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Kommentar:Putins Angst

Eines will Russland verhindern: dass beim Confed Cup Bilder von wütenden Demonstranten um die Welt gehen, wie 2013 in Brasilien. Die Antwort: Restriktionen.

Fünf Tage vor dem Anstoß zum Confed Cup begeht Russland seinen Nationalfeiertag. Zwar hat der "Tag Russlands" seit seiner Einführung 1992 nie die Bedeutung erlangt wie die kommunistischen Feiertage, die er ersetzen sollte. Aber in diesem Jahr ist etwas anders: Der Oppositionspolitiker Alexej Nawalny hat für den 12. Juni zu Protesten im ganzen Land aufgerufen. Dann wird sich zeigen, ob die Demonstrationen vom März nur ein Strohfeuer waren, oder ob sich dauerhaft Widerstand regt gegen Wladimir Putins Elite.

Politiker und Staatsmedien wittern überall Verschwörungen

Im März sind Zehntausende einem Aufruf Nawalnys gefolgt und hatten damit sowohl den Kreml als auch seine Gegner überrascht. In fast einhundert Städten forderten überwiegend junge Leute Antworten der Regierung auf Korruptionsvorwürfe gegen Premierminister Dmitrij Medwedew; mehr als tausend wurden bei den größtenteils nicht genehmigten Aktionen festgenommen. Nawalny selbst bekam 15 Tage Arrest. Kaum war er wieder frei, rief er den 12. Juni zum nationalen Anti-Korruptions-Tag aus. Dann sollen die Demonstranten mit russischen Fahnen auf die Straße gehen. Sechs Wochen haben Polizei und Spin-Doktoren im Kreml noch Zeit zu überlegen, wie man gegen Bürger vorgehen soll, die am Nationalfeiertag mit der Nationalfahne in der Hand durch die Straßen ziehen.

Man kann wohl davon ausgehen, dass es wieder Festnahmen geben wird. Und dass sich die Unruhe bis ins Turnier hinein fortsetzen wird. Mit Unbehagen wird man im Kreml an die Bilder vom Confed Cup 2013 und von der WM 2014 denken, als die Brasilianer die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit nutzten, um der Regierung ihre Wut zu zeigen. Meinungsforscher messen zwar nach wie vor Zustimmungswerte von über 80 Prozent für den Präsidenten. Aber gegenüber allen anderen staatlichen Institutionen - Premier, Regierung, Parlament - wächst der Unmut nach drei Jahren Krise. Fernfahrer streiken gegen eine neue Maut, Wohnungsbesitzer sind wütend über Pläne der Regierung, alte Plattenbauten abzureißen und die Bewohner an den Stadtrand umzusiedeln. Und dann ist da noch das brutale Auftreten russischer Hooligans, die bei der Europameisterschaft in Frankreich ein schlechtes Bild ihrer Heimat abgegeben haben. Das alles will man nicht noch einmal.

Russland hat sich in einer anderen Zeit um das Turnier beworben. Ende der 2000er Jahre sprudelten die Öl-Dollars noch, es gab keine Sanktionen, und im Rückblick betrachtet war Russland ein vergleichsweise weltoffenes Land. Inzwischen wittern Politiker und staatliche Medien überall Verrat und Verschwörung. Alles, was schief läuft, wird antirussischen Mächten aus dem Ausland zugeschrieben. Journalisten müssen wieder Faxe auf offiziellem Briefkopf mit Stempel schicken, wenn sie eine Stellungnahme von einer Behörde oder einem Staatsbetrieb bekommen wollen. Und dann warten sie oft Wochen, bis sich die Angesprochenen ganz oben abgesichert haben. Gesprächspartner sagen kurzfristig ab, nachdem sie einen Hinweis vom KGB-Nachfolger FSB bekommen haben. Hotels vermieten keine Räume mehr für Tagungen, an denen ausländische Stiftungen beteiligt sind.

Allerdings: Wie bei vielen Verboten in Russland gibt es auch bei der Berichts-Einschränkung eine Hintertür. Die Reporter müssten sich zusätzlich eine Akkreditierung vom russischen Außenministerium holen. Wenn man ein Korrespondentenbüro in Moskau hat, ist der Aufwand überschaubar. Alle großen deutschen Zeitungen haben eines, außer die Bild, die das Thema Pressefreiheit/Confed Cup am Dienstag groß auf ihre Titelseite hob.

© SZ vom 26.04.2017
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