteilen manchmal in Schräglage geriet, verlor er fast zwei Zehntel in der Ausführungsnote. Somit blieb neben Seitz' zu Recht erhofftem Podestplatz für den Deutschen Turnerbund auch ein überraschender Top-Fünf-Platz an den Ringen aus, auch Klessing landete auf Rang acht.

Simone Biles gewinnt am Sprung ihren 17. WM-Titel

Turnen nahe an der Perfektion gab es dennoch an diesem ersten Finaltag, wie immer, wenn sich die Spezialisten an den Einzelgeräten messen. An den Ringen gewann der Türke Ibrahim Colak, am Pferd setzte sich der Brite und Olympiasieger Max Whitlock durch, und am Boden etwas überraschend der 19-jährige Philippine Carlos Yulo. Weniger überraschend war der eher mäßige fünfte Finalplatz der Rekordturnerin Simone Biles (USA) am Stufenbarren. Dieses Gerät liegt ihr eben nur so sehr, dass sie Fünftbeste wird und nicht Weltmeisterin, wie eine gute Stunde zuvor am Sprung, bei ihrem 17. WM-Titel. Da hatte sie einen gestreckten Riesensatz mit zweieinhalb Drehungen derart sicher und hoch gestanden, dass sie in der Ausführung zwar eine 9,666 von maximal zehn Punkten erhielt, man sicher aber fragte, warum nicht gleich eine zehn?

Wie perfektes Stufenbarrenturnen aussieht, das führte einmal mehr Nina Derwael aus Belgien vor, mit ihrer Übung zum zweiten WM-Titel. Derwael schwang wie mühelos hin und her, beiläufig Salti, Grätschen und Drehungen unterbringend, und setzte mit Leichtigkeit in den Stand. Elisabeth Seitz wäre dazu im Prinzip auch fähig, auch sie beherrscht in ihrer Übung das Hin- und Herschwingen zwischen den Holmen, wie sie es schon bei ihrem fünften Platz im Mehrkampf dieser WM vorgeführt hatte.

Doch diesmal geriet ihr eine Fehlerkette dazwischen, die ab einem bestimmten Punkt nicht mehr zu korrigieren war. Schon der Schwung zum ersten Handstand schien für einen Moment zu verkümmern, Seitz schaffte es aber noch in gerader Haltung nach oben. Ob sie dies schon irritiert hatte, ist unklar, definitiv aber störte der zu weiträumig angesetzte Hindorff-Salto an der oberen Stange, weswegen sie gleich darauf zu nah an den unteren Holm flog: "Der Hindorff davor war einfach zu weit", sagte Seitz. Mitten im fein abgestimmten Ablauf ihrer temporeichen und wertvollen Verbindung knirschte es plötzlich - und da stand sie.

Das ist zwar bitter, und Seitz hatte zunächst auch sichtlich keine Lust mehr zu lächeln, andererseits weigerte sie sich ziemlich deutlich, Tränen zu vergießen oder auch nur große Enttäuschung zu zeigen. "Letztendlich ist es passiert", sagte sie, "es ist halt so." Es war ihre erste und letzte Chance, vor ihrem persönlichen Heimpublikum in Stuttgart eine WM-Medaille zu holen, aber was heißt das schon? Die Kulisse hat sie davor schon genossen und Medaillenchancen bieten sich ihr weiter, auch wenn sie schon 25 Jahre alt ist. Seitz sagt, "ich habe die ganze Woche über so viel bekommen hier", und weil sie am Donnerstag noch ihre Bestleistung im Mehrkampf steigerte, schloss sie: "Am Ende meiner Leistungsspirale bin ich noch nicht."