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Robert Enke:Nach den Besessenen kommt der Gelassene

Was andere ärgert, freut Hannovers Torhüter Robert Enke: Er ist auf Abruf nominiert, genießt die WM als Zuschauer - und bereitet sich nebenbei auf 2010 vor.

Ronald Reng

Diese Sprinteinheit muss Robert Enke in Badeschlappen absolvieren. Rasant rennt er aus dem Gartentor. "Jack!", ruft er. Es dauert einen Moment, bis die beiden gleichsam schwer atmend zurück sind, der ausgebüchste Hund und sein Besitzer in Fußballers liebstem Schuhwerk, Badeschlappen.

Enke, ddp

Robert Enke hält sich fit - und sieht es als Ehre an, auf Abruf bereit zu stehen.

(Foto: Foto: ddp)

Der Vereinsfußball macht Ferien, aber Robert Enke trainiert; auch ohne von einem seiner sieben Hunde dazu gezwungen zu werden. Vor dem Haus in Empede bei Hannover stehen zwei Paar Joggingschuhe. "Heute morgen waren wir laufen", sagt er.

Wir? "Die Ersatztorhüterin und ich." Er meint seine Frau Teresa. Robert Enke, 28, Torwart von Hannover 96, sehr viele sagen: der beste der Bundesliga, wurde für diese Weltmeisterschaft "auf Abruf nominiert", wie es in der Fußballersprache heißt.

Gesunder Abstand zum Geschäft

Das bedeutet, nicht dabeizusein, aber sich fit zu halten für einen Fall, der fast ganz sicher nicht eintreten wird: dass sich zwei der drei deutschen Torhüter verletzen und der Weltverband eine Nachnominierung erlaubt.

Nicht dabeisein zu dürfen und sich doch bereithalten zu müssen, halten viele für eine Erniedrigung, der Schalker Angreifer Kevin Kuranyi teilte mit, ihn brauche keiner abrufen, er fahre in den Urlaub.

Enke sagt, fit halten müsse er sich sowieso, heutzutage bekomme jeder Profi von seinem Verein einen Trainingsplan mit in die Ferien, "ob sich alle dran halten, ist eine andere Sache".

Er trainiert, auch wenn es im Prinzip für eine andere WM ist: 2010. Nach dem Torwartkrieg ist vor dem Torwartkrieg. Das Drama Kahn oder Lehmann wurde gerade erst geklärt, da ist absehbar, dass die Position des Nationaltorwarts relativ bald nach diesem Turnier schon wieder zur Disposition stehen wird.

Jens Lehmann ist 36, Oliver Kahn 37, es ist nicht besonders wahrscheinlich, dass einer von ihnen bei der EM 2008 noch im Tor steht. "Sich darüber Gedanken zu machen, ist die Aufgabe von Euch Medien", sagt Enke, "ich muss, was sich immer so langweilig anhört, nur meine Leistung bringen."

Als noch nicht feststand, ob Lehmann oder Kahn bei dieser WM die Nummer eins sein würde, wurde schon heiß darüber geredet, dass Enke nachrücken werde - weil der Verlierer im Torwartduell sowieso nicht als Ersatz mitfahren werde.

"Ich habe immer gewusst, Kahn würde mitfahren. Einerseits weil er sich so ein Ereignis, die WM im eigenen Land, nicht nehmen lassen würde. Und andererseits, weil alle sagten, er würde es nicht machen, Ersatzmann. Dann macht es einer wie er erst recht."

Nie so arbeiten müssen wie Kahn

Er überlässt die Aufregung, was vielleicht sein könnte, den anderen. Robert Enke sagt, "die ganz große Besessenheit wie Olli Kahn hatte ich nie, ich musste auch nie so arbeiten wie er, denn ich hatte das Talent".

Was für jemanden, der ihn nicht kennt, arrogant klingen könnte, ist in Wirklichkeit eine Anerkennung Kahns und vor allem ein wunderbares Bekenntnis: Angesichts der Verbissenheit im Titanenkampf Kahn - Lehmann schien es gar nicht mehr möglich zu sein, doch Enke beweist, dass man ein großer Torwart und gelassen sein kann.

Der Hauptgrund für seinen gesunden Abstand zum zerfressenden Ehrgeiz des Geschäfts sitzt neben ihm im Garten in Empede und lacht vergnügt. Bald wird seine Tochter Lara zwei, aber ihre Zukunft ist wegen eines angeborenen Herzfehlers auch nach drei Operationen ungewiss.

Wichtiger als alles andere

"Es gibt nun etwas, was immer wichtiger als alles ist: Laras Leben. Deshalb kannst du dich weniger über gute Spiele freuen, aber eben auch weniger über schlechte ärgern."

Fußball wurde ein Geschenk für ihn. "Mein Frau hatte es, gerade wenn Lara auf der Intensivstation lag, doch viel härter. Sie konnte nie weg von Laras Problemen. Ich konnte zwei Tage zu einem Auswärtsspiel. Natürlich bin ich noch immer nervös vor einem Spiel, aber im Prinzip ist es Erholung: sich abzulenken."

Früher hat er ab und zu darüber nachgedacht, ob er wohl ein besserer Torwart wäre, wenn er besessener wäre. Er kündigte 2003 bei Fenerbahce Istanbul, weil er mit dem Fantatismus der Fans nicht zurechtkam; die Leute sagten, er sei zu sensibel, um es nach ganz oben zu schaffen.

Wie schön ist es, festzustellen, dass er, ein fantastischer Reflextorwart, mit mehr Gelassenheit sogar besser geworden ist. "Ich habe gelernt zu akzeptieren, dass Fehler zum Torwart dazugehören."

Er hat sich gefreut über eine Nominierung, die alle anderen nur ärgert: auf Abruf. Er genießt diese WM als Zuschauer, ohne verbiestert zu denken: Ich sollte dabeisein.

Er ist zum Spiel der Deutschen gegen Polen nach Dortmund gefahren, das war das einzige, was er für die Bereitschaft auf Abruf vom DFB bekam: die Eintrittskarte. "Oder soll ich noch mal nachfragen, ob ich an der Weltmeisterprämie beteiligt bin?"

Schätzen, was man hat

Das Telefon klingelt, sein Agent ist dran, es geht um die Vertragsverlängerung in Hannover. Bernd Hoffmann, der Vorsitzende des Hamburger SV, ist ein Fan von ihm, und "natürlich könnte ich, wenn ich es darauf anlege, zu einem größeren Verein wechseln". Aber wenn Hannover das Gehalt zusammenträgt, das seinem Wert entspricht, wird er bei dem mittelklassigen Team bleiben. Er hat gelernt, "zu schätzen, was man hat".

Er schaltet den Fernseher ein. "Er schaut alle WM-Spiele", sagt Teresa mit gespielter Verzweiflung. "Was denn, Südkorea gegen Togo habe ich nicht gesehen", entgegnet Robert Enke. Fußballer schauen Fußball anders als Fans: schweigend. Von ihm aus wird es der friedlichste Torwartkrieg.

Er sagt: "Falls Jens Lehmann immer noch besser ist, muss er natürlich auch nach der WM spielen, egal wie alt er ist." Lara sitzt neben ihm und gluckst. Robert Enke legt den Arm um sie.

© SZ vom 28.6.2006
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