River Plate Auf dem falschen Tanz

Argentiniens Rekordmeister River Plate wird von Doping-Enthüllungen erschüttert. Bei zwei Spielern werden verbotene Substanzen gefunden - aber es bleibt eine Frage.

Von Javier Cáceres, Buenos Aires/München

Das Wochenende wäre ohnehin schwer zu ertragen gewesen für die Anhänger von River Plate, einem der Kultklubs Argentiniens. Boca Juniors, Rivers ewiger Rivale, hatte sich vergangene Woche vorzeitig den Meistertitel gesichert - und hatte für Sonntag die Titelparty in der legendären Bombonera angekündigt, wie das Boca-Stadion genannt wird. Verantwortliche und Fans von River schlichen aber nicht nur wegen der Feierlaune der Nachbarn mit düsteren Mienen durchs winterliche Buenos Aires. Sondern vor allem, weil auf River eine Doping-Affäre lastet, die dem Namen des eigenen Stadions alle Ehre macht: Monumental.

Wie der Südamerika-Verband Conmebol offiziell mitteilte, wurden bei zwei River-Profis Substanzen gefunden, die verboten sind. Bei den Spielern handelt es sich um Lucas Martínez Quarta, 21, und Camilo Mayada, 26. In ihrem Urin sei das Diuretikum Hydrochlorothiazid nachgewiesen worden, das üblicherweise der Verschleierung von Dopingsubstanzen dient; bei Martínez Quarta nach dem Libertadores-Spiel bei Emelec/Ecuador, bei Mayada nach einer Partie bei Melgar in Arequipa/Peru. Es bestehen aber erhebliche Zweifel, ob der südamerikanische Verband vollumfänglich über die Affäre informiert hat. Ehe am Donnerstag das offizielle Kommuniqué veröffentlicht wurde, war argentinischen Medien von der Conmebol hinter vorgehaltener Hand bestätigt worden, dass mindestens drei, möglicherweise sieben River-Profis positiv getestet worden waren. Wurde die Liste also bereinigt?

Doping werde "zu sehr auf die leichte Schulter genommen", heißt es in Südamerikas Verband

Auszuschließen wäre das nicht, zumal dem Präsidenten Rivers, Rodolfo D'Onofrio, beste Verbindungen zu der nicht besonders gut beleumundeten Conmebol nachgesagt werden. Unter anderem sickerte durch, dass die Anwälte und Funktionäre Rivers schon am Montag vergangener Woche über die positiven Tests verständigt wurden. Wären es mehr als zwei Profis gewesen, hätte River mehr als ein Image-Problem gehabt: Laut Reglement droht einem Verein der Ausschluss aus dem kontinentalen Wettbewerb, wenn innerhalb einer Saison mehr als zwei Spieler gegen die Dopingregeln verstoßen. Eine Bestrafung fürchten müssen aber vorerst nur Martínez Quarta und Mayada; Rivers Achtelfinal-Spiel bei Guaraní/Paraguay steht nichts im Wege. Interessant ist aber auch der angebliche dritte Fall: Rivers Angreifer Sebastián Driussi, 21. Er hätte Ende voriger Woche wohl kaum für die stattliche Summe von 15 Millionen Dollar an Zenit St. Petersburg in Russland verkauft werden können, wenn er offiziell des Dopings beschuldigt worden wäre. Er soll in Medellín/Kolumbien erwischt worden sein, wo River gegen Independiente spielte. Für den früheren paraguayischen Torwart José Luis Chilavert liegt der Fall klar: "Man will uns für dumm verkaufen. River muss aus der Libertadores ausgeschlossen werden. Die Korruption geht weiter. Alejandro Domínguez (paraguayischer Präsident der Conmebol) hat den River-Präsidenten D'Onofrio im Weltverband Fifa platziert." Rivers Boss ist seit Anfang 2017 Mitglied der Kommission der Interessengruppen des Fußballs der Fifa.

Er sei "überrascht und erschüttert", sagt Marcelo Gallardo (l.), der Trainer von River Plate aus Buenos Aires, über die Doping-Vorwürfe.

(Foto: Candelaria Lagos/dpa)

Worauf die Dopingfälle zurückzuführen sind, ist offen. Der Fokus aber fällt auf die Offiziellen des Klubs, erst recht, weil Martínez Quarta versicherte, keine Substanzen zu sich genommen zu haben, "die nicht von der Institution verschrieben worden waren". Trainer Marcelo Gallardo, eine River-Legende, und Arzt Pedro Hansing traten am Freitag vor die Presse und beteuerten, vor einem Rätsel zu stehen: "Wir sind überrascht wie alle." Hansing erklärte überdies, sich unschuldig zu fühlen. "Ich arbeite seit drei Jahren mit Gallardo zusammen und bin seit 25 Jahren im Klub. Es gab nie ein Problem. Dies verärgert mich sehr, denn wir finden uns nun auf einem Tanz wieder, zu dem wir nie gehen wollten."

Er mutmaßte, dass womöglich ein Nahrungsergänzungsmittel kontaminiert gewesen sei, das den Spielern verabreicht werde. Das Diuretikum gehöre jedenfalls "nicht zur Arznei-Batterie", mit der man bei River hantiere, versicherte er. Man habe nun alle Substanzen ausgetauscht.

Zu den kuriosen Begleitumständen der Affäre zählt, dass es bei den Kontrollen im argentinischen Ligabetrieb nie zu Auffälligkeiten kam. Die Frage, ob der argentinische Fußball-Verband AFA blind sei, liegt derart auf der Hand, dass der Chef der medizinischen Abteilung des Südamerika-Verbandes, Osvaldo Pangrazio, dazu lieber nichts sagen wollte. "Grundsätzlich gilt, dass das ganze Doping-Thema zu sehr auf die leichte Schulter genommen wird", räumte er ein.

Ein Bild aus unverdächtigen Tagen: Camilo Mayada, 26, bejubelt im April 2016 ein Tor für River Plate.

(Foto: Natacha Pisarenko/dpa)

Das ist wohl das Mindeste, was sich behaupten lässt. Erst vor zwei Wochen hatte die ARD in einer Dokumentation nachgewiesen, dass es in Südamerikas Fußball recht schmutzig zugeht. Unter anderem besuchten die Rechercheure eine Fabrik in der paraguayischen Hauptstadt Asunción, die sich auf die Herstellung von Dopingmitteln spezialisiert hat - unter anderem für Südamerikas Spitzenfußball. Ein brasilianischer Arzt behauptete, diverse Fußball-Kunden des Kontinents betreut zu haben, namentlich auch aus Argentinien. Der Arzt wollte unter anderem die gewaltigen Oberschenkel des früheren brasilianischen Weltmeisters Roberto Carlos aufgepumpt haben. Der einstige Weltklasse-Linksverteidiger beteuerte nach TV-Ausstrahlung, den betreffenden Arzt nicht zu kennen. Er habe die Angelegenheit seinen Anwälten übergeben. Doch zu einer Klage ist es nach Auskunft der Autoren der Doku bislang nicht gekommen.