Schalke Terrier mit Technikkurs

Premiere: Schalkes Sead Kolasinac bejubelt sein erstes Saisontor.

(Foto: Martin Meissner/AP)

Sead Kolasinac hat einen erstaunlichen Anteil am Aufschwung seiner Mannschaft. Trainer Markus Weinzierl möchte den Verteidiger unbedingt behalten.

Von Philipp Selldorf, Gelsenkirchen

Außer von den Spitznamen, die Sead Kolasinac von den Anhängern der bosnischen Nationalelf erhalten hat - der eine ist "Hulk" und der andere "Panzer" - liefert auch seine Vorliebe für eine bestimmte Hundesorte Hinweise auf seine Eigenarten als Fußballer: Kolasinac ist kein Freund von Möpsen, Dackeln oder gemütlichen Bernhardinern, er schätzt stattdessen Staffordshire Terrier besonders. Diese Rasse wird von Kynologen als unbeugsam, hartnäckig, tapfer, furchtlos und zuverlässig beschrieben, und wahrscheinlich würde es Schalkes Trainer Markus Weinzierl nicht anders ausdrücken, wenn er etwas Gutes über den Außenverteidiger seiner Wahl sagen sollte. Im Übrigen gelten die Tiere auch als liebevoll und anhänglich, was wiederum den Manager Christian Heidel freuen dürfte, der zuletzt regelmäßig nach dem Status von Kolasinacs Beziehung zu Schalke 04 gefragt wurde. Dessen Vertrag läuft im Juni 2017 aus.

Trainer Weinzierl möchte den Verteidiger unbedingt behalten

Am Sonntagabend war das nicht anders in Gelsenkirchen. Schalke hatte 3:1 gegen Darmstadt 98 gewonnen und sich dabei ziemlich schwer getan. Am Anfang wurden die Hausherren von den gut eingestellten Gästen überrascht, in der Viertelstunde vor dem Abpfiff schalteten die Schalker mitten im Dienst auf Bummelmodus und luden damit die Darmstädter noch mal zum Angriff ein. Einer der wenigen, der die Gegenwehr auf Hochbetrieb beibehielt, war Kolasinac. So kennt man das von ihm. Seit er aus der A-Jugend zu den Profis aufstieg, ist der 23-Jährige für seinen Einsatzwillen bekannt. An Kraft hat es ihm auch noch nie gemangelt. "Seo ist stark wie ein Ochse", hat sein Schalker Jugendtrainer Norbert Elgert mal gesagt, der dem gebürtigen Karlsruher Kolasinac nicht nur als Ausbilder, sondern auch als Lehrmeister fürs Leben zur Seite stand, nachdem dieser - keineswegs mit dem besten Ruf - vom VfB Stuttgart ins Ruhrgebiet gekommen war. Zum Einstand auf Schalke gab es dringende Verhaltenswarnungen an ihn.

An Kolasinacs kämpferischer Einstellung gab es seitdem kaum Zweifel, an seinem Spielvermögen schon. Viele glaubten deshalb, dass die laufende Saison auf Schalke seine letzte sein würde, zumal mit der Leihgabe Baba vom FC Chelsea eine 1-A-Alternative hinzugekommen war. Die Aussicht auf einen Weggang Kolasinacs übte zunächst wenig Schrecken auf die Anhängerschaft aus, jetzt hingegen wäre das Bedauern groß. Am Schalker Aufschwung nach dem furchtbaren Saisonstart hat Kolasinac großen Anteil, und man sorgt sich, dass nach dem Weggang von Joël Matip (FC Liverpool) im nächsten Sommer ein weiterer Absolvent der Jugendakademie "Knappenschmiede" ablösefrei zur Konkurrenz abwandern könnte, viele schöne Millionen Euro gingen dann wieder verloren. Obendrein ist Kolasinac unter Weinzierls Leitung zum Publikumsliebling geworden, er vertritt mit seinen Terrier-Tugenden traditionelle königsblaue Malocher-Ideale.

"Seo verkörpert Schalke", sagte Manager Heidel, "er rennt die Linie rauf und runter." Fleiß und hart verdientes Kilometergeld bilden seit jeher die Basis für Kolasinacs Spiel. Dass er sich im Schalker Profikader Jermaine Jones zum Vorbild nahm, war naheliegend, als Nachahmer ging er jedoch immer wieder zu weit. Dann wurden aus robusten Zweikämpfen ungehobelte Angriffe auf den Gegner, für einen Abwehrspieler von gehobener Klasse beging Kolasinac zu viele Fouls. Dazu kamen technische Limits und Flanken ins Nichts, die seine mutigen Flankenläufe entwerteten.

Der Sead Kolasinac im Herbst 2016 scheint jedoch ein anderer zu sein. Es sieht aus, als hätte er einen Technikkurs absolviert und dabei einen exzellenten Lehrer gehabt. Immer noch müssen ihn die Gegner fürchten, aber sie müssen dabei nicht mehr Angst um die Gesundheit haben. Irgendwie hat Kolasinac den rechten Schliff bekommen. In Weinzierls stabilem 3-5-2 übt er nun die Rolle des Allzweck-Linksaußen aus, die Systemumstellung macht ihn zu einem Mittelfeldspieler, der außerdem Verteidiger und Stürmer ist. Kolasinac sichert die Linie defensiv und bespielt sie offensiv, sechs Torvorbereitungen entfallen auf ihn, gegen Darmstadt bereicherte er die Bilanz um den Kopfballtreffer zum 1:1. So effektiv war er noch nie. Trainer Weinzierl vertritt daher eine klare Meinung zum Vertragsstatus von Kolasinac: "Wichtig ist, dass wir ihn halten. Am besten schnell." Manager Heidel weiß aber längst Bescheid, er hat die Verhandlungen bereits aufgenommen.