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Para-Europameisterschaft:Zwei gegen den Spuk

Para Leichtathletik-EM

Die zwei Schnellsten über 100 Meter: Johannes Floors (links) und Felix Streng feiern ihre Silber- bzw. Goldmedaille.

(Foto: Jens Büttner/dpa)

Die Sprinter Johannes Floors und Felix Streng sind beide erst 23 und die Nachwuchs­hoffnungen der Para-Leichtathletik in Deutschland. Doch trotz der EM-Medaillen der beiden warnt der Bundestrainer vor einem drohenden Talentemangel.

Von Fabian Dilger, Berlin

Johannes Floors hatte es schon aufs Plakat geschafft: lila Hintergrund, selbstbewusster Blick im Vordergrund. Er war eine der Werbefiguren für die Europameisterschaften der Para-Leichtathletik in Berlin, die am Sonntag endeten. Und er beschloss sie mit drei Goldmedaillen als einer der erfolgreichsten Athleten.

Floors, 23, hat den Weg vom Talent zum professionellen Para-Sportler geschafft. Am letzten EM-Wochenende sitzt er im deutschen Teamhotel, er wirkt noch ein bisschen durchtrainierter als auf dem Foto. Und er erzählt von seinem Weg, der im deutschen Sport eine Ausnahme ist.

Floors ließ sich mit 16 beide Beine amputieren, wegen eines Fibula-Gendefekts hatte er keine Wadenbeine und verkümmerte Füße. Nach der Amputation meldete er sich für das Sportabitur an, kam danach zu Bayer 04 Leverkusen. Während seiner Ausbildung zum Orthopädiemechaniker war Floors jeden Abend in der Halle zum Training, als Letzter schloss er ab, Schlafengehen, Aufstehen um fünf Uhr früh, dann wieder Arbeit. Jetzt studiert Floors Maschinenbau in Köln, er hat Zeit, sich auf den Spitzensport zu konzentrieren.

Als er bei der WM 2017 in London drei Goldmedaillen gewann, schrieben die englischen Zeitungen vom "Kronprinzen". Als Heinrich Popow bei der EM seine Abschieds-Pressekonferenz gab, saß Floors neben ihm. Sponsoren, Verbände und Funktionäre beachten ihn. Er wirkt nicht extrovertiert, aber er nimmt die neue Bekanntheit gerne an. Er will mithelfen, Aufmerksamkeit für den Para-Sport zu generieren, "da müssen wir ja auch noch ganz viel Werbung machen", sagt er. Gerade, um Nachwuchssportler zu akquirieren.

Trainer Gernemann: "Es ist sehr selten, dass man solche Juwele findet."

Wenn Willi Gernemann an den Nachwuchs denkt, dann ist es eher ein Spuk in seinem Kopf. Wenn er Floors sieht, wie er über 200 Meter, 400 Meter und mit der 100-Meter-Staffel gewinnt, muss der Bundestrainer schon an die nächste EM denken. Dann sieht er noch Felix Streng, 23, den zweiten jungen und erfolgreichen Sprinter, ebenfalls Gewinner von drei EM-Goldmedaillen. Beide lobt er gerne und ausführlich, ehrgeizige, fokussierte und vielseitige Sportler seien das. Dann sagt der Bundestrainer: "Es ist sehr selten, dass man solche Juwele findet."

Gernemann befürchtet, dass die deutschen Para-Leichtathleten nicht genügend Nachwuchs in der Breite haben, dass es in Zukunft zu wenig Medaillengewinner wie Floors und Streng geben wird, zumal von nun an auch Popow fehlt. Mit 80 Millionen Einwohnern und als wirtschaftskräftiges Land müsse man eigentlich "durchgehend Nummer eins sein in Europa". Aber Großbritannien, Frankreich und Polen sieht er auf dem Vormarsch, Russland und China seien längst außer Reichweite. "Wir haben 30 Athleten, die Medaillen holen können. Ich hätte gerne 60", sagt Gernemann. Er weist auf fehlende Strukturen hin.

Leverkusen, der Verein von Floors und Streng, ist das Gegenmodell zur Strukturschwäche, "deutschlandweit gibt es keinen so guten Ort", sagt Floors. In Leverkusen trainieren Para-Sportler seit Jahren in inklusiven Trainingsgruppen, Streng zum Beispiel mit dem Hochsprung-Europameister Mateusz Przybylko. Floors übt in einer anderen Trainingsgruppe, so oft laufen sich die beiden gar nicht über den Weg. Andernorts gibt es dagegen nicht mal eine solche Gruppe. Die Möglichkeiten sind oft rudimentär. Mehr Geld, mehr hauptamtliche Trainer, das fordert Gernemann.

Floors und Streng sind am Sonntag gegeneinander gelaufen, es war der Höhepunkt zum Abschluss, "Floors vs. Streng - Das 100-Meter-Duell", so haben die Organisatoren den Zweikampf angepriesen. Streng lief vorne weg, Floors wurde Zweiter. Nach dem Rennen umarmten sie sich, klatschten ab, legten sich eine Fahne über die Schultern. Das Lächeln für die Fotografen war trotz Erschöpfung gleich da, wie angeknipst. Man sah: Zwei Sportler, die wie geschaffen zu sein scheinen für repräsentative Auftritte. "Intelligent und eloquent" beschreibt Gernemann sie.

Streng findet es gut, wenn die Aufmerksamkeit kommt: "Da merken wir beide, dass sich mehr tut als in den letzten Jahren. Für mich ist das auch irgendwie eine Form des Respekts, wofür wir uns jeden Tag den Arsch aufreißen."

Mit 17 Jahren wollte Streng, geboren ohne rechten Unterschenkel, eigentlich nur eine Schularbeit über den Para-Sport schreiben, so erfuhr er von der Arbeit bei Bayer Leverkusen. Bei seinem ersten Besuch dort überzeugten ihn die Bayer-Leute vom Schritt in den Leistungssport. Streng tritt im Gegensatz zu Floors noch im Weitsprung an, bei der EM sprang er persönliche Bestleistung. Die unangefochtene Nummer eins der Welt, Europameister Markus Rehm, hat schon bemerkt, dass da jemand anklopft. "Ich bin jung, körperlich topfit und mental in einer guten Verfassung", sagt Streng. Er will damit wohl sagen, dass er die Voraussetzungen hat, in jeder Disziplin ganz vorne mitzumischen.

In zwei Jahren geht es für Floors und Streng nach Tokio zu den Paralympics. Die Deutschland-Fahne fürs gemeinsame Foto sollten sie einpacken.

© SZ vom 28.08.2018
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