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Laver-Cup:Tipps von den Grand-Slam-Siegern

Fabio Fognini bekommt Tipps von Rafael Nadal und Roger Federer, Kapitän Björn Borg (li.) lauscht.

(Foto: Martial Trezzini/AP)

Der Laver-Cup hat im Tennis eine neue Disziplin eingeführt: Gemeinschafts-Coaching. Auch darin hat Europa gegenüber dem Team Welt in Genf beachtliche Vorteile.

Die Szene hat etwas Witziges, doch im Team Europa meinen es alle bitterernst. Es geht darum, in der Palexpo-Halle in Genf die drohende Niederlage Fabio Fogninis gegen den Aussenseiter Jack Sock abzuwenden. Zuerst reden Assistenzkapitän Thomas Envqivst und Ersatzmann Roberto Bautista Agut auf den gestresst wirkenden Italiener ein. Dann stoßen Rafael Nadal, Alexander Zverev und Kapitän Björn Borg dazu. Fognini, zuerst nervös und ratlos, findet etwas besser ins Spiel. Beim Stand von 1:6, 5:4 wird sein Coaching dann zur Chefsache: Roger Federer und Nadal stellen sich gemeinsam hinter ihren sonstigen Rivalen und beschwören ihn. "Nichts Negatives mehr, nur Positives", fordert Federer. Und Nadal schiebt nach: "Du darfst dich nicht frustrieren lassen."

Die Ratschläge der Sieger von zusammen 39 Grand-Slam-Turnieren fruchten vor 17 000 Zuschauern aber nicht. Fognini (ATP 11) unterliegt dem nach Verletzungen 199 Ränge schlechter klassierten Amerikaner 1:6, 6:7. "Es lag nur am falschen Coaching. Falsche Taktik, falsche Tipps", scherzt Federer danach. Doch Fognini verteidigt seine Berater: "Ich habe Glück, hier zu sein. Wenn Borg und solche Spieler zu dir sprechen, musst du die Ohren spitzen. Du erhältst nicht jede Woche Tipps von Legenden."

Auch die TV-Zuschauer dürfen mitlauschen

Der Laver-Cup fällt in vielen Aspekten aus der Reihe. Die Coaching-Situation aber hebt ihn mit am meisten von anderen Turnieren ab. Spieler, die sich sonst tagein, tagaus um Titel, Punkte und Preisgeld bekämpfen, werden hier plötzlich zu verschworenen Gefährten, spielen sich gegenseitig ihr Fachwissen zu und geben Geheimnisse preis. So etwas hat es bisher höchstens im Länderkampf Davis-Cup gegeben, wo das Coaching eingeschränkter und die Teams kleiner und weniger erfahren sind.

So hat der Laver-Cup dem Tennis gleichsam eine neue Dimension gegeben, an der dank Bild- und Tonaufnahmen auch die TV-Zuschauer ungewohnt intime Einblicke bekommen können. Dass Nadal und Federer ihre Erfahrungen derart großzügig weitergeben, hat wohl auch damit zu tun, dass sie im Herbst ihrer Karrieren stehen.

"Wir kennen uns alle schon seit Jahren, Roger und Rafa sogar seit etwa 15 Jahren", sagt Alexander Zverev. "Da muss man sich nicht mehr fürchten, dass der andere etwas sieht, das er noch nicht gesehen hat." Bei Stefanos Tsitsipas, wie Fognini ein Laver-Cup-Debütant, wirkt die Teambetreuung besser. Nachdem ihm die Partie gegen Taylor Fritz entglitten ist (6:2, 1:6), wird er vom Team in die Garderobe zurückbeordert. "Ich hatte von Roger schon vor der Partie viele Ratschläge erhalten", sagt der in ein Tief gerutschte Grieche. "Auch Rafa war da, um zu helfen. Wenn die beiden ihre Kräfte und ihr Wissen kombinieren, haben wir gegenüber Team Welt einen wichtigen Vorteil. Wir haben mehr Erfahrung, und das hilft unserer Leistung und dem Zusammenhalt."

So viel Zuspruch, so viel prasselt ein, das könnte doch Spieler verwirren und überfordern? Tsitsipas, der das Match-Tiebreak gegen Fritz danach prompt noch 10:7 gewinnt, glaubt nicht daran: "Roger versucht, es einfach und effizient zu halten und dich nicht mit Informationen zu überfluten." Auch Borg bringe den Spielern viel, obwohl er sich oft im Hintergrund halte, sagt der Grieche.

Das starke Engagement der Teamgefährten ist eines der Erfolgsgeheimnisse des Laver-Cups, glaubt Federer, dessen Manager Tony Godsick den Cup aufzieht. "Vielleicht ist das ein Grund, weshalb die Fans den Fernseher einschalten. Wir machen es zwar nicht deshalb, es hat sich einfach ergeben. Aber so bekommen sie eine Innenansicht."

Nadal, der am Freitag und Samstagnachmittag nur Zuschauer ist, greift am aktivsten ins Coaching ein. Auch Federer erhält in der schwierigen Endphase gegen Nick Kyrgios vom 19-fachen Grand-Slam-Sieger Tipps. Nadal spricht zu ihm, als er 6:7, 4:5 zurückliegt. Weniger als eine halbe Stunde später hat Federer den zweiten Satz 7:5 und das Match-Tiebreak 10:7 gewonnen. "Sicher hat er mir geholfen, schauen Sie sich nur das Resultat an", sagt Federer. "Ich genieße seine Klarheit in den Ratschlägen. Und mir gefällt auch, dass wir sehr oft einer Meinung sind. Er ist ein großartiger Problemlöser."

Zverev: "Nadal geht mit, als würde er selber spielen"

Wichtig sei beim Coaching die Effizienz, sagt Federer, und auch darin sei Nadal ein Meister. "Man hat wenig Zeit, deshalb muss man sehr direkt sein und sagen, was man denkt. Rafa macht das. Und ich sage ihm auch genau, was ich fühle, so kann er mich noch besser beraten." Und das Coaching sei selbst dann gut, wenn es nichts zu verbessern gebe. "Wenn Nadal sagt: 'Du machst alles richtig', hilft dir das auch."

Der Spanier sei der Spieler, der von der Bank aus am meisten Energie ausstrahle, sagt Zverev. "Er benimmt sich so, als würde er selber spielen - und das gibt dir Selbstvertrauen." Er habe zwei großartige Coaches gehabt, sagt der Deutsche nach dem mit Federer gewonnenen Doppel am Freitagabend, "einen auf dem Platz und einen an der Seitenlinie. Sie sagten mir bei jedem Punkt, was ich zu tun hatte. Ich konnte das Hirn ausschalten und einfach machen, was sie mir sagten. Immerhin sind sie die zwei Größten der Geschichte."

Beim Herausforderer ist John McEnroe der klare Chef

Im Team Welt wird derweil weniger demokratisch gecoacht als in seinem Team: Hier ist John McEnroe, meist die Hände in den Hosentaschen, der unumstrittene Chef, seine Spieler begnügen sich meist damit, hinter ihm Spaß zu haben und ihre Kollegen anzufeuern. "McEnroe ist einer der Größten in der Geschichte und ein sehr smarter Coach", sagt Jack Sock. Aber auch in ihrem Team würde viel diskutiert. "Der Erfolg des Events hat viel mit der Tatsache zu tun, dass die Spieler ihre Kumpels unterstützen können." Dass der Laver-Cup viel mehr den Charakter eines Teamevents hat als alle anderen Tennisanlässe, hängt aber auch mit dem Modus zusammen. Dieser lässt den Kapitänen große Freiheiten in der Aufstellung ihrer Teams. Auch bei diesen Diskussionen ist bei den Europäern das ganze Team involviert, sagt Assistenzcoach Enqvist. Wobei er festhält: "Das letzte Wort hat Borg."