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Kommentar:Spagat am Lagerfeuer

Das erste reguläre Montagsspiel der Ligahistorie steht für ein Dilemma: Zählen Emotionen oder Konkurrenzfähigkeit mehr?

Von Christof Kneer

Als die Bundesliga vor fünf Jahren 50 wurde, hat man wie meist bei solchen Anlässen die alten Bilder rausgeholt. Mensch, weißt du noch, wie damals ein Hund dem armen Friedel Rausch beim Revierderby in den Hintern biss? Und da, wie süß, schau mal, wie aufgeregt unsere kleine Liga war, als zum ersten Mal ein Spieler eine Million kostete! Und hier, guck, das ist schon ein Farbbild: Voll lustig, wie sich Giovane Elber beim Jubeln in einen Teppich einrollt, oder?!

Man könnte ohne tiefere Klettertouren ins Archiv weitere 17 oder 77 Anekdoten auftreiben, die jedem braven Bürger, der in seinem Leben dreimal die Sportschau gesehen hat, sofort auf herzerwärmende Weise bekannt vorkämen - und man könnte sicher sein, dass etwa 70 dieser 77 Anekdoten an einem Samstag zwischen 15.30 Uhr und 17.15 Uhr (plus Nachspielzeit) zur Aufführung kamen. Vielleicht wären drei Flutlichtbilder von einem Freitagabend auf dem Betzenberg dabei (ja, lieber Kinder, erste Liga in Kaiserslautern), vielleicht auch ein paar modernere Bilder von den Sonntagsspielen.

Aber von einem Montagabendspiel mit Sicherheit kein einziges. Am Montagabend hat die Bundesliga nie gespielt.

Menschenskind, die kleine Bundesliga ist wirklich ganz schön groß geworden, sie steckt mitten drin in den Zwängen des Lebens. Zum Beispiel muss sie im Arbeitsalltag schlechte Kompromisse schließen, die nach Lage der Dinge aber immer noch besser sind, als gar keine Einigung zu finden. Das Montagabendspiel zwischen Eintracht Frankfurt und RB Leipzig ist offenkundig ein schlechter Kompromiss. Weil es nur fünf Montagstermine pro Saison gibt, wird es kaum gelingen, eine emotionale Beziehung zu diesem Format aufzubauen. Andererseits sind fünf Montagsspiele viel zu wenig, um einen Untergang der Welt oder, schlimmer noch, der Fußball-Bundesliga zu prognostizieren.

Das Montagsspiel verstärkt das Grundgrummeln im Publikum

So steht dieses Montagsspiel, das nach 55 Jahren erstmals im Liga-Kalender auftaucht, exemplarisch für das Dilemma dieses deutschen Heiligtums. Einerseits steht die veranstaltende Deutsche Fußball Liga (DFL) in der Pflicht, die Emotion und den Charakter des Kulturguts Bundesliga zu erhalten, das zu den letzten Lagerfeuern zählt, hinter denen sich die Menschen noch versammeln können. Gleichzeitig muss die DFL Sorge tragen, dass die Liga konkurrenzfähig bleibt, was tendenziell nicht dadurch geschieht, dass man sich an einen Hundebiss aus dem Jahr 1969 erinnert. Um jene Milliarden zu erwirtschaften, die man braucht, um der angeblich vorbildlichen englischen Premier League nachzueifern, muss man Fernsehrechte meistbietend verkaufen und auch mal Spieltage zerstückeln, unter anderem, um alle Rechte-Inhaber auf ihre Kosten kommen zu lassen.

Es ist ein Spagat, der allen Beteiligten weh tut und bei der Kundschaft ein latentes Grundgrummeln verstärkt: jenes, das der großen Fußball mit seinen Fifa-Skandalen, mit seinem Ablösewahnsinn und mit diesem teuren Zappen zwischen Sky, DAZN und Eurosport II die kleinen Leute nicht mehr braucht. Zum Grundgrummeln würde es passen, wenn nun Leipzig dieses erste Montagsspiel gewänne - ein Klub, der im 46. Bundesligajahr aus kommerziellen Gründen gegründet wurde.

© SZ vom 19.02.2018
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