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Kommentar:Nächste Ausfahrt Wüste

Die "Phase der Transformation" ist vorbei, Audi zieht sein Werksteam aus der Formel E zurück. Es ist ein Schritt, der früheren Aussagen widerspricht. Stattdessen weicht der Automobilhersteller auf die umstrittene Rallye Dakar aus.

Von Philipp Schneider

Zugegeben, planen ist nicht einfach in diesen bewegten Zeiten. Mal wird ein Lockdown verkündet, der in Wahrheit gar keiner ist. Dann ein Lockdown light, der noch weniger einer ist. Dann warten alle auf einen Impfstoff und grübeln, ob sie vor der ersten Injektion guten Gewissens mit Oma und Opa am Weihnachtsbaum singen sollten. Aber sind die Zeiten wirklich so wirr, wie es nun bei Audi den Anschein erweckt?

Es war Ende April, in Deutschland hatten Restaurants und Geschäfte geschlossen, als der Hersteller aus Ingolstadt die Kollegen bei BMW mit der Botschaft auf der Rennstrecke allein ließ, dass er sich zurückziehen werde aus der DTM. Dass die Tourenwagenmeisterschaft seither ihren Betrieb noch nicht endgültig abgemeldet hat, liegt vor allem an den Bemühungen des rührigen Serienchefs Gerhard Berger, der nicht loslassen mag. Audi begründete den Ausstieg damals explizit mit einer Neuausrichtung des Volkswagen-Konzerns in Richtung Elektromobilität. Man wolle "konsequent um den Vorsprung von morgen fahren", hieß es in der Mitteilung: "Die Formel E bietet dafür eine sehr attraktive Plattform."

Acht Monate später, zack! Die nächste Neuausrichtung. Audi zieht Ende 2021 sein Werksteam aus der Formel E zurück. Diese ist also attraktiv, aber wohl doch nicht hübsch genug. Begründung? Die Rennserie mit den elektrifizierten Flitzern, in der sich auch Mercedes, BMW und Porsche engagieren, sei lediglich in einer "Phase der Transformation" wichtig gewesen. "Heute ist Elektromobilität nicht mehr Zukunftsmusik, sondern Gegenwart", lässt der neue Audi-Chef Markus Duesmann ausrichten. Eine Aussage, die einen verblüfft. Nicht nur im Hinblick auf die nach wie vor lausigen Absatzzahlen von Elektroautos in der Gegenwart. Aber sie überrascht nicht.

Für die Formel E ist Audis Ausstieg ein verheerendes Signal

Herbert Diess, VW-Chef und Duesmanns Vorgesetzter, hatte jüngst schon zur Kahlrasur der Formel E angesetzt: Eine Formel 1 mit synthetischen Kraftstoffen, sagte Diess, sei spannender, mache mehr Spaß, sei eine bessere Motorsport-Erfahrung und bringe mehr technischen Wettbewerb mit sich als eine Formel E, "die ein paar Runden in Innenstädten im Gaming-Modus fährt". Es waren Worte, die mancherorts als Ankündigung einer Rückkehr Porsches in eine irgendwann mal künstlich klimaneutral gerechnete Königsklasse der Verbrennungsmotoren gedeutet wurde. Aber, nichts da. Die Zukunft sieht VW woanders: in der Wüste! Präziser: bei der Rallye Dakar, die seit diesem Jahr veranstaltet wird im Öl- und Folterstaat Saudi-Arabien.

Ab 2022 soll dort ein Audi mitrollen, der über einen elektrischen Antriebsstrang mit einer Hochvoltbatterie und einen "Energiewandler in Form eines hocheffizienten TFSI-Motors" verfügt. Übersetzt bedeutet das: Weil die Batterie selbstverständlich nicht lange genug halten wird, um die bis zu 800 Kilometer langen Etappen im Sand zurückzulegen und weil Steckdosen in der Wüste eher selten anzutreffen sind, verfügt der Audi über einen Verbrennungsmotor, mit dem die Zelle unterwegs wieder geladen wird.

Für die Formel E ist der Ausstieg Audis ein verheerendes Signal. Bislang dachte man, sie leide zwar unter Zuschauermangel, profitiere aber wenigstens von einem Überangebot an Herstellern - weil sie so etwas sei wie eine Wette auf die Zukunft des Motorsports. Nun aber wackelt ihr Gerüst, bevor es einbetoniert wurde.

Was sich Audi dabei denkt? Man kann nur Vermutungen anstellen: Der Wagen, der die Wüste durchqueren wird, dürfte in etwa so aussehen wie die tonnenschweren SUVs, die der Hersteller in elektrifizierten Varianten auf den Markt bringen möchte. Die Flitzer der Formel E sehen aus wie Batmobile. Nach ihnen fragt der Kunde nur in Gotham City.

© SZ vom 02.12.2020
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