Red-Bull-Chef Der steirische Zeus

"Den Turnvater Jahn, ja, den werden Sie schwerlich finden im 21. Jahrhundert!" Als Unternehmer mag er andere Traditionen, die des Randspektakels zum Beispiel. Die Cheerleader beim Football, die Partys bei der Hahnenkammm-Abfahrt, solche Dinge. Das gehört für ihn dazu zum Gesamtkunstwerk Sportereignis, dieses "Flair", wie er sagt. Flair ist für ihn ein Wert an sich. "Das ist ein Marketing-Tool", sagt Mateschitz. "Es darf nur nicht so sein, dass die, die runterfahren, zu Statisten degradiert werden."

Dietrich Mateschitz

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Der Kommerz ist immer verdächtig, die Ideale zuzuschaufeln, aber Mateschitz sagt: "Für mich existiert das Wort Kommerz nicht." Er hat nie an den klassischen Kommerz geglaubt, an diese ganze Universitätslehre von der Maximierung des Gewinns. Stattdessen an die Maximierung von Kreativität, Einsatz, Hingabe, lauter abstrakte Faktoren also, die man nicht einfach kaufen kann, sondern die man entstehen lassen muss in einem Wohlfühlambiente aus Loyalität und gediegenem Luxus.

Zwillingsvulkane am Fuschlsee

So begeistert er seine Leute, auch seine Sportler. Wer zum Kreis der Red-Bull-Athleten zählt, soll sich verstanden und versorgt fühlen als exklusives Mitglied in der Familie des anspruchsvollen Heldenvaters Mateschitz. Sigi Grabner zum Beispiel, Snowboardprofi, ein früherer Weltmeister und besonnener Abenteurer, weiß noch genau, wie er vor zehn Jahren als junger Kerl auf Empfehlung von Kollegen bei Mateschitz vorstellig wurde, ihm nervös von seinen Träumen erzählte und kurz darauf zum Team gehörte. Handschlag, fertig. ",Mach mer', hat er gesagt." Grabner lacht. Seither hat Mateschitz ihn nie im Stich gelassen, nicht einmal in den turbulenten Wendephasen seines Sports. Sigi Grabner kennt das auch anders.

Es ist so ein dezenter Wahnsinn, mit dem die Firma das Establishment bereichert und den man am besten sieht, wenn man durch ihr Salzburger Herrschaftsgebiet streift. Die Zwillingsvulkane der neuen Zentrale am Fuschlsee fügen sich ins Bergland als unaufdringliche Ideenfabrik für die wachsende Mitarbeiterschaft. Hangar 7, Mateschitz' gläserner Show-Raum am Salzburger Flughafen, in dem das edle Restaurant Ikarus untergebracht ist und die Sammlung seiner Flugzeuge, glänzt ganz nach dem Geschmack des Hausherrn. Sichtbar teuer, aber mit Stil. Und im Örtchen Thalgau verbirgt sich unter den Giebeln einer früheren Drahtzieherei eine außergewöhnliche Anlaufstelle für das Sportpersonal: das firmeneigene Diagnostik-Zentrum, etabliert vor zwei Jahren, weil Mateschitz fand, dass seine Athleten etwas Nachhilfe brauchten in Form dieser "Dienstleistung", wie er es nennt. Ganz im Sinne des sportlichen Erfolgs. Denn Mateschitz sagt: "Wir sind Maniacs auf dem Gebiet der Qualität."

Doktor Bernd Pansold, der Red-Bull-Leistungsdiagnostiker, führt durch die Räume, freundlich, Lob für seinen Dienstherrn streuend. Allerdings auch etwas misstrauisch. Denn Pansold weiß, was manche Journalisten denken, wenn sie ihn als erfolgreichen Trainingssteuermann wirken sehen. Im Sportsystem der DDR war Pansold als Arzt tätig und als solcher am Staatsdoping beteiligt, das schon Minderjährige mit allerlei Chemie anfütterte.

Jedenfalls hat das Berliner Landgericht so befunden und ihn, den früheren Stasispitzel IM "Jürgen Wendt", 1998 zu einer stattlichen Geldstrafe wegen Beihilfe zur Körperverletzung verurteilt, worauf prompt seine Kündigung am Olympiastützpunkt Obertauern folgte, an dem er zuvor Österreichs Skihelden Hermann Maier fit gemacht hatte. Jetzt sammelt er also für Red Bull Daten über Kondition, Psychomotorik, Koordination und schreibt Trainingspläne. Wie viel DDR in seiner Arbeit von heute steckt? "Der Vergleich mit der DDR ist völlig uninteressant", sagt Pansold, "unsere Arbeit ist vor allem systematisch, nicht dem Zufall überlassen." Irgendwann grummelt er: "Mal schauen, was Sie wieder schreiben."

Was soll man schon schreiben? Nichts vielleicht? Es gibt frühere DDR-Sportler, die heute krank sind oder behinderte Kinder haben und die das auf die Pillen von damals zurückführen. Denen kann man kaum verdenken, dass sie es zynisch finden, wenn ein Pansold so zufrieden weiterdoktert. Aber Mateschitz lobt ihn als "einen der besten Leistungsdiagnostiker der Welt". Die DDR-Zeit? "Schnee von gestern." Und gegen Ende des Gesprächs, als er schon ziemlich genervt ist, weil er den Eindruck hat, alles mehrmals sagen zu müssen, kommt er noch einmal darauf zurück, leidenschaftlich zürnend.

"Alle Tassen im Schrank?"

"Was soll ich mich darum kümmern, was der Pansold vor 20 Jahren irgendwo in Berlin gemacht hat?! Ja, haben wir noch alle Tassen im Schrank?! Räumen Sie einem Menschen nicht das Recht ein umzudenken?!" Schon die Frage nach Pansold mag er nicht. "Dadurch hat man eine Polemik aufgebracht, die nichts verloren hat." Und die Geschichte, die Lehren daraus?

"Wann will man denn damit aufhören? Im Jahr 2770? Dann fragen Sie mich doch bitte, ob der Doktor Pansold bei uns an die Grenze des Dopings herangeht. Er ist ja der Dopingsünder! Das wäre wenigstens straight. Da soll man wenigstens genug Zivilcourage haben und das direkt fragen. Und ich sage Ihnen darauf: Nein! Da ist die Frage schon absurd!" Später sagt er noch in seine verrauchende Aufregung hinein: "Man muss ja nicht alles richtig finden, was er vielleicht irgendwann einmal..."

Auf dem Salzburger Olymp geht die Zeitrechnung ein bisschen anders. Die Vergangenheit ist nicht die Stärke von Dietrich Mateschitz, sie passt irgendwie nicht in sein Land. Zumindest nicht, wenn sich nicht eine neue Idee aus ihr gewinnen lässt. "Morgen ist der erste Tag unseres restlichen Lebens", sagt Mateschitz, der steirische Zeus. Später lächelt er wieder und lenkt weiter die Geschäfte, wie es ihm gefällt.