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Schalke 04:"Der Trainer ist die ärmste Sau"

Wie aufgeschreckte Dorfbewohner gegen wilde Wikinger: Die Königsblauen haben dem VfL Wolfsburg wenig entgegenzusetzen und sind seit 24 Spielen sieglos. Coach Manuel Baum setzt zwar Zeichen - am erschütternden Gesamtzustand aber kann auch er nichts ändern.

Von Philipp Selldorf, Gelsenkirchen

Goncalo Paciencia, Schalkes portugiesischer Mittelstürmer, ist ein Mann von stattlicher Erscheinung. Amtlichen Mitteilungen zufolge misst er 1,84 Meter und bringt rund 80 Kilo auf die Waage. Im Verhältnis zu seinem Wolfsburger Gegenspieler John Anthony Brooks wirkte Paciencia am Samstag aber klein und schmal. Während der zahlreichen Zweikampf-Begegnungen der beiden sah es immer wieder so aus, als ob Roger Moore alias James Bond auf den schweigsamen Hünen namens "Beißer" träfe, wobei Brooks immerhin kein metallenes Gebiss einsetzte, um seinen Gegner am Genick zu packen.

Das scheinbar ungleiche Duell zwischen Angreifer und Verteidiger stand stellvertretend für einen wesentlichen Teil des Spiels zwischen Schalke 04 und dem VfL Wolfsburg. Die Gäste traten ihrem Gegner gegenüber, als ob sie zum Frühstück eine Tonne Kraftfutter verschlungen hätten, die einheimischen Blauen machten dagegen den Eindruck, als hätten sie zur Mahlzeit bloß ein paar Krümel bekommen.

Bis die dauerkriselnden Schalker einigermaßen ins Spiel gefunden hatten, war es bereits mehr oder weniger erneut vorbei für sie. Die schnellen VfL-Treffer von Wout Weghorst (4. Minute) und Xaver Schlager (22.) bestimmten den Lauf der Partie und nahmen auch das Schlussresultat vorweg. Die ersten 30 Minuten seien "ganz schwach" gewesen, "mit und gegen den Ball haben wir nix auf die Platte gebracht", stellte Schalkes Trainer Manuel Baum in vorbildlicher Deutlichkeit fest.

Wie die wilden Wikinger waren die Wolfsburger vom Anpfiff weg in die Schalker Hälfte eingefallen, und wie die aufgeschreckten Dorfbewohner formierten sich die Hausherren zur untauglichen Verteidigung. Sie waren schon willens, den schnellen Attacken entgegenzutreten, aber ihnen fehlte die nötige Organisation im Mittelfeld und die Schlagkraft in der Deckung.

Die Abwesenheit der physisch starken Schalker Stammverteidiger Salif Sané (knieverletzt nach einem Länderspiel für Senegal) und Ozan Kabak (angeschlagen aus der Türkei zurückgekehrt) machte sich bemerkbar. Auch auf den Außenposten gab es Probleme, mit den rasanten Wolfsburgern körperlich mitzuhalten, der junge Rechtsverteidiger Kilian Ludewig verlor zudem regelmäßig den Kampf gegen seine Nervosität und musste reichlich Lehrgeld zahlen. Einzig Frederik Rönnow, nun auch amtlich die Nummer eins im Gelsenkirchener Tor (zur unverhohlenen Enttäuschung von Konkurrent Ralf Fährmann), hielt den Gefahren zumeist stand.

"Ich würde am liebsten in die Kabine gehen und weinen“, sagte der Schalker Mark Uth nach dem 0:2.

(Foto: Martin Meissner/AP)

Der Trainer Baum sah das alles mit Sorge und war zugleich "total enttäuscht und sauer". Während der Länderspielpause hatte er mit dem Gros seines Kaders arbeiten können - doch erstklassig vorbereitet war lediglich der von etlichen Abstellungen betroffene VfL des Kollegen Oliver Glasner. Dessen Elf verfügte dank Xaver Schlager und Maximilian Arnold über ein machtvolles Duett im Zentrum und dank Weghorst und Josip Brekalo über einen Vorzeige-Angriff, Schalke hatte weder als Mannschaft noch durch Einzelne ein Gegengewicht anzubieten. "Wenn man das Spiel sieht, denkt man: Was trainieren die denn?", gestand Team-Manager Sascha Riether.

Das war nicht als Vorwurf an den Trainer gemeint, dem im Verein allenthalben ein fundierter Job bescheinigt wird. Es drückte aber aus, dass Manuel Baum als Nachfolger des nach dem zweiten Spieltag entlassenen David Wagner weiterhin mit alten Problemen zu kämpfen hat: An die 18 sieglosen Wagner-Spiele reihen sich inzwischen sechs sieglose Baum-Spiele. "Der Trainer ist bei uns die ärmste Sau", drückte Angreifer Mark Uth in Fußballersprache sein Mitgefühl aus.

Äußerungen wie diese sind womöglich gut gemeint, signalisieren aber nichts Gutes für den betroffenen Coach - sie lassen ihn ohnmächtig erscheinen. Die Spielanalyse des besonders aufgewühlten Mark Uth fiel auch umfassend erschütternd aus: "So macht's einfach keinen Spaß. Ich habe das Gefühl, dass wir zwei Mann weniger sind. Wir spielen sehr schlechten Fußball", sprudelte es aus ihm heraus: "Ich bin so bedient und sauer, ich würde am liebsten in die Kabine gehen und weinen."

Das zweite Wolfsburg-Tor erzielte Xaver Schlager (2. von links) schon nach 22 Minuten.

(Foto: Martin Meissner/AP)

Erst nach einer halben Stunde entwickelten die Schalker - auch dank des sehnsüchtig vermissten Rückkehrers Suat Serdar - spürbare Gegenwehr. Vor und nach der Pause hatten sie fast ein halbes Dutzend guter Chancen auf den Anschlusstreffer, selbst Paciencia entkam immer wieder dem Zugriff des Beißers Brooks. Baum hätte die Gelegenheit ergreifen können, Moral und Willen oder dergleichen zu rühmen, zumal es seine Einwechslungen und taktischen Eingriffe waren, die dem Team effektiv geholfen hatten. Aber er hielt es weder für angebracht, die Mannschaft noch sich selbst zu loben, "es war dann etwas besser, aber nicht deutlich besser, so dass wir zufrieden sein könnten", sagte er.

Das klang nach einer ehrlichen Einschätzung, drückte aber auch aus, dass Baum nicht mehr ständig bereit ist, Nachsicht mit den von Erfolglosigkeit gestressten Profis zu üben. Nächste Woche geht's nach Mönchengladbach, dann kommt Leverkusen, auf eine sich weiter verschärfende Lage sollten die Schalker moralisch vorbereitet sein. Strengere Signale empfing bereits der erneut verhinderte Spielmacher Amine Harit. Nach 38 Minuten nahm ihn Baum aus dem Spiel, Harit eilte geradewegs und grußlos in die Kabine. Warum die frühe Auswechslung? "Da hat einfach die Leistung nicht gestimmt", erwiderte der Trainer, das reichte ihm als Antwort. Keine Details, kein Relativieren, kein Trösten. Harit hatte laut Statistik in 38 Minuten keinen Zweikampf gewonnen.

Allen Ernstes und ohne polemische Absicht wurde der Trainer schließlich gefragt, ob er überhaupt noch Hoffnung habe, in diesem Jahr ein Spiel zu gewinnen. Baum lachte und erklärte, er sei sogar hundertprozentig überzeugt davon: "Aber wir müssen uns steigern." Der Satz dürfte ihm selbst bekannt vorgekommen sein.

© SZ vom 23.11.2020
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