Pferdesport:Die Streichlerin

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Es ist toll, wenn man die Pferde zu echten Persönlichkeiten entwickeln kann, wenn man zum Beispiel ein schüchternes Pferd zu einem echten Showman oder einer Showwoman machen kann“, sagt Jessica von Bredow-Werndl (im Bild mit TSF Dalera BB auf der Pferd International).

(Foto: Christian Einecke/imago)

2016 durfte Jessica von Bredow-Werndl nicht zu Olympia reisen. Mit besonders einfühlsamen Methoden bildet sie in Aubenhausen Pferde aus - und hat nun gute Chancen, sich für Tokio 2020 zu qualifizieren.

Von Raphael Weiss

Plötzlich weicht alle Anspannung aus dem Gesicht von Jessica von Bredow-Werndl. Die Dressurreiterin hat gerade die Grand Prix Kür im Viereck der Pferd International geritten, die Prüfung mit dem höchsten Niveau im Dressursport. Und jetzt ist sie einfach nur glücklich. Von Bredow-Werndl beugt sich immer wieder zu TSF Dalera BB vor, tätschelt ihr den Hals, streichelt sie und flüstert ihr Lob ins Ohr. "Das war mit Abstand die beste Kür, die wir je gezeigt haben. Es war ein Genuss. Dalera war voll konzentriert und ich hatte das Gefühl, sie hat die Kür genauso genossen wie ich", sagt von Bredow-Werndl später. Es war ein Sieg, der die herausragende Form der vergangenen Saison bestätigte und für die kommende einiges erwarten lässt. Und ein Sieg, der zeigt, wie gut Dalera und von Bredow-Werndl harmonieren: "Das passt wirklich perfekt. Sie ist fröhlich, sie ist ehrgeizig, will keine Fehler machen. Sie ist mir sehr ähnlich", sagt die 33-jährige Aubenhausenerin und fügt an: "Ich will mich jetzt auf jeden Fall in der Deutschen Spitze festsetzen - und das ist auch die Weltspitze."

Ihr Ansatz ist positive Verstärkung. Sie trainiert ihre Pferde mit Lob und Zuspruch

Schon früh war klar, dass von Bredow-Werndl Dressurreiterin werden wollte: Ihr erstes Pferd bekam sie mit vier, mit 16 Jahren war sie Doppel-Junioren-Europameisterin, 2004 gewann sie die EM der jungen Reiter. Zehn Jahre später schaffte sie es in die Weltspitze. 2014 gewann sie Bronze bei der deutschen Meisterschaft, wieder ein Jahr später belegte sie beim Weltcupfinale in Las Vegas Rang drei, 2016 verpasste sie nur knapp die Teilnahme an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro. "Ich war damals die Nummer Vier der Welt. In jedem anderen Team wäre ich auf jeden Fall gestartet - aber das zeigt einfach, wie gut unsere Mannschaft ist. Die Bundestrainerin könnte eigentlich immer zwei Teams stellen", so von Bredow-Werndl.

Ein Jahr später musste sie kürzer treten. Sie war schwanger, an vielen Turnieren konnte sie nicht teilnehmen, ein Rückschlag für ihre Karriere sei das nicht gewesen: "Im Gegenteil. Ich bin erfolgreicher denn je", sagt sie. Vier Wochen nach der Geburt ihres Sohnes gewann von Bredow-Werndl bei ihrem Comeback gleich ihr erstes Turnier in Donaueschingen. "Die Pferde und ich konnten es kaum erwarten, dass es wieder losgeht. Und dann haben wir gleich das Turnier und gegen Isabell Werth gewonnen." Sie schaffte es erneut in die Weltspitze. Zum ersten Mal in ihrer Karriere fuhr sie nach Tryon zu den Weltreiterspielen. Gemeinsam mit Dorothee Schneider, Werth und Sönke Rothenberger gewann sie Gold in der Mannschaftswertung.

Dabei ist von Bredow-Werndl nicht nur eine der besten deutschen Dressurreiterinnen, sie bildet die Pferde auch aus. Gemeinsam mit ihrem Bruder Benjamin Werndl lebt sie in Aubenhausen, wo sie trainieren und junge Pferde zu Dressurpferden von Weltklasse-Format ausbilden. "Es ist toll, wenn man die Pferde zu echten Persönlichkeiten entwickeln kann, wenn man zum Beispiel ein schüchternes Pferd zu einem echten Showman oder einer Showwoman machen kann." Auf dem Reiterhof arbeiten die Geschwister eng zusammen. Und auch, wenn sie wie gerade in München gegeneinander antreten, nimmt der Wettbewerbsgedanke nicht überhand. "Es gibt nichts Schöneres, als gegen und mit meinem Bruder zu reiten. Ich wäre ohne meinen Bruder nie da, wo ich bin - und auch umgekehrt."

Die Geschwister setzen bei ihrer Ausbildung nicht auf harte Disziplin und Strafen. Ihr Ansatz ist positive Verstärkung, sie trainieren mit Lob und Zuspruch. "Für mich kommt die Liebe zu den Tieren an vorderster Stelle. Das ist der Grund, warum ich den Sport überhaupt ausübe. Es macht so Spaß, den Pferden ihre Möglichkeiten zu erklären und sie als Partner aufzubauen", sagt von Bredow-Werndl. In den vergangenen Jahre stand der Dressursport immer wieder in der Kritik. Vor allen Dingen der Fall von Totilas, der sich in Deutschland innerhalb von drei Jahren von einem der teuersten und erfolgreichsten Dressurpferde zu einem Sportinvaliden entwickelte, sorgte für Aufregung.

Doch die Branche reagiert, möchte Image und sich selbst verbessern. Mittlerweile wird in vielen Wettbewerben auch der Umgang mit dem Pferd bewertet. Eine der Vorreiterinnen ist von Bredow-Werndl. In Wettkämpfen sieht man, wie sie mit kleinen Bewegungen, etwa einem Streicheln über den Hals des Pferdes, Anweisungen gibt und nicht durch Kraft. Eine Einstellung, die sie auch im Reitsport verbreiten möchte: "Es ist mein Anspruch, dass ich anderen Menschen zeigen kann, dass es unseren Pferden sehr gut geht und wir gerade deshalb so erfolgreich sind. Dass Amateurreiter sehen, dass bei mir die Pferde zum Beispiel jeden Tag auf die Koppel gehen und das dann auch machen."

Ihr Weg soll sie zu den Olympischen Spielen 2020 führen, dieser Weg ist allerdings beschwerlich, die Konkurrenz im deutschen Kader groß. Am 13. Juni beginnt in Balve die deutsche Meisterschaft, ein wichtiger Wettbewerb, der für die Teilnahme an der Europameisterschaft berechtigt. Hier muss von Bredow-Werndl sich beweisen, zeigen, dass sie und ihre Pferde zu den besten in ganzen Deutschland und zu den Besten der Welt gehören. Das genügt dann hoffentlich für die Spiele in Tokio.

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