Schalke 04 Es ist Liebe

Ach, du Schreck! Trainer Huub Stevens nach einer der vergebenen Schalker Ausgleichschancen bei der 0:1-Niederlage gegen Leipzig.

(Foto: Leon Kuegeler/Reuters)

Nach nur anderthalb Tagen mit Huub Stevens wirkt die Mannschaft diszipliniert wie schon lange nicht mehr - für einen Punkt gegen Leipzig reicht es dennoch nicht.

Von Philipp Selldorf, Gelsenkirchen

Man müsse "die Jungens ein Kompliment geben", lautet einer der vielen rhetorischen Standards, die Huub Stevens im Sprachgebrauch der Liga etabliert hat. Doch seit sich der Niederländer bereit erklärte, seinem alten Klub als Krisendoktor zur Seite zu stehen, ist er selbst derjenige, der Komplimente bekommt.

Einerseits schmeicheln sie ihm, weil sie die Dankbarkeit der Schalker Gemeinde ausdrücken. Andererseits bereiten sie ihm Unannehmlichkeiten, weil sie von seiner Frau stammen, mit der er am Sonntag nach Mallorca fliegen wollte. "Was meinen Sie, was ich zu Hause für Komplimente kriege?", deutete Stevens, 65, an, dass die Stornierung der Ferienreise im Wohnzimmer Debatten heraufbeschworen hat.

"Ich tue es aus Liebe", hat Stevens dann noch verraten, aber das dürfte Ehefrau Toos keinesfalls zufriedengestellt haben, denn gemeint ist in diesem Fall die gefährliche Liebe zu Schalke 04.

Selbst die seit Monaten krankende Offensive regt sich

Schalkes Krise, die durch die 0:1-Niederlage gegen RB Leipzig eine nicht überraschende, aber dadurch nicht weniger beunruhigende Fortsetzung erfahren hat, wird die Verhältnisse im Hause Stevens noch einige Wochen belasten. Und nicht nur dort. Auch der zum Notstandskomitee hinzugestoßene frühere Profi und ewige Publikumsliebling Gerald Asamoah, 40, berichtete über private Verwerfungen, da er jetzt zu seinem Job als Manager der Oberliga-Elf die Aufgabe des Teammanagers der Profis zugefügt hat: "Im Moment tut mir meine Frau leid." Am Morgen des Spiels hatte Asamoah den Dienst aufgenommen. Beim obligatorischen Spaziergang nahm er Spieler wie Mark Uth, Suat Serdar und Weston McKennie zu sogenannten Einzelgesprächen beiseite. Er habe ihnen "ihre Unsicherheit nehmen" wollen, sagte er.

Was immer er ihnen erzählt hat, und was immer Stevens mit seinem Adjutanten Mike Büskens in den anderthalb Tagen Tätigkeit als kommissarisches Trainerduett unternommen hat - es zeigte Wirkung. Im Schalker Spiel fanden sich Elemente, die in den letzten Tagen der Zeit mit dem am Donnerstag beurlaubten Vorgänger Domenico Tedesco verloren gegangen waren. Trotz des frühen Gegentores durch Timo Werner (12.) brach nicht der Fatalismus über die Elf herein, die defensive Organisation funktionierte, die Einsatzbereitschaft stand wieder im mannschaftlichen Zusammenhang, und selbst das seit Monaten krankende Offensivspiel regte sich wieder so weit, dass der Gegner öfter in Bedrängnis geriet. Schalke operierte mit langen Bällen und groben Mitteln, brachte damit aber während der zweiten Halbzeit ein halbes Dutzend Torgelegenheiten zustande. Als der von Stevens reaktivierte Mittelfeldspieler Sebastian Rudy berichtete, man habe "versucht, die einfachen Dinge richtig zu machen", konnte er damit nicht den simplen Torschuss gemeint haben. Uth, Serdar, Sané, Burgstaller und Bruma - sie alle schossen mit einer dilettantischen Hast aufs Tor, als hätten sie das noch nie zuvor getan.

Im Grunde lässt sich das Gegenmittel, das Schalke anwendet, um im Abstiegskampf zu bestehen, als Eigenblutdoping bezeichnen. Man hat so viel königsblaues Blut in die Profiabteilung gepumpt, wie man in Gelsenkirchen auftreiben konnte. Stevens, Büskens und Asamoah sind in ihrem Schalketum über alle Zweifel erhaben, anders als das aktuelle Pofiteam, das dem Publikum bisher in weiten Teilen emotional fremd geblieben ist. Als sich die Mannschaft nach der Niederlage auf den nächsten schweren Weg zur Fankurve machte, hing dort ein Banner am Zaun, das die Betreffenden nicht als Kompliment verstehen sollten: "Danke Domenico", stand darauf als Referenz an den Ex-Coach geschrieben. Und: "Söldner aussortieren" als Aufforderung an den Verein, jene Profis wegzuschicken, die zur Trennung vom beliebten Coach beigetragen hatten. Dennoch haben die Spieler schon unangenehmeren Kontakt mit der Fanbasis gehabt. Es gab keine Pfiffe und Beschimpfungen, sondern ein neutrales Schweigen, das signalisierte: Unseren Applaus müsst ihr euch erst wieder verdienen.

Stevens greift durch und versetzt Bentaleb in die U23

Zumindest aus gesundheitlicher Sicht war Stevens mit seinem Comeback einverstanden: "Meine Knie haben gehalten, meine Augen waren gut, meine Ohren auch - ich habe die Fans gehört, wie sie die Mannschaft unterstützt haben." Sportlich mochte er sich nicht mit einem Achtungserfolg zufrieden geben. "Enttäuschend!", rief er aus, als er um ein Fazit gebeten wurde.

Als ihm später ein Reporter eine als respektlos empfundene Frage stellte, sah man auch wieder das bekannte Blitzen in den Augen, mit dem Stevens Wände durchbohren könnte. Der hohe Folklorewert ist ein Grund für seine erneute Bestellung, wichtiger ist aber seine fachliche Eignung. Erwartungen, dass Stevens den Heimatfaktor auch ins Team übertragen würde, erfüllten sich daher nicht. Der junge Alexander Nübel behielt seinen Platz im Tor, der Ur-Schalker Ralf Fährmann blieb draußen. Stevens bekannte sich zu Tedescos Rangordnung: "Hier ist ein guter, junger, ehrlicher Trainer gewesen, der eine Entscheidung getroffen hat." Aber natürlich fügt Stevens auch seine eigenen knorrigen Entscheidungen hinzu: Am Sonntag gab Schalke bekannt, dass der Mittelfeldspieler Nabil Bentaleb "aufgrund einer disziplinarischen Verfehlung" bis auf Weiteres zur U 23-Mannschaft versetzt wurde.