Ski alpin Unschuldig starren die Zäune

Von der schicksalhaften Natur des Skirennsports - vor zehn Jahren verkantete Ulrike Maier tödlich.

Von Von Wolfgang Gärner

Zwei Tage vor dem Rennen: Die Strecke ist gesperrt, der Skibetrieb auf der Kandahar eingestellt, es herrscht Ruhe am Kreuzeck. 100 Meter tiefer sieht man Arbeiter im Ziel. Keine 20 Sekunden braucht man auf Ski hinunter.

Ulrike Maier ist nie dort angekommen in der Weltcup-Abfahrt am 29. Januar 1994, heute vor zehn Jahren. Am Waldweg über der Rennstrecke steht ein Lärchenkreuz zu ihrem Gedenken. Auf dem linken Balken ein Farbbild der jungen Frau, rechts die Zeilen: Ulli Maier 22.10.1967 - 29.01.1994 / Wer glaubt, der hat das ewige Leben

Das Marterl ist geschmückt mit einem vertrockneten Ährenstrauß, hinter der geschmiedeten Rose am Kruzifix steckt eine echte, die einmal rot war. Unter dem Gedenkstock brennt ein Grablicht.

Das Phänomen des Verschneidens

Zwei Tage vor dem Rennen ist die Fis-Schneise, leichteste Passage des unteren Streckenteils, in die Ulrike Maier damals gegen 14 Uhr einfuhr, längst abgesichert, links, talseitig, mit Matten, rechts mit Sicherheitszäunen, alle zwei Meter ein flexibler Plastikstab, dazwischen das Netz locker verspannt.

Das Bewusstsein sei ein anderes seit jenem Unglück, sagt Heinz Mohr, Rennleiter 2004: "Man versucht, auch für die unwahrscheinlichsten Zwischenfälle vorzusorgen. Wir haben heute zehn Mal so viele Sicherheitszäune wie damals."

Es war keine Frage der Zäune, Ulrike Maier flog weder von der Strecke, noch wurde ihr ein schwerer Aufprall zum Verhängnis. Ihr Sturz war einer der ersten schweren, die das Phänomen des Verschneidens verursachte, ausgelöst durch stärkere Taillierung der Ski.

"Nachdem Ulrike Maier den verschnittenen rechten Ski wieder beigezogen hatte, kantete der linke auf und fuhr aufgrund der Taillierung selbsttätig nach rechts, wodurch die Drehbewegung eingeleitet wurde", erläuterte der Physiker Werner Nachbauer in der Gerichtsverhandlung zu der "unglücklichen Sturzdynamik".

Masse von etwa 400 Kilo

Rechts befand sich ein Schneekeil zur Absicherung einer Tempo-Messanlage. "Durch den Aufprall der Läuferin mit dem Gesäß auf den Schneekeil wurde die schnelle Drehbewegung abrupt abgebremst. Weil aber die Rotation noch mit einer Masse von etwa 400 Kilo auf den Kopf einwirkte, kam es zur tödlichen Verletzung", führte Gutachter Erich Schuller aus.

Sein Kollege Eisenmenger zur Verletzung: "Durch massive Gewalteinwirkung kam es an der Verbindungsstelle zwischen Kopf und Wirbelsäule zum Abriss des Rückenmarks vom Stammhirn, was zu zentraler Lähmung und sofortigem Hirntod führte."

Dieser wurde um 16.30 Uhr im Unfallkrankenhaus Murnau festgestellt. Christoph Kruis, Chirurg am örtlichen Kreiskrankenhaus, erstversorgender Arzt und nach 20 Sekunden an der Unfallstelle: "Diese Verletzung ist im Moment des Eintretens als tödlich anzusehen. Die Schicksalhaftigkeit liegt in der Natur dieser Hochgeschwindigkeitssportart."

Damit gab sich der Salzburger Gendarm Hubert Schweighofer nicht zufrieden. Er sah das Rennen zuhause in Rauris mit seiner vierjährigen Tochter Melanie im Fernsehen. Das Kind soll, als es die Mutter stürzen sah, gesagt haben: "Ich will nicht, dass die Mama blutet."

Vergleich vor Gericht

Mit Melanie war Ulrike Maier im dritten Monat schwanger, als sie 1989 in Vail Weltmeisterin im Super-G wurde, und als sie diesen Titel vier Jahre später in Saalbach verteidigte, stand der Vater mit dem Kind auf dem Arm im Zielraum. Schweighofer, am Tag nach der Tragödie in Garmisch eingetroffen: "Tatsache ist, die haben mir meine Lebensgefährtin genommen."

Gemeint waren die Profi-Renndirektoren des Weltverbandes Fis, der Österreicher Kurt Hoch und sein Schweizer Kollege Jan Tischhauser. Schweighofers Rechtsanwalt Lettner warf außerdem den Veranstaltern Unterschlagung von Beweisstücken vor; es kursierte die Theorie, Ulrike Maier habe die tödliche Verletzung beim Aufprall auf den Pfosten erlitten, der entgegen den Vorschriften nicht angesägt gewesen sei.

Dem widersprechend stellte der Münchner Oberstaatsanwalt Hoedl am 14. Oktober 1994 das Verfahren ein: Alle Sicherheitsbestimmung der Fis seien eingehalten worden.

Schweighofer gab nicht nach, Anwalt Steffen Ufer gelang die Wiederaufnahme vor der 1. Strafkammer des Landgerichtes München II mit dem Vorsitzenden Richter Klaus Rebhan. Das Verfahren nahm am 23. April 1996 bereits nach dem zweiten Verhandlungstag ein überraschend schnelles Ende, nachdem die Fis sich bereit erklärte, zur Versorgung von Melanie Maier 600.000 Schweizer Franken auf einem Fond bereitzustellen.

Man verglich sich, Hoch und Tischhauser wurde eine Zahlung von je 10.000 Mark an die Garmischer Bergwacht auferlegt, "eine etwaige Schuld beider Angeklagten, falls sie festgestellt werden könnte, wäre gering", befand die Kammer.

Ergebnis Nebensache

Isolde Kostner aus dem Grödner Tal war 20, als das Unglück geschah, und die Tatsache, dass sie an jenem Tag zum ersten Mal im Weltcup gewann, gab ihr keinen Anlass zur Freude. Sie siegte noch dreizehn Mal und wurde 1996 und 1997 Weltmeisterin im Super-G: Das Leben ging weiter. So schnell, dass man es Blasphemie nennen konnte - vier Tage nach dem Tod von Ulrike Maier fand in der Sierra Nevada die nächste Abfahrt statt, nur die Österreicherinnen sagten ab.

Im Jahr darauf gab es eine freudlose Rückkehr nach Garmisch für einen Super-G. Nummer 32 wurde nicht vergeben, es siegte die Französin Masnada. Anita Wachter, jahrelang Teamgefährtin von Ulrike Maier: "Ergebnis Nebensache. Schwere Pflichtaufgabe."

Herwig Demschar wollte nach dem Unglück nicht Trainer in Österreich bleiben und ging in die USA. Hubert Schweighofer, zwischendurch entzweit mit den Eltern der Verstorbenen um Haus und Skischule, hat sich mit ihnen arrangiert, geheiratet und wurde noch zwei Mal Vater.

Melanie ist 14 und besucht ein Gymnasium am Wolfgangsee. Ihre Mutter wird auf der Homepage des Weltverbandes wie folgt geführt: MAIER ULRIKE, FIS-Code 55048. Status: retired. Zurückgetreten? Wenn das nicht zynisch ist, ist es dumm, mindestens.