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Siegertypen:Die Optimismus-Welle schwappt über

So lange noch kein Wettbewerb entschieden ist, ist Rio voller zuversichtlicher, selbstbewusster Sportler - das kann man gerade prächtig beobachten.

Australien gegen die USA: Das wird eines der Themen dieser Spiele werden, zumindest bei den Schwimm-Wettbewerben. Das Duell hat Tradition, das macht es so prickelnd. Am Mittwoch stellten sich die Protagonisten der Australier in Rio vor. Wie sie sich fühlten vor dem Showdown, wurden sie gefragt. "Wir wollen die Besten schlagen", antwortete Emily Seebohm - und sie sei dafür definitiv bereit. Gegen so starke Gegner ran zu müssen, sei keineswegs einschüchternd, versicherte auch ihr Kollege Cameron McEvoy, im Gegenteil: "Da pumpt das Adrenalin, das bringt Leben in den Sport." Rücken-Spezialist Mitch Larkin trug dazu passend vor, wieso er sich jetzt stärker fühlt als vor vier Jahren bei den Spielen in London: "Ich weiß, dass ich das alles schon einmal erlebt habe. Das gibt einem ein anderes Gefühl von Vertrauen und Sicherheit."

Der Auftritt war ziemlich überzeugend. Einen Tag später marschierten dann aber die Amerikaner auf, angeführt von Michael Phelps, mit 22 Medaillen der erfolgreichste Olympionike der Geschichte. Phelps ist inzwischen 31. Und er hat eine turbulente Zeit hinter sich. Im September 2014 wurde er zum wiederholten Mal betrunken beim Autofahren erwischt. Der US-Verband verbannte den gerade erst Zurückgekehrten daraufhin von der WM. Im Februar 2015 gab Phelps die Verlobung mit Nicole Johnson bekannt, mit der er früher schon einmal drei Jahre lang zusammen gewesen war. Im Mai kam Sohn Boomer zur Welt. Ein anstrengendes, emotionales Auf und Ab muss das gewesen sein. Aber bei Phelps klingt das ganz anders. "Das waren die tollsten zwei Jahre meines Lebens", tut er kund, "all das hat mir geholfen, dass ich im Pool jetzt wieder einen klaren Kopf habe."

Klares Wasser, klare Gedanken: Wenig überraschend schildern auch seine Schwimm-Kameraden ganz Ähnliches. "Ich habe das Gefühl in der Form meines Lebens zu sein", trompetet Missy Franklin in die Welt hinaus. "Anders als in London weiß ich jetzt, was auf mich zukommt", flötet Katie Ledecky, "das erhöht den Wohlfühl-Faktor ungemein." Selbst Ryan Lochte, der wegen seines fortgeschrittenen Alters von 32 Jahren nicht mehr zu den ganz großen Favoriten zählt, kann seiner neuen Rolle eindeutig Gutes abgewinnen: "Ich bin jetzt der Außenseiter, das liegt mir."

"Es sagen eh immer alle, dass sie gut drauf sind", sagt Paul Biedermann

Mehr als 10 000 Athleten aus rund 200 Ländern werden in Rio antreten. Fast alle werden, bevor es losgeht, zu ihren Chancen befragt. "Ich hab' keine", sagt niemand. So lange noch kein Wettbewerb entschieden ist, ist der Olympiapark voller Siegertypen. Bei allen Spielen ist das so. Aber in Rio ist das "Brust raus, Kopf hoch, bloß keine Schwäche zeigen!" gerade wirklich prächtig zu beobachten. Der deutsche Rekord-Schwimmer Paul Biedermann hat dazu eine schöne Geschichte erzählt: Im Bus hat er Phelps getroffen, ein paar Meter weiter dann den Chinesen Sun Yang. Besonders aussagekräftig aber waren die Begegnungen nicht. "Es sagen eh immer alle, dass sie gut drauf sind", sagt Biedermann, wobei auch er nicht unerwähnt lässt, wieso das bei ihm dieses Mal wirklich der Fall ist: "Ich bin viel gelassener geworden." Die Spiele sollen sein letzter Wettkampf werden. Und natürlich sagt der 29-Jährige auch: "Ich freue mich darauf, dass danach etwas Neues beginnt."

Wenn Optimismus wie Wasser wäre: In Rio müsste augenblicklich Tsunami-Alarm ausgelöst werden. Das positive Denken hat Methode. Ein Sportler, der nicht wirklich von sich überzeugt ist, wird kaum Großes schaffen. Und so lange noch kein Wettbewerb entschieden ist, hat ja auch keiner einen Anlass, sich als Verlierer zu fühlen. Bloß nichts Negatives: Die Masche ist quer durch alle Disziplinen und Nationen zu besichtigen. Ein kleiner Streifzug.

"Ich hatte eine wirklich gute Vorbereitungen und keine Verletzungen, ich bin wirklich fit", berichtet die niederländische Judoka Anicka van Emden. "Wir sind ziemlich erwartungsvoll", sagt der italienische Beachvolleyballer Adrian Ignacio. Die Aussicht, vor mehr als 10 000 Zuschauern direkt an der Copacabana anzutreten, die vor allem die brasilianischen Duos anfeuern werden, schreckt ihn - natürlich - nicht. "Ich werde jedes Gefühl, das mir in den Kopf oder in den Körper kommt, einfach zulassen und damit spielen", hat Ignacio sich vorgenommen. Dass es für ihn und seinen Spielpartner Alex Ranghieri bisher eine Saison "mit wenigen Höhepunkten" war, wie er selbst einräumt? Entmutigt Ignacio selbstverständlich nicht: "Wir waren konstant, haben uns darauf konzentriert, den Ball sauber zu spielen und uns einfach unsere Identität bewahrt."

Die Devise lautet: Bloß keine Schwäche einräumen! Selbst wenn sie offensichtlich ist

Nachteile in Vorteile umzudeuten - wäre das eine olympische Disziplin: Es gäbe etliche ernsthafte Gold-Kandidaten. Natalia Alfaro misst 1,65 Meter. Ihre Partnerin Karen Cope Charles, die Costa Rica als zweite Beachvolleyballerin zu den Spielen geschickt hat, ist nur ein paar Zentimeter größer. Fürs Bälle über ein hoch gespanntes Netz schlagen, ist es an sich von Vorteil, groß zu sein. Alfaro und Cope Charles aber sehen das nicht unbedingt so. "Wir haben auch einen Vorteil", sagt Cope Charles, "die Leute unterschätzen uns." Und: "Wir haben keinen Druck."

Ähnlich argumentiert auch der Fechter Alexander Choupenitch. Der Tscheche ist erst 22 und er weiß, in seinem Sport "ist es ein großer Vorteil, wenn du erfahren bist". So erfahren wie Peter Joppich etwa, oder der Brite Richard Kruse; beide sind 33. Aber der Erfahrung der Rivalen setzt Choupenitch entgegen, was er ihnen voraus hat: "Vielleicht bin ich physisch besser als sie, stärker und schneller."

Bloß keine Schwäche einräumen! Selbst wenn die offensichtlich ist. Tennis-Profi Rafael Nadal schmerzt das Handgelenk. Seit seinem Aus bei den French Open Ende Mai hat er kein Turnier mehr bestritten. "Aber heute habe ich sechs Stunden trainiert und die Schmerzen sind nicht schlimmer als gestern", beteuerte Nadal am Dienstag optimistisch. Der Bogenschütze Areneo David schießt pro Tag im Training normalerweise 500 Pfeile. Weil er krank war, ging das länger nicht. "Im Moment schaffe ich schon wieder 300", berichtet er nun, "ich fühle mich schon wieder zuversichtlicher als vergangene Woche." Die jamaikanische Schwimmerin Alia Atkinson räumt ein, nervös zu sein. Versichert aber umgehend: "Ich arbeite sehr gut mit meiner Nervosität."

Das britische Schwimm-Team bestand in London aus mehr als 40 Athleten. Zu den Spielen in Rio haben es nur 26 Schwimmer geschafft. "Wahrscheinlich die härteste Selektion weltweit" sei das gewesen, brüstet sich James Guy, einer, der durchkam. Das kleine Team sei nun "noch fokussierter". Woran sich das festmachen lässt? Seiner Kollegin Hannah Miley fällt da gleich ein Beispiel ein. In dieser Woche initiierte das Team ein Quiz: "Das hat uns zusammenrücken lassen. Und es hat unseren Ehrgeiz angestachelt", berichtet Miley. Auch da gab es also nur Sieger.