Torwart-Diskussion Letzte Warnung für Sepp Maier

"Lehmann kann sich aufhängen. Kahn ist der bessere Torwart", hat Sepp Maier mitgeteilt. Nach dem Iran-Spiel wird Jürgen Klinsmann seine Schlüsse aus dem erneuten Verbalausfall des Bundestorwarttrainers ziehen.

Von Von Philipp Selldorf

Am Mittwochvormittag haben sie in München noch ganz harmonisch und in bester Stimmung trainiert: Der Bundestorwarttrainer Sepp Maier, 60, schoss aufs Tor, die Bundestorhüter Jens Lehmann, 34, und Timo Hildebrand, 24, hüpften von der einen in die andere Ecke, um den Ball zu parieren.

Sein Verhältnis zu Jens Lehmann sei gut, behauptet Sepp Maier

(Foto: Foto: dpa)

Sie lachten, sie scherzten, sie ermutigten einander. Es war ein Bild der Idylle, wie man es lange vermisst hatte, da die Arbeit der Torhüterfraktion in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft seit Jahren den eisigen Hauch unfriedlicher Koexistenz verbreitet.

Oliver Kahn, der seinen Stammplatz im Tor zu verteidigen pflegt wie ein böser Schäferhund das Gartentor, war jedoch weit weg in diesem Moment, in Länderspielurlaub geschickt vom Bundestrainer Jürgen Klinsmann. Ruhe und Harmonie herrschten nun am Trainingsplatz, wenigstens für ein Länderspiel schien das zermürbende Gezeter im ewigen deutschen Torwartstreit zu pausieren.

Trügerisches Glück. Schon am nächsten Tag veröffentlichte das Boulevardblatt einige Gedanken, die sich Sepp Maier über Jens Lehmann gemacht hat. Sepp Maiers Überlegungen gipfelten in dem Ratschlag: "Lehmann kann sich aufhängen. Kahn ist der bessere Torwart."

Prompt stellt sich nun die gleiche Grundsatzfrage, die sich auch FC-Bayern-Schlussmann Oliver Kahn gefallen lassen musste, nachdem er am vergangenen Samstag Werder Bremens Stürmer Miroslav Klose mit dem Zeigefinger gepeinigt hatte: Darf er das?

Bei Sepp Maier geht die Anhörung noch weiter: Wie lange darf sich der Torwarttrainer solche parteiischen, beleidigenden und destruktiven Äußerungen noch leisten? Zumal vor dem Hintergrund der ständigen, vollkommen humorfreien Auseinandersetzung zwischen Lehmann und Kahn, die sich Woche für Woche aufs Neue etwas vorzuwerfen haben (zuletzt hat Kahn seinem Rivalen am Mittwoch die "Charakterfrage" gestellt).

Nicht das erste Mal hat nun Sepp Maier für seinen Schüler Partei ergriffen, schon vor dem Österreich-Spiel vor acht Wochen wurde er deswegen zurechtgewiesen.

Klinsmanns Erziehung

Im Charterflugzeug nach Teheran, ungefähr auf Höhe der Karpaten in Zentralrumänien, suchte Jürgen Klinsmann gestern vor den Reportern Antwort auf all diese Fragen und das nächste Rätsel: Was tun mit dem renitenten Geist (Maier) und den entfesselten Kräften (Kahn, Lehmann)?

Klinsmann hatte die Debatte der Torhüter angetrieben, als er -- aus guten sportlichen Gründen - den Kampf um den Platz zwischen den Pfosten freigab, jetzt muss er erkennen, "dass gewisse Dinge stattfinden, die sich in gewissen Ecken entwickeln".

Vorerst hat der Bundestrainer das Thema zwar für zweitrangig erklärt ("Wir geben dem Spiel die absolute Priorität"), aber ihm gefällt nicht, was da an neuralgischer Stelle rumort. Allzu lang darf dieser Konflikt nicht mehr schwelen, "das ist ganz klar", sagt Klinsmann, "aber damit wollen wir uns erst nach dem Spiel beschäftigen". Einige Warnungen darf Sepp Maier sich jedoch jetzt schon merken.

Jürgen Klinsmann verspricht, er habe "keine Probleme, eine Konfrontation einzugehen", und Grund genug gäbe es dafür allemal, denn Maiers Verhalten verträgt sich schlecht mit Klinsmanns erstem Prinzip. "Das allerwichtigste", meint der Bundestrainer nämlich, "ist der Respekt untereinander. Das ist meine Erziehung, die mir meine Mutter und mein Vater auf den Weg mitgegeben haben."

Wenn die Eltern ins Spiel kommen, wird's gefährlich, selbst wenn Maier als notorischer Spaßvogel eine gewisse Nachsicht genießt. Tendenz: Letzte Warnung vor dem Rausschmiss.