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Leipzig in der zweiten Liga:"Ahhs" und "Ohhs" im Minutentakt

VfL Bochum - RB Leipzig

Leipziger Liebkosung: Torschütze Sabitzer (links) und Kollege Forsberg.

(Foto: Kevin Kurek/dpa)

Leipzig bezwingt Bochum in einem Spitzenspiel, das diesen Namen verdient. Der Rangnick-Klub pirscht sich an die Aufstiegsplätze heran.

Die derzeit erfolgreichsten Trainer-Repräsentanten des darbenden niederländischen Fußballs heißen Louis van Gaal und Gertjan Verbeek. Van Gaal hat Manchester United zurück in die Spitzengruppe der englischen Premier League geführt, Verbeek den VfL Bochum in jene der zweiten deutschen Liga. Am Sonntag haben die Bochumer als bisheriges Überraschungsteam der Liga im Spitzenspiel gegen RB Leipzig allerdings nicht nur die Tabellenführung verloren, sondern die mit 1:0 (0:0) siegreichen Leipziger auch bis auf einen Punkt herankommen lassen. Während Bochum zumindest Zweiter bleibt, klettert Leipzig mit nunmehr sieben nicht verlorenen Spielen nacheinander auf Platz drei und gehört wieder zum Top-Trio der zweiten Liga. "Jetzt haben wir zum ersten Mal in dieser Saison zwei Spiele hintereinander gewonnen", freute sich der Trainer Ralf Rangnick über die zunehmende Stabilität seiner Mannschaft. "Diese kleine Serie würden wir am kommenden Freitag gegen Düsseldorf gern ausbauen."

Wem purer Fußball nicht genügt, der stilisiert einzelne Spiele bisweilen zum Klassenkampf, zu ideologischen Duellen. Seit es in der zweiten Liga den aufstrebenden RB Leipzig gibt, werden dessen Partien gern zum Duell zwischen Tradition und Moderne erkoren oder, wie am Sonntag in Bochum, zum Vergleich von Malochern mit Kapitalisten. Man kann solches Gerede allerdings auch mit der Nüchternheit des Bochumer Trainers abtun. Verbeek sagt: "Ich glaube nicht an diese Klischees." Verbeek glaubt an das Puristische im Fußball. Und auf dem Platz ereignete sich am Sonntag jenseits aller Klischees und Typisierungen dann auch wirklich ein fußballerischer Glücksfall, in dem sich zwei der derzeit besten Mannschaften der Liga einen leidenschaftlichen Schlagabtausch lieferten und das Publikum im Minutentakt zu "Ahhs" und "Ohhs" animierten.

Zwei taktisch blendend geschulte Teams verzichteten auf die allzu strenge Anwendung ihres Basiswissens und bemühten sich stattdessen proaktiv um Spielfreude und Ballbesitz - weil sie es alle, Freund wie Feind, mit der These des Trainers Verbeek halten: "Nur Ballbesitz macht Spaß." Unter dieser Prämisse entwickelte sich im engen Bochumer Stadion ein Zweitliga-Spitzenspiel, das sich fast ein bisschen englisch anfühlte. Verbeek sagte nach der Niederlage sogar: "Ich freue mich schon auf die Videoanalyse am Montag - das wird interessant."

Beide Teams spielen schön - "und dann fällt eine Flanke ins Tor"

Die Analyse wird angesichts des hohen Tempos im Spiel enorm viele Ballverluste im Mittelfeld offenlegen. Stabile Abwehrreihen gingen auf beiden Seiten mit problematischen finalen Offensivpässen einher, weshalb es bis zur 65. Minute dauerte, ehe aus der zwanglosen Ballfluktuation heraus das einzige Tor des Spiels fallen sollte. Der Leipziger Marcel Sabitzer wollte von der linken Strafraumbegrenzung eine Flanke ins Zentrum lupfen - und sah dann den hohen Ball eine unerwartete Flugbahn an den Innenpfosten und von dort ins Tor nehmen. "Eine Flanke fällt ins Tor", sagte Verbeek und zuckte die Schultern.

25 ausstehende reguläre Minuten sowie neun Minuten Bonuszeit - weil Schiedsrichter Benjamin Brand nach einer Oberschenkelzerrung kurz vor Schluss durch den Linienrichter Steffen Mix ersetzt werden musste - genügten den Bochumern nicht mehr, um noch den Ausgleich zu erzielen. Während sie mit nur sechs Punkten aus den jüngsten sechs Spielen zuletzt Federn ließen, holen die Leipziger mit zwölf Punkten im selben Zeitraum auf und kommen den Bochum sowie den nunmehr führenden Freiburgern langsam näher.

"Läuferisch sowie von der Mentalität her war das ein klarer Schritt nach vorn", bilanzierte Rangnick. Seine Spieler sind nach einem Drittel der Saison auf dem besten Weg, die ohnehin erwartete Ordnung mit ihnen und Freiburg an der Spitze verspätet herzustellen. Bochum und Verbeek müssen schauen, dass sie dort weiter mitmischen.

© SZ vom 19.10.2015
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