Para-Biathlon:Abflug ins Wunderland

Lesezeit: 3 min

Clara Klug

"Ich gehe schon mit einem anderen Gefühl in die Saison. Ich muss jetzt aufpassen, dass ich mir nicht zu viel Druck aufbaue." - Clara Klug (hinten) will sich vor zu hohen eigenen Erwartungen schützen.

(Foto: Bob Frid/Canadian Paralympic Committee/oh)

Die sehbehinderte Münchner Dreifach-Weltmeisterin Clara Klug startet in die Weltcup-Saison. Erstmals seit drei Jahren sind russische Athleten wieder zugelassen - Klug freut sich über größere Konkurrenz.

Von Lynn Sigel

Wenn man in der vergangenen Saison drei Mal Weltmeisterin geworden ist, was soll dann noch kommen? Diese Frage stellt sich Clara Klug nicht, die Parabiathletin blickt nach ihrem erfolgreichen Winter 2019 zuversichtlich in die neue Saison, die für sie in einer Woche beginnt: Beim ersten Weltcup der nordischen Parasportler im norwegischen Lillehammer startet Klug in ihr neues Sportjahr. Und sie will genau da weitermachen, wo sie im Februar im kanadischen Prince George aufgehört hat - ganz oben auf dem Podium.

Doch dass das nicht leicht wird, weiß sie. Erstmals seit drei Jahren sind russische Para-Athleten wieder zugelassen, nachdem das Internationale Paralympische Komitee (IPC) die im August 2016 verhängte Wettkampfsperre aufgehoben hat. In Lillehammer sind viele russische Athleten gemeldet, die im Weltcup noch unbekannt sind. Viele fallen unter die Kategorie B3 - die fast jene Sportler zusammen, deren Sehkraft geringer beeinträchtigt ist. Clara Klug sieht nur Schattierungen. Die Laufzeit von Sportlerinnen wie ihr, deren Sehkraft stark beeinträchtigt ist und deshalb zur Kategorie B1 zählt, wird rechnerisch beschleunigt, sodass Athletinnen mit unterschiedlichen Behinderungen gegeneinander antreten können.

Für Weltmeisterin Klug bedeutet das zwar mehr Konkurrenz, sie sagt aber: "Ich freue mich darüber. Es kann mehr passieren auf der Strecke, und es macht einfach Spaß, gegen mehr Leute anzutreten."

Seit sie 2018 zwei Bronzemedaillen bei ihren ersten Paralympics gewann, zeigte die Erfolgskurve der 25-jährigen Münchnerin weiter nach oben. Nach ihrem Erfolg in Pyeongchang wurde sie als Juniorsportlerin des Jahres ausgezeichnet, bekam von Bundespräsident Frank Walter Steinmeier das Silberne Lorbeerblatt. In der letzten Saison legte Klug gemeinsam mit ihrem Guide Martin Härtl nach. Sie wurde dreifache Weltmeisterin im Para-Biathlon, über sechs, zehn und 12,5 Kilometer. "Die Saison lief unfassbar gut", sagt sie, "das kann man schier nicht wiederholen."

Diese so erfolgreichen Jahre haben viel verändert im Leben von Clara Klug. Im März beendete sie ihr Studium der Computerlinguistik und wurde in die Spitzensportfördergruppe der bayerischen Bereitschaftspolizei aufgenommen, im Oktober dann auch ihr Guide Martin Härtl. Dort geht ein Monat Dienst, den die Sportler selbst festlegen, einher mit einer Freistellung für elf Monate. So können sie sich ganz auf ihr Training konzentrieren. "Das ist eine optimale Ausgangssituation für uns, und ich hoffe, dass man das auch in den Ergebnissen sieht, wenn wir uns damit eingegroovt haben", sagt Klug. Die neue Freiheit haben Klug und Härtl jetzt in einem dreiwöchigen Höhentrainingslager in Livigno genutzt und sich an den Schnee und die Wettkampfbelastungen gewöhnt. "Das war traumhaft, wie ein Winter-Wonderland - anders als zurück in München", schwärmt Klug.

Paralympics Pyeongchang 2018 - Siegerehrung

Seit 2014 ein erfolgreiches Duo: Clara Klug und ihr Guide Martin Härtl, hier nach einem dritten Platz bei den Paralympics in Pyeongchang.

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Härtl ist ihr Vorläufer, und derjenige, welcher das Talent der jungen Frau 2012 als Landestrainer des Behinderten- und Rehabilitations-Sportverbands Bayern entdeckte. Aus dem Landestrainer wurde ihr Guide, und die beiden sind seit ihrem ersten Weltcupstart im Jahr 2014 ein erfolgreiches Duo. Im Wettkampf zeigt Härtl Klug den Weg, indem er ihr über ein Kehlkopfmikrofon Informationen über das Gelände gibt. So kann sich Klug orientieren. Am Schießstand allerdings ist Klug allein. Statt mit Luft schießen die Athleten mit Licht, also Infrarot. Je höher der Ton, desto näher ist man einem Treffer in der Scheibenmitte.

Obwohl Klug im Sommer nicht optimal trainieren konnte, sie war häufig krank und zog um, fühlt sie sich nun fitter als im Jahr zuvor. Doch vor zu hohen eigenen Erwartungen will sich Klug selbst schützen. "Ich gehe schon mit einem anderen Gefühl in die Saison", sagt Klug. "Ich muss jetzt aufpassen, dass ich mir nicht zu viel Druck aufbaue." Damit das nicht passiert, baut sie zwischen den Weltcup-Wochen, bei denen mehrere Rennen blockweise stattfinden, Ruhewochen zu Hause ein. Und sie fokussiert sich mehr auf Biathlon und nutzt einige Langlaufweltcups höchstens zur Rennvorbereitung.

Am Ende der Saison findet erstmals eine reine Parabiathlon-WM in Östersund statt, anschließend auch das Weltcup-Finale. Dort will sie angreifen und ihre WM-Titel verteidigen. "Die Biathleten vergangene Woche haben gejammert, aber mir liegen die bergigen Strecken", sagt Klug. Im Weltcup hingegen heißt die Devise: klaren Kopf bewahren. "Ein Fehler, und du bist in der Gesamtwertung weg."

Durch die neuen Konkurrentinnen lasse sich die Situation im Weltcup sowieso nicht vorhersagen, sagt Klug. Deshalb geht sie offen an die Weltcup-Serie heran. Bis zum Abflug nach Lillehammer am Samstag muss Clara Klug "die deutsche Winterrealität" noch aushalten, bevor es zurück auf den Schnee geht.

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