Springreiten Dünner Draht, schmaler Grat

Springreiter wie Max Kühner bewegen sich mit ihren Methoden auf dünnem Eis - konsequente Ausbildung oder Tierquälerei fragen sich die Zuschauer.

Ein Kommentar von Gabriele Pochhammer

Es nimmt kein Ende. Seit den Olympischen Spielen wissen wir, dass Springreiter gerne zu scharfen Salben greifen, um den lädierten Rücken ihrer Pferde wieder funktionstüchtig zu machen. Oder um ihnen über die Hindernisse zu helfen, indem an den Vorderbeinen künstlich Schmerz erzeugt wird. Glaubt man dem Vorsitzenden des Internationalen Springreiterclubs, Rodrigo Pessoa, geschieht letzteres sogar "gewohnheitsmäßig", sich selbst nimmt der in Hongkong ertappte Brasilianer selbstverständlich aus. Nun gerät ein weiterer Springreiter ins Licht der kritischen Öffentlichkeit: der bis jetzt unbescholtene Max Kühner, der vor Hongkong zum erweiterten Olympiakader gehörte.

Zwischen Licht und Schatten bewegen sich viele Springreiter: Nun wird genauer hingeguckt.

(Foto: Foto: dpa)

Eine anonym an die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) und andere Stellen geschickte CD zeigt den bayerischen Reiter, wie er einen Wassergraben anreitet - über den Graben ist ein dünner Draht gespannt, den das Pferd kaum erkennen kann. Berührt es den Draht, reißt er; das Pferd bekommt einen Schrecken und passt beim nächsten Mal besser auf. Hofft der Reiter. Die Methode ist nicht neu, sie wird sogar von Elmar Pollmann-Schweckhorst in einem Buch beschrieben, das im Verlag der FN erschienen ist. Der Autor zitiert dort den Olympiasieger von 1968, Bill Steinkraus. Die Wirkung sei vor allem psychologisch, sagt Steinkraus. Dennoch gehört die Methode nicht zum offiziellen Ausbildungssystem, aus gutem Grund: Unsachgemäß angewandt, etwa wenn der Draht sich bei Berührung nicht sofort löst, ist sie gefährlich für Reiter und Pferd - und schmerzhaft. Wie auch ein zu grober Peitschenhieb, ein zu scharfer Sporen, ein gefühlloser Ruck im Pferdemaul oder auch nur das ungeschickt in den Sattel plumpsende Reitergewicht.

Der Grat ist manchmal schmal zwischen konsequenter Ausbildung und Tierquälerei. Im Fall Kühner haben die Beteiligten bisher viel richtig gemacht: Kühner kennt die Vorwürfe seit längerem, er streitet nichts ab, vermutet eine "Beziehungstat" und hat seine frühere Lebensgefährtin wegen des Verdachts auf Verleumdung angezeigt. Die FN und der zuständige bayerische Landesverband ermitteln und haben den Reiter zu den Vorwürfen befragt. Auf den Bildern seien keine tierschutzwidrigen Trainingsmethoden zu erkennen, heißt es. Ebenfalls verschickte Fotos von Medikamenten könnten dem Reiter nicht zugeordnet werden, im übrigen sei Medikation außerhalb des Wettkampfes erlaubt. Es sieht so aus, als tauge der Fall Kühner, der sehr nach einem Racheakt riecht, nicht für einen neuen Skandal. Aber sehr wohl zu einem Lehrstück: Der Pferdesport steht unter Beobachtung, die Öffentlichkeit sieht hin. Das sollten die Reiter nie vergessen.