Schalke 04 Mythos-Tour

Glückaufkampfbahn und das Grab von Kuzorra: Wie sich eine Gelsenkirchener Stiftung um die Pflege der Kultstätten des Traditionsvereins kümmert.

Von Philipp Selldorf

Ein Montagabend im Dezember in einer Eckkneipe in Gelsenkirchen-Buer. Nach dem Eintreten hat der Gast die Grundsatzfrage zu beantworten - "Warsteiner oder Köpi?" -, und kaum hat er sich gesetzt, bringen ihm die drei Herren an der Theke dieses steinalte Wort eines englischen Trainers in Erinnerung: "Man kann mit mir über alles reden - und das ist immer Fußball", hatte der Mann gesagt, wohingegen es hier im "Löwen-Eck" an der Hagener Straße 23 heißt: "... und das ist immer Schalke".

Sagt also Tresengast A: "Zwei Spiele Sperre (für Naldo), warum? Der hat keinen verletzt, keinem weh getan und hat schon ein ganzes Spiel gefehlt nach der Roten Karte (in der vierten Spielminute). War doch gar kein richtiges Foul."

B: "Die gehen beim DFB einfach nur von dem aus, was der Schiedsrichter in den Bericht geschrieben hat. Bumm. Aus."

C: "Der Schiedsrichter hat immer recht. Deswegen sind die auch so arrogant."

A: "Die Linienrichter waren auch Würste."

B: "Ja, welcher Linienrichter ist denn heute noch gut? Die sehen doch gar nix mehr."

Gäbe es Schalke 04 nicht, gäbe es vermutlich auch das 100 Jahre alte "Löwen-Eck" im Gelsenkirchener Norden nicht mehr. Die Gespräche der Gäste über Schalke enden nie und erhalten die Kneipe am Leben, deshalb kann der Wirt auf das teure Fernseh-Abonnement nicht verzichten. Aber wenn das "Löwen-Eck" ohne Schalke nicht sein kann, was wäre dann Gelsenkirchen ohne Schalke?

Gelsenkirchen, das sagt der Chronist, Reiseführer und Heimatpfleger Olivier Kruschinski, "ist eine sterbende Stadt".

Auf dem Scheitelpunkt der Industrialisierung wohnten hier 400 000 Menschen, heute sind es 250 000. All die Probleme des Ruhrgebiets äußern sich an diesem Ort in konzentrierter Form. Vieles, was Wohlstand und Wachstum brachte, ist für immer verloren, aber der FC Schalke 04 ist noch da und leuchtet auf seine spezielle Art in die ganze Welt.

Der Verein und sein Stadion bilden den stärksten Anziehungspunkt in der Stadt, mehr als zwei Millionen Menschen besuchen pro Jahr die Arena, und trotzdem meint Kruschinski: "Die Ressource Schalke liegt brach in Gelsenkirchen." Dieser Satz, Klage und Programm zugleich, findet allmählich Gehör. Zur "Bewahrung von Erinnerung und Überlieferung" des historischen Vereinserbes sowie "zur Pflege und Verschönerung von Stätten und Bauwerken in Gelsenkirchen" ist jetzt eine Stiftung eingerichtet worden. Das Kapital, eine Million Euro, hat Schalke-Oberhaupt Clemens Tönnies eingebracht.

Olivier Kruschinski fungiert als Vorsitzender des Stiftungsrates und findet das folgerichtig, denn "dafür bin ich jahrelang hier rumgelaufen und habe auf Führungen mit fünf Männekes Feinstaub gefressen". Der 41-Jährige verkörpert aufs Herzlichste den Ruhrpott-Charme, auch wenn er nicht auf Kohle, sondern dank seiner französischen Mutter in Lyon geboren wurde: "Traumhaft schön dort, aber wenn du an der falschen Metro-Station aussteigst, wünschst du dich in die No-Go-Area Ückendorf" - wo er nun zu Hause ist. Seine Nachbarn dort sind Mike Büskens und der Sohn von Klaus Fischer, und seine Frau sagt, er rede zu viel, was aber keinen Nachteil bedeutet für die Leute, die sich seiner "Mythos-Tour" zu den Ursprüngen des FC Schalke anschließen.

Manchmal beendet Kruschinski seinen Vortrag mit einem Satz wie "lange Rede, kurze Hose" - und lässt dann gleich den nächsten Vortrag folgen. Er hat eben viel zu erzählen, wenn er durch das "Freilichtmuseum" entlang der Schalker Meile an der Hauptverkehrsachse Kurt-Schumacher-Straße führt. Auf dem klassischen Weg geht es dann zu den alten Vereinslokalen, zum legendären Schalker Markt, zu den Gräbern von Ernst Kuzorra und Fritz Szepan und zum Schluss natürlich zur Glückaufkampfbahn. Seine Zuhörer sind vor allem Schalke-Anhänger, Heimatfreunde, Schülergruppen, und der Verein schickt Nachwuchsspieler zur Fortbildung vorbei. Ausdauer ist gefragt. Was Kruschinski verachtet, sind Leute, die behaupten, sie hätten keine Zeit.

Klubboss Clemens Tönnies war nach der Führung "total geflasht"

Ein schöner Ausgangspunkt ist die St. Joseph-Kirche an der Grillostraße, der sogenannte Schalker Dom. Gestiftet wurde das katholische Haus einst vom protestantischen Industriebaron Heinrich Grillo als Gabe an die polnischen Arbeitskräfte, die halfen, Gelsenkirchen und Schalke groß zu machen. Darum kann sich Kruschinski auch mit Schalkes klebrig klingendem Marketing-Synonym "Kumpel- und Malocherklub" anfreunden, denn Schalke 04, so sagt er, "war in seinen Ursprüngen der Polacken- und Proletenklub". Und während sie früher Tibulski und Koslowski hießen, sind es heute die Nachfahren anderer Einwanderer, deren Namen auf den Schalker Spielerpässen stehen: Altintop, Özil, Gündogan, Ayhan.

"Ich sage immer: Woanders ist es auch scheiße! Lasst uns die Ruhrpott-Kanaken sein!", ruft Kruschinski aus. Heimatstolz, darum geht es - und um das Erkennen einer Chance für die Stadt. Kruschinski will, "dass man sich der Kultstätten besinnt - wenn Glasgow, Liverpool oder die Bayern solche Sehnsuchtsorte hätten, dann würden sie es wahrscheinlich ausschlachten ohne Ende".

Die elementare Verbindung von Stadt und Verein, Religion und Fußball besteht hier seit den Gründerjahren. In der St.- Joseph-Kirche gibt es das Fensterbild des Aloisius von Gonzaga, eines spätmittelalterlichen Heiligen, der auf unheilige Weise blau-weiße Stutzen und Stollenschuhe trägt und einen braunen Ball zwischen den Füßen führt. Das Glas hat 1950 ein heimischer Künstler im Auftrag der Gemeinde geschaffen (zu der auch der 54er-Weltmeister Berni Klodt gehörte), Kruschinski vergleicht es mit den Chagall-Fenstern in der Kathedrale von Reims. Bloß, dass es bisher die wenigsten Gelsenkirchener aus der Nähe gesehen haben, obwohl sie auf der grausamen Schnellstraße schon tausendmal vorbeigefahren sind.

Neulich hat Kruschinski die Messe in St. Joseph besucht, "hier sitzen noch Leute, die mit Fritz Szepan die Vatertagstour gemacht haben", sagt er. An Heimspieltagen wird blau und weiß geflaggt an der St. Joseph-Kirche, dann regt sich das Leben in den Fan-Läden und Kneipen an der Schalker Meile, die ansonsten nur noch denen als Wohnort dient, die sich das Wegziehen nicht leisten können. Bloß Heiner Kördell, mit Schalke 1958 Meister, ist gern geblieben. Am vorigen Sonntag feierte er 85. Geburtstag, Kruschinski hat ihm ein Geschenk gebracht.

150 Meter entfernt von hier steht das Geburtshaus des Meisterspielers Ernst Kuzorra, auch Szepan stammt von hier, die beiden waren Nachbarn, Kollegen und Schwäger. Zu Kuzorras Jugendzeiten war Schalke ein Industriedorf, die Grenzstraße bildete die Demarkation zu Gelsenkirchen und bestimmte den Horizont des Eingeborenen. Die berühmte Geschichte darüber ist diese: 1929 wurde er bei einem Gastspiel in Schweden von König Gustav Adolf empfangen. "Und wo kommen Sie her?", erkundigte sich der König. "Aus Schalke", erwiderte Kuzorra. "Wo liegt denn Schalke?" - "Anne Grenzstraße, Ihre Majestät." Alte Anekdote, aber das Klein-Kommunale, das gibt es bis heute im Ruhrgebiet. "Das Kirchturmdenken, typisch Pott", sagt Kruschinski.

Manche Denkmäler im Stadtteil sind als solche nicht zu erkennen. Ein paar Meter weiter, im Haus an der Schalker Straße 143, hatte vor achtzig Jahren der legendäre Ur-Präsident Fritz Unkel gelebt und Fritz Szepan bis zu seinem Lebensende gewohnt, Charly Neumann hat hier eine Bäckerei betrieben und Günter Siebert, auch ein maßgebender Präsident, einen Kiosk. Nun ist hier ein Geschäft für Krankengymnastik-Bedarf, das die Familie des ehemaligen Profis Heinz van Haaren führt. Wie an all den georgianischen und viktorianischen Häusern in London, müssten an der Schalker Straße 143 lauter goldene Erinnerungsplaketten angebracht werden.

Mehr Besinnung auf das große Erbe, das haben sich jetzt alle vorgenommen. Dringend nötig. Plötzlich befindet man sich auf dem sagenumwobenen Schalker Markt, einst Mittelpunkt der Gemeinde und des königsblauen Gesellschaftslebens. Aber wenn es einem keiner sagt, wird man es nicht ahnen, weil man in Wahrheit auf einem ordinären, von Gewerbebauten umstandenen Parkplatz steht.

Auch die Glückaufkampfbahn ist immer noch keine illuminierte Landmarke mit angeschlossenem Gedenkzentrum. Hier wurde der Schalker Kreisel geboren, das magische Spielsystem der Meisterjahre. "Ich sag' immer: Die Barcelonesen haben uns das Tiki-Taka geklaut", wirft Kruschinski ein. Fahren die Leute auf der A 42 am Stadion vorbei, sehen sie zwar ein Hinweisschild, doch das kündigt lediglich den nächsten Baumarkt an. "Hier muss doch Schalke 04 hin!", empört sich Kruschinski, und vielleicht passiert das nun endlich.

Tönnies war mit ihm zur Mythos-Tour hier. Mehr als 20 Jahre gehört der Klubboss den Schalker Gremien an, aber dieser Besuch war eine Premiere. Abends rief er Kruschinski an und sagte: "Oli, ich bin total geflasht."