Schalke 04 In den Händen eines Buben

Mit Manuel Neuer, 20, und seinen jüngeren Ersatzleuten widerlegt Schalke die Lehre vom erfahrenen Torwart.

Von Ulrich Hartmann

Das Leben des Torwarts Manuel Neuer hat sich rasant verändert. Vor acht Monaten war der 20-Jährige noch der jüngste von drei Schalker Torhütern und in der Rangfolge auf Platz drei hinter Frank Rost, 33, und Christofer Heimeroth, 25. Heimeroth wechselte im Sommer nach Mönchengladbach.

Rost wurde im November auf die Bank verbannt und in der Winterpause nach Hamburg verkauft. Plötzlich ist Neuer der älteste von drei Schalker Torhütern und die Nummer eins vor Ralf Fährmann, 18, und Dennis Lamczyk, 19. "Das ist komisch'', sagt der gebürtige Gelsenkirchener, "aber wie ein alter Haudegen fühle ich mich jetzt trotzdem nicht."

18, 19 und 20 Jahre alt sind die drei Torhüter, mit denen der FC Schalke 04 um die Meisterschaft und den Einzug in die Champions League kämpft. Neuer ist mit 20 Jahren der jüngste unter den aktuellen Stammtorhütern der ersten Liga. Auf Platz zwei folgt Berlins Kevin Stuhr-Ellegard, 23, auf Platz drei Bremens Tim Wiese, 25. Über Torhüter heißt es, sie benötigten viel Erfahrung und erhielten dadurch das notwendige Vertrauen ihrer Abwehrspieler.

Neuer hat erst elf Ligaspiele gemacht. Er kann noch nicht viel Erfahrung besitzen, aber seine Statistik ist trotzdem beeindruckend. Mit ihm im Tor hat Schalke noch kein Spiel verloren. Von elf Partien gewannen sie neun. Neuer blieb in sechs Spielen ohne Gegentor. Im Fachmagazin kicker wird er auf Platz zwei der aktuell besten Torhüter geführt, hinter Frankfurts Markus Pröll, 27.

Verbundenheit mit den Jungs in der Nordkurve

Aber den Schalkern gefällt nicht nur das, was Neuer im Tor leistet. Sie lieben auch seine Geschichte. Diese Geschichte beginnt damit, dass ein kleiner Junge in Gelsenkirchen-Buer aus dem Dachfenster seines Elternhauses das Parkstadion sehen konnte, dass er mit vier Jahren am 1. März 1991 Mitglied bei Schalke wurde und von den Bambinis bis zur U19 alle Jugendteams durchlaufen hat. Neuer trat dem Fanklub ,,Buerschenschaft'' bei, ging als Bub extra früh zu den Heimspielen, um seinem Idol Jens Lehmann beim Aufwärmen zuschauen zu können, und wurde, als Lehmann Schalke längst verlassen hatte, im Sommer 2005 dritter Torwart des Profiteams, hinter Rost und Heimeroth.

Es dauerte nur ein Jahr, ehe er sein erstes Bundesligaspiel absolvierte. Heimeroth war fort und Rost verletzt. Am 19. August 2006 feierte Neuer Premiere und blieb beim 1:0 in Aachen sowohl ohne Gegentor als auch äußerlich gelassen, was er nachher jedoch als große Täuschung entlarvte. "Ich war so was von nervös", sagte er, "ich habe alle verarscht!" Ähnlich ging es ihm am 5. November, als Trainer Mirko Slomka den Stammtorwart Rost wohl auch aus nichtsportlichen Gründen auf die Bank verbannte, und Neuer beim 2:2 gegen Bayern München erst das 19-minütige Schweigegelübde der Fans erlebte und dann jenes mehrwöchige der Spieler gegenüber den Medien. Das habe ihm geholfen, sagte er später, sonst hätte er den Druck der Öffentlichkeit noch stärker gespürt.

Den Druck lässt er sich kaum anmerken, wenn er im Tor steht. Neuer wirkt souverän und hat bislang so gut gehalten, dass die Schalker betonen, dass es sich bei ihm, dessen Vertrag bis 2010 läuft, nicht bloß um eine Notlösung handele. "Wir sind von Manuel überzeugt", sagt der Manager Andreas Müller, "aber uns ist auch klar, dass ein Torwart mit 20 nicht so weit ist wie ein Torwart mit 30."

Müller meint damit zweierlei: Einerseits will man dem jungen Neuer auch Phasen der Schwäche zugestehen, ohne ihm gleich das Vertrauen zu entziehen. Andererseits hat der Klub hohe Ziele und könnte in die Bredouille geraten, wenn Neuer außer Form geriete und Fährmann ihn ersetzen müsste, der noch einmal zwei Jahre jünger ist. Nach Rosts Verbannung auf die Bank im Herbst war spekuliert worden, ob die Schalker sich wohl um die Rückkehr von Jens Lehmann bemühen. Müller sagt, man könne doch dem hochtalentierten Neuer keine neue Nummer eins vor die Nase setzen. Aber Müller sagt auch: "Natürlich müssen wir uns im Sommer überlegen, ob wir ihm nicht einen erfahrenen Torwart an die Seite stellen." Schalke will in der Champions League mitspielen. Auf diesem Niveau wächst das Risiko, wenn man nur jugendliche Torhüter im Kader hat.

Doch bislang haben sie alles richtig gemacht. Mit Neuer im Tor sind die Schalker zum größten Rivalen von Werder Bremen avanciert, und wenn die Bremer erfahren, was den neuen Keeper so stark macht, dann werden sie mit noch mehr Respekt ins Spitzenspiel am Sonntag in Gelsenkirchen gehen. Manuel Neuer trägt unter dem Trikot stets ein T-Shirt jenes Fanklubs, bei dem er Mitglied ist. "Buerschenschaft" steht auf dem Shirt. "Damit drücke ich meine Verbundenheit mit den Jungs in der Nordkurve aus"', sagt er, "außerdem hat es mir Glück gebracht."