Kommentar Socken für die Ewigkeit

Barbara Klimke schreibt oft über Tennisspiele, wettet aber höchstens beim Galopp.

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Vor 20 Jahren traten Steffi Graf und Boris Becker zurück. Die Bezugsgröße im Tennis sind sie geblieben - was sich in diesen Tagen besonders bemerkbar macht.

Von Barbara Klimke

Von Boris Becker wird mehr in Erinnerung bleiben als ein Zinnteller, garniert mit einem Kunstharzbild von Leimen, seiner Heimatstadt. Mehr auch als der rehäugige Nippes ("Bambi"), den er 1985 als "Mann des Jahres" erhielt, als er gerade 17 war. Und mehr als die Statuen, die er sich mit seinen drei Wimbledon-Siegen erobert hat. All dies, über 80 Stücke aus seinem Besitz, lassen die Londoner Treuhänder von Beckers Insolvenzmasse bald versteigern, um Geld für Gläubiger einzutreiben. Wer die glorreichen Zeiten erlebt hat, in denen Tennis hierzulande fast so groß wie Fußball war, der wird sich vom 24. Juni bis 11. Juli wohl wehmütig durch die Seiten eines englischen Online-Auktionator klicken. Die Sentimentalitäten werden noch dadurch verstärkt, dass Steffi Graf just in dem Monat 50 Jahre alt geworden ist, in dem Beckers Blech unter den Hammer kommt.

Die Duplizität der Ereignisse mag ein Zufall sein. Aber nun, da die Rasensaison beginnt, jährt sich auch zum 20. Mal der Rücktritt der beiden besten Tennisspieler, die dieses Land je sah. Becker verlor am 30.6.1999 das Achtelfinale von Wimbledon 3:6, 2:6, 3:6 gegen den Australier Patrick Rafter und erklärte seine Karriere für beendet. Graf, die sieben Mal in Wimbledon gesiegt hatte, erreichte in jenem Sommer noch einmal das Finale, unterlag Lindsay Davenport aus den USA und zog sich wenige Wochen später ins Privatleben zurück. Beide sind seither in unterschiedlichem Maß präsent geblieben: Becker, 51, indem er als Sportphänomen und TV-Kommentator in der Öffentlichkeit steht, Graf, indem sie sich dieser Öffentlichkeit entzog. Als Referenzgröße im Tennis dienen sie immer noch.

Das gilt auch für Angelique Kerber. Als erste Deutsche nach der Ära Becker/Graf, zu der auch Michael Stich gehört, hat Kerber voriges Jahr als Solistin in Wimbledon triumphiert. Wenn in zwei Wochen die Hortensien blühen und Rufus, der Falke, über dem All England Club kreist, wird sie versuchen, den Sieg zu verteidigen. Grafs 22 Grand-Slam-Titel, ihre Disziplin und Willenskraft haben auch Kerbers Biografie beeinflusst, hat diese gerade in einem Geburtstagsgruß an das Vorbild erklärt. Und es hat Zeiten in ihrer Laufbahn gegeben, da hat sie ihr Idol um seltenen, wertvollen Rat gebeten.

Insgesamt haben Graf und Becker 156 Trophäen angehäuft, 107 die eine, 49 der andere. Das ist ein Haufen schweres Silberzeug, dessen Glanz vieles bis heute überblendet hat. Denn Angelique Kerber gehört mit Julia Görges, Andrea Petkovic, Mona Barthel und anderen ja zu einer sehr erfolgreichen, hochdekorierten Frauengeneration. Die Resonanz hält sich auch deshalb in Grenzen, weil das frei empfangbare Fernsehen schon lange keine Filzballduelle mehr überträgt. Nicht einmal aus Wimbledon, wo demnächst Alexander Zverev, Nummer fünf der Welt, aufschlägt.

Viel wird von Zverev, 22, erwartet, der in dieser Woche das erste Rasenmatch seiner Saison in Stuttgart verlor. Ihn mit Becker zu vergleichen, ist jedoch so schwierig wie ungerecht. Der 17-jährige Becker nutzte 1985 in Wimbledon auch eine Sternstunde der Tennisgeschichte, auf dem Weg ins Finale hatte er keinen der damaligen Tennisgiganten aus dem Feld schlagen müssen. Zverev hingegen sieht sich in jedem Turnier einem dominierenden Dreigestirn gegenüber: Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic, die seit Jahren die Beute unter sich aufteilen. Aber das heißt noch lange nicht, dass nicht auch Zverev zu den ganz Großen aufschließen kann.

Und zu wahrer Größe gehört, wie sich gerade wieder zeigt, mehr als der Klunker, der sich Jahrzehnte später versteigern lässt. Unter Beckers Besitztümern, die demnächst unter den Hammer kommen, ist auch ein Paar Tennissocken.