US-Nationalmannschaft Kreuzverhör in Pasadena

Ein Mann steht im Regen: Mittlerweile wachsen in den USA die Zweifel an Jürgen Klinsmanns Kompetenz.

(Foto: Laurence Griffiths/Getty Images)

Seit der WM stagniert die Entwicklung der Nationalmannschaft - gegen Mexiko geht es nun um die Zukunft von Klinsmann.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Jürgen Klinsmann ist, das war in dieser Woche an verschiedenen Orten in Los Angeles zu beobachten, noch immer ein freier Mensch. Das ist völlig in Ordnung, schließlich hat Klinsmann nichts angestellt, was eine Festnahme rechtfertigen würde. Und doch muss er sich derzeit vorkommen wie der Bösewicht in einem Krimi, der von Ermittlern mitgeteilt bekommt, dass von nun an alles, was er sagt, gegen ihn verwendet wird. Schlimmer noch: Es wird alles gegen ihn verwendet, was er je als Trainer der amerikanischen Fußball-Nationalelf gesagt hat - und sollte er es über jemand anderen gesagt haben, wird es nun dennoch auf ihn bezogen.

Erfolge von gestern sind in den USA am nächsten Tag oft wertlos

Die Amerikaner spielen am Samstag in Pasadena gegen Mexiko, es geht um die Qualifikation für den Confederations Cup 2017 in Russland. Klinsmann nannte die Partie zuletzt "die wichtigste der kommenden zwei, drei Jahre", weil die US-Elf bei der WM-Qualifikation selten ernsthaft geprüft werden dürfte; die Mitgliederliste des nordamerikanischen Verbandes Concacaf belegt, dass es im Fußball doch noch ein paar Kleine gibt. Die Detektive (auch in den USA gibt es mittlerweile eine Versammlung sogenannter Gurus aus ehemaligen Spielern, Trainern und engagierten Zuschauern) haben in den vergangenen Wochen nun eifrig Indizien und Beweise gesammelt, über die sie zu dem Schluss gekommen sind, dass Klinsmann bei einer Niederlage gegen Mexiko zwar nicht eingesperrt, wohl aber nach Western-Tradition geteert und gefedert davongejagt gehört.

Das amerikanische Sportgedächtnis ist überaus vergesslich, Erfolge von gestern sind von Mitternacht an wertlos, es herrscht eine teils unbarmherzige Heuern-und-feuern-Mentalität. Klinsmann begrüßt diese Mentalität durchaus, im vergangenen Jahr erklärte er den 48,5-Millionen-Vertrag der Los Angeles Lakers für Basketballer Kobe Bryant in der New York Times für Quatsch: "Er bekommt Geld für etwas, das er schon getan hat. Das macht überhaupt keinen Sinn. Warum bezahlst du für etwas, das längst passiert ist?"

Wenn man so möchte, dann ist Klinsmanns Vertrag mit dem amerikanischen Fußballverband zu einem Kobe-Bryant-Vertrag geworden. Seine Aussage von damals wird nun gegen ihn verwendet. Der Kontrakt wurde im Dezember 2013 geschlossen, gilt bis zur Weltmeisterschaft 2018 in Russland und wird mit geschätzten 2,5 Millionen US-Dollar pro Jahr vergüteten. Bislang hat sich kaum jemand darüber beschwert, weil sich seit der WM in Brasilien plötzlich Millionen von Amerikanern für Fußball interessieren - auch wenn das Turnier nicht der Erfolg war, als der er verkauft wurde: Entkommen der Todesgruppe mit Deutschland, Portugal und Ghana; dramatisches Ausscheiden im Achtelfinale gegen Belgien. Tatsächlich hatte es einen Sieg, ein glückliches Unentschieden und zwei verdiente Niederlagen gegeben.

Seitdem ist Klinsmann nicht viel Erfreuliches widerfahren. Die Siege gegen die Niederlande und Deutschland im Juni waren Freundschaftsspiele gegen geschwächte Gegner in der Saisonvorbereitung. Beim Gold Cup verloren die Amerikaner nicht nur das Halbfinale gegen Jamaika (1:2), sondern auch das Spiel um Platz drei gegen Panama (2:3 nach Elfmeterschießen), zuletzt gab es ein deftiges 1:4 gegen Brasilien. Eine spielerische Entwicklung ist nicht zu erkennen, die Beliebtheit (am Samstag werden 90 000 Zuschauer erwartet) ist noch immer mit der WM zu begründen. Klinsmann profitiert also gerade auch von etwas, was längst passiert ist.

Darauf weisen nun die Kritiker hin, die nicht nur zahlreicher werden, sondern auch prominenter. Einer ist Landon Donovan, ein mittlerweile zurückgetretener Held des amerikanischen Fußballs und Grund dafür, warum Klinsmann damals Kobe Bryant erwähnt hatte. Er hatte Donovan nicht in den WM-Kader berufen mit der Begründung, dass vergangene Meriten nicht ausreichen würden. Nebenbei musste er noch den missglückten Tweet seines Sohnes Jonathan ("Hahahaha Donavan Hahahahaa") moderieren.

"Jürgen hat oft gesagt, dass er will, dass seine Spieler den Druck spüren: Wenn sie verlieren, dann sollen sie von der Presse zerrissen werden und sich am nächsten Tag nicht auf die Straße trauen. Diesen Standard verlangt er - und dieser Standard sollte nun auch bei ihm angelegt werden", sagt Donovan nun: "Wenn jeder andere Trainer der Welt solche Ergebnisse vorlegen und auch noch gegen Mexiko verlieren würde, dann würde er gefeuert werden."

Klinsmann hat mit dem Kader kaum experimentiert

Klinsmann wird als Trainer der amerikanischen Nationalelf das vorgeworfen, was bereits während seiner Dienstjahre als Bundestrainer und Coach des FC Bayern bemängelt wurde: Dass er zwar sehr gut darüber informiert ist, was in den Köpfen von Profifußballern vorgeht, dass er diese Vorgänge für seine Zwecke zu nutzen weiß. Es heißt aber auch, dass er nicht besonders gut darüber informiert ist, was auf einem Fußballfeld vorgeht und dass er das Ergebnis einer Partie nicht durch taktische Kniffe und umsichtige Spielerwahl beeinflussen kann. Deshalb werden ihm Aussagen wie die folgende immer häufiger als Floskeln ausgelegt: "Wenn wir zusammenhalten, die Chemie stimmt und wir hart arbeiten, werden wir Mexiko besiegen."

Trotz aller Kritik gilt ein Hinauswurf auch bei einer Niederlage gegen Mexiko als unwahrscheinlich - schon alleine aus finanziellen Gründen, weil auch die Verträge von Klinsmanns Assistenten wie Andreas Herzog (geschätzte 300 000 Dollar pro Saison) bis 2018 gelten. Und doch dürfte diese eine Partie am Samstag darüber bestimmen, wie Klinsmann in den kommenden Monaten von den Kritikern gesehen wird, bis sie ihn vielleicht endlich als Bösewicht aus der Stadt jagen dürfen.

Klinsmann hat bei der Zusammenstellung des Kaders kaum experimentiert, erfahrene Kräfte wie Jermaine Jones, DaMarcus Beasley und Clint Dempsey bilden das Gerüst. Den Spielern, die ihren 30. Geburtstag bereits gefeiert haben, hat Klinsmann jedoch mitgeteilt, dass die Partie gegen Mexiko ihre letzte sein könnte: "Sie müssen dieses Spiel so angehen: Wenn sie es verlieren, könnte es sein, dass es kein nächstes mehr gibt und dass diese Erinnerung für immer bei ihnen bleibt." Auch das ist eine Aussage, die bald auch für Klinsmann gelten könnte.