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Kommentar:Schuften in der Schwebe

Volker Kreisl berichtete 2012 und 2016 von den Sommerspielen.

Ein Jahr vor Olympia wird deutlich: Anders als viele Profi-Sportler kämpfen die Amateure mit großen Unsicherheiten.

Von Volker Kreisl

Viel los im Sport an diesem Wochenende. Die Champions League im Fußball beginnt wieder, die Formel 1 fährt in Silverstone, die US-Profiligen sind in vollem Gange, und irgendwo wird auch wieder Tennis gespielt. Aber irgendwas war doch noch? Ach so, Olympia.

Das letzte Wochenende der Spiele 2020 hätte gerade steigen sollen, die Finaltage jener Großveranstaltung, die dann wegen Corona um ein Jahr verlegt wurde. Ansonsten wäre es am Samstag in Tokio noch mal hoch hergegangen bei den Leichtathleten, und auch die kleinen, typischen Olympiateilnehmer - Ringer, Beachvolleyballer, Fünfkämpfer - hätten noch einen großen Auftritt gehabt. Stattdessen startet nun der gehobene Profisport volle Brause durch, der Fußball demnächst vielleicht wieder mit Zuschauern, während die Mehrzahl der Ringe-Athleten gerade mal trainiert.

Der Ärger von Einer-Ruderer Oliver Zeidler zu Beginn der Pandemie war verständlich, als er eine Sonderbehandlung des Fußballs beklagte, der für seine Ausgabenexzesse, so wirkte es, auch noch belohnt wurde mit sofortigem Wiederanpfiff. Tatsächlich führt die Diskussion nun weiter, ein Gehaltsdeckel wird immerhin für denkbar gehalten. Die meisten Olympiasportler müssen aber ihre eigenen Probleme lösen. Das virtuelle Schlusswochenende in Tokio trennt endgültig das, was gewesen wäre, von dem, was real bevorsteht: die Spiele im Jahr 2021.

Und da wartet das nächste Problem: "Real" ist zurzeit gar nichts, das Gefühl der Unsicherheit herrscht vor. Denn dass die Pandemie bis nächsten Juli nicht zurückgedrängt werden kann und die Spiele ausfallen, bleibt gerade in diesen Tagen denkbar. Offiziell hält das IOC daran fest, dass ein von Rahmenprogramm und Zuschauermassen befreites, reines Sport-Olympia 2021 immer gehe. Und den Athleten bleibt nichts übrig, als darauf nun einen Plan aufzubauen.

Olympia ist ein breites und buntes Spektrum, und so sieht es auch gerade im Training aus. Die Befindlichkeiten reichen von frustriert bis euphorisch. Soeben hat der Schwimmer Jan-Philip Glania, 31, seinen Rücktritt erklärt; der Zahnarztberuf ist wichtiger. Jüngere dagegen, die sich im Aufbau befinden wie die Bogenschützen oder auch der Frauen-Achter, begrüßen das Geschenk, ein weiteres Jahr reifen zu können, oder wie der Bogen-Coach Oliver Haidn über sein aufstrebendes Team sagte: "Hier gibt's nichts zu verkraften!" Überhaupt lässt sich die Zeit nutzen. Kanutin Franziska John, Olympiasiegerin von London 2012, erwartet ihr Kind im Winter, will im nächsten Sommer wieder fit sein, und nun so lange wie möglich trainieren, sie sagt: "Noch pass' ich ins Boot."

Tendenziell zählen zu den Ernüchterten wie zu erwarten eher die älteren Athleten. Jene, die ursprünglich schon nach diesem Wochenende mit einer Medaille nach Hause fahren wollten, wie der Ringer Frank Stäbler oder der Säbelfechter und Athleten-Vertreter Max Hartung. Sie trainieren nun für ihre letzte Chance und müssen die Spannung über den Winter aufrechthalten. Auch wenn mancher Sponsorenvertrag bereits ausgelaufen und nicht verlängerbar ist, auch wenn - anders als im Profisport - vorerst kein ernsthafter Wettkampf in Sicht kommt, was ebenfalls zur Unsicherheit beiträgt. In vielen Sportarten fehlt schlicht das Geld für ausgefeilte Hygienekonzepte.

Für zahlreiche Olympiafahrer wird es also ein Schuften in der Schwebe, und die Frage der Sommerhitze in Tokio bleibt auch. Bis zu 40 Grad Celsius können es auch im Juli 2021 werden, das muss man erst mal vertragen. Bei den Spielen 2020 hätten meist recht frische Temperaturen von bis zu 30 Grad geherrscht. Aber Olympia 2020 hat es ja nicht gegeben.

© SZ vom 08.08.2020
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