Über Muhammad Ali Tanz im Licht

George Foreman (links) gegen Muhammad Ali: Am 30. Oktober 1974 kämpfen sie beim "Rumble in the Jungle" in Kinshasa um zehn Millionen Dollar Preisgeld - Ali siegt in der achten Runde durch K.o.

(Foto: imago/UPI Photo)

Selbst die Größten sind daran gescheitert, Muhammad Ali zu entschlüsseln. Dass nach seinem Tod keine Flut von Biografien auf den Markt kam, liegt auch daran, dass er sich selbst am besten erzählt hat.

Von David Pfeifer

Der Mensch Muhammad Ali ist in diesem Jahr gestorben, aber die Figur Ali hat er uns da gelassen. Und vielleicht kommt man dem Geheimnis dieser Figur am ehesten auf die Spur, wenn man sich noch mal klarmacht, wie selbst die Größten daran scheiterten, sie zu entschlüsseln. Im Jahr 2001 wollte der Regisseur Michael Mann dem ehemaligen Boxweltmeister ein Denkmal setzen, indem er seine Geschichte verfilmte.

Mann hat mit Filmen wie "Heat" und "Collateral" seine Meisterschaft belegt, und in Will Smith fand er einen Hauptdarsteller, der bereit war, für die Titelrolle in "Ali" alles zu geben. Smith trainierte sich Muskeln an, lernte Boxen wie Ali, ließ sich eine, wie er selber klagte, schreckliche Frisur wachsen. Wie so viele Schauspieler zuvor wollte er mit der Verkörperung eines Boxers einen Oscar gewinnen - und erreichte immerhin eine Nominierung. Doch obwohl Mann und Smith alles gaben und vieles richtig machten, jede Kampfszene minutiös rekonstruiert wurde und alle Schauplätze und Kostüme den jeweiligen Zeitabschnitt emulierten, blieb der Film seltsam blass. Er war perfekt, aber so, wie eine perfekt eingerichtete Wohnung immer so wirkt, als würde niemand darin leben, zeigte er nur die Simulation eines Lebens, das man bereits besser zu kennen glaubte.

Das liegt daran, dass Muhammad Ali eine der öffentlichsten Gestalten der Weltgeschichte war. Er war nicht nur Rapper, bevor es Rap gab, sondern auch Instagrammer, bevor es das Internet gab. Ali wurde permanent begleitet, gefilmt, fotografiert, interviewt, zitiert, gezeigt und vorgeführt. Sicher war er eitel, aber er war auch früh der festen Überzeugung, eine öffentliche Figur sein zu wollen. Von den unzähligen Sprüchen, die von ihm überliefert sind, handelt kein einziger davon, wie schwierig es sei, kein Privatleben zu haben oder andauernd im Licht der Öffentlichkeit zu stehen. Er liebte das Licht und tanzte darin.

Ein unentdeckter Schatz ist das Buch des US-Autoren Mark Kram: "Ghosts of Manila"

Es ergibt also Sinn, dass der Ali-Film, der tatsächlich einen Oscar gewinnen konnte, den echten Ali zeigt: Die Dokumentation "When We Were Kings" zeichnet den Kampf zwischen Ali und George Foreman in Kinshasa nach, den legendären "Rumble in the Jungle". Obwohl der Kampf 1974 stattfand und der Film erst 22 Jahre später in die Kinos kam, fesselt er die Zuschauer bis heute mehr als jede Inszenierung. Dabei sieht man im Film nur wenige Minuten eines Kampfes, der nicht zu Alis besten oder härtesten gehörte. Doch "When We Were Kings" zeigt den ganzen Ali, die Eleganz, die große Klappe, die Schönheit, die Opferbereitschaft, die Angst, die Intelligenz und auch die Boshaftigkeit, die diesen Charakter schillern ließ. Dagegen konnten Mann und Smith nichts ausrichten. Ali hatte sich selber besser erzählt. Und vielleicht liegt es daran, dass keine Flut von Biografien auf den Markt kam, nachdem Muhammad Ali am 3. Juni dieses Jahres gestorben ist.

Die besten Bücher und Filme waren auch zu seinen Lebzeiten schon diejenigen, die dem Phänomen Ali eine Facette abringen konnten, die er selber nicht herausstellte. Und sie überdauern seinen Tod.

Literarisch hat der US-Journalist David Remnick, Chefredakteur des New Yorker, das stärkste Buch über Ali geschrieben. In "King of the World" erklärt er die Veränderungen der amerikanischen Gesellschaft der 1960er-Jahre anhand von drei Schwergewichtsweltmeistern, Sonny Liston, Floyd Patterson und Muhammad Ali - der zu jener Zeit noch Cassius Clay hieß. Liston galt den weißen US-Amerikanern als der böse Schwarze, Patterson den schwarzen US-Amerikanern als der angepasste Schwarze. Und Clay war etwas völlig anderes. Was seine lebenslange Faszination ausmachte, auch über den Boxsport hinaus, wird hier aus den Anfängen heraus erklärt.

Ein unentdeckter Schatz ist das nicht übersetzte Buch des US-Autoren Mark Kram: "Ghosts of Manila". Kram beschrieb darin den härtesten und größten Kampf Alis, gegen seinen Erzrivalen Joe Frazier. Es ist die unfreundlichste Betrachtung von Alis Charakter, weil Kram mit dem vielfach gedemütigten Joe Frazier sympathisierte. Doch gerade dadurch ist das Buch eine faszinierende Ergänzung zur allgemeinen Heldenverehrung, die schon früh zu Alis Lebzeiten einsetzte.

In "Facing Ali", einem weiteren Dokumentarfilm (der in Deutschland unter dem unintelligenten Titel "Muhammad Ali - Der größte Boxer aller Zeiten" verliehen wird), kommt der Held selber kaum vor. Stattdessen erzählen seine Gegner, wie es war, mit Ali im Ring zu stehen und sich außerhalb von ihm vorführen zu lassen.

Erst kurz nach Alis Tod veröffentlicht wurde die Graphic Novel "Muhammad Ali", von Sybille Titeux (Zeichnungen) und Amazing Améziane (Text), die der Kunstfigur eine passende künstlerische Umsetzung verschafft. Die Geschichten darin sind Ali-Kennern geläufig, die Zeichnungen aber heben sie über das Dokumentarische hinaus ins Ikonografische. Anders herum hat das bereits "The Greatest Of All Time" geschafft. Der schwere Prachtband aus dem Taschen-Verlag zeigt vor allem Bilder, diese aber übergroß und manchmal in CinemaScope-Format.

Ein schwerer Prachtband aus dem Taschen-Verlag zeigt vor allem Bilder, diese aber übergroß

Etwas kleiner klappt das auch, in dem Buch "Ali - Tribut an eine Legende", in dem weniger Bilder, dafür aber kluge kurze Begleittexte des Sportjournalisten Bertram Job eine Annäherung an das Phänomen schaffen.

Dem Menschen Ali kommt man zwar auch hier nicht nah, aber man begreift, was die Figur ausgemacht hat, den Glanz, die Schönheit, den Spaß und die absolute Begeisterung, auf der Welt zu sein, zu diesem Zeitpunkt der Geschichte, gemeinsam mit diesen großartigen Menschen. Durch diese Bücher und Filme betrachtet hat die Figur Muhammad Ali tatsächlich etwas erreicht, was die wenigsten erlangen: Unsterblichkeit.