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Kommentar:Mammut vor dem Aus

Die Weltreiterspiele in Tryon boten hochklassigen Sport, waren aber dilettantisch organisiert. Alle Reitdisziplinen an einem Ort auszutragen, überfordert die meisten Veranstalter, in dieser Form wird es das Reiter-WM-Fest kaum noch lange geben.

Von Gabriele Pochhammer

Glanzvolle Ritte im Parcours, tanzende Pferde auf dem Dressurviereck, artistische Höchstleistungen der Voltigierer und harmonische Runden bei den Para-Dressurreitern - es gab manch Gutes zu berichten über die Weltreiterspiele in Tryon. Einigen Anteil daran hatten die jungen Deutschen, die sich hier nicht zuletzt die Teilnahme am nächsten Höhepunkt sicherten: "Ich bin vor allem glücklich, dass alle vier Disziplinen die Olympiaqualifikation erreicht haben", sagte Verbandschef Breido Graf zu Rantzau, also im Springen, in der Dressur, Vielseitigkeit und Paradressur. Insgesamt wurde das Team Erster, bis zum Einzelspringen holte es fünf Gold-, zwei Silber- und neun Bronzemedaillen. Die Leistungen waren auch international beachtlich, der Besucher in Tryon traf keine unfreundlichen Menschen, alles nette Leute.

Dennoch mehren sich die Anzeichen, dass das Konzept Weltreiterspiele stirbt. Kaum ein Veranstalter wird nach dem organisatorischen Desaster von Tryon noch Lust auf die Mammutveranstaltung mit allen acht Disziplinen des Weltverbandes FEI haben. Ein Zuschauermagnet waren die Weltreiterspiele hier nicht, auch bei den attraktiven Prüfungen wie dem Springen blieben viele Sitzreihen leer.

Aber das wird einen wie Mark Bellissimo nicht in den Ruin treiben. Zunächst muss man dem Immobilientycoon und Multimilliardär zugute halten, dass er erst vor 18 Monaten eingesprungen war, weil der ursprünglich vorgesehene Veranstaltungsort Montreal einen Rückzieher machte; Kanada war zu finanzieller Unterstützung nicht bereit. Bellissimo und seine vier Milliardärsfreunde waren eine Art Retter in der Not, sie versprachen die besten Spiele aller Zeiten, die FEI griff notgedrungen zu. Auf der Anlage hatten regelmäßig Turniere stattgefunden, 1200 feste Boxen waren vorhanden, auch Arenen und Trainingsplätze mit besten wetterfesten Böden. Das große Erwachen kam später: Von den versprochenen Hotels keine Spur, die Reiter wurden in der weiteren Umgebung untergebracht, die Pferdepfleger in Containern, Massenquartieren oder winzigen Holzhäusern. Das riesige Gebäude für die Medien und für den VIP-Bereich stand noch fast im Rohbau und konnte erst im Laufe der ersten Woche einigermaßen hergerichtet werden. Zwei weiße Zelte hinzustellen wäre billiger gewesen und schneller gegangen. Die FEI muss wohl zugeben, dass sie einem Schaumschläger aufgesessen ist.

Für die nächsten Reiterspiele im Jahr 2022 gibt es noch keinen Bewerber. Die einzigen Veranstalter, die diese Aufgabe bewältigen könnten, also Aachen und Calgary in Kanada, haben Werbeverträge mit dem falschen Partner, nämlich einer Uhrenfirma, einer Konkurrentin des offiziellen FEI-Sponsors. Sportliche Belange haben also keine Priorität, dabei braucht es für die Organisation erfahrene Experten, wie das Beispiel Tryon zeigt.

Tote Pferde: Das Distanzreiten bedroht das gesamte Image

Die Absage der Dressurkür war amateurhaft. Die für Sonntag vorgesehene Prüfung, die wegen des drohenden Hurrikans Florence auf Montag verlegt wurde, hätte leicht schon am Samstag ausgetragen werden können. Dann habe man aber keine TV-Übertragung, hieß es - schlussendlich hatte man weder Fernsehen noch Kür, weil die Heimflüge für die Pferde längst gebucht waren. Zu Beginn schon belastete der abgebrochene 160-Kilometer-Distanzritt diese Spiele. Mehr als die Hälfte der Pferde musste in einer Tierklinik behandelt werden, eines starb zwei Tage später. Schuld daran waren diesmal nicht unbedingt die Veranstalter, sondern die hohe Luftfeuchtigkeit, die Temperaturen über 30 Grad und das Unvermögen vieler Reiter, die die Kräfte ihres Pferdes falsch einschätzten.

Diese Disziplin mit ihren vielen verletzten und toten Pferden, den ständigen Regelbrüchen vor allem bei Wüstenritten in arabischen Staaten, bedroht das Image des ganzen Pferdesports. Bei der Generalversammlung des Weltverbandes soll im November eine Statutenänderung ermöglichen, dass eine Disziplin ausgeschlossen werden kann. Damit wäre der Weg frei für den Rausschmiss der Distanzreiter. Der träfe dann zwar auch diejenigen, die ihre Pferde vernünftig ins Ziel bringen. Doch auch aus diesem Dilemma scheint die FEI nicht herauszukommen.

© SZ vom 24.09.2018
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