Kommentar:Macrons Herausforderung

Lesezeit: 2 min

Vor 20 Jahren wirkte Frankreichs Weltmeisterelf als Versprechen gegen Rassismus. Die Situation jetzt muss das Land nutzen.

Von Nadia Pantel

Sich nicht für Fußball zu erhitzen, führt alle zwei Jahre zu einer gewissen gesellschaftlichen Isolation. Dann, wenn eine Europa- oder Weltmeisterschaft nicht nur zur kollektiven Ekstase verpflichtet, sondern wenn der Ball zur Kristallkugel der politischen Wahrsager wird. Frankreich hat sich fürs Finale der WM qualifiziert - man könnte meinen, das läge daran, dass ein junger Mann namens Samuel Umtiti seinen Kopf sehr zielsicher gegen den Ball knallte. Das allein wäre jedoch etwas langweilig.

Ist es nicht reizvoll, sich vorzustellen, dass die Franzosen deshalb Tore schießen, weil sie von einem Gewinnertypen regiert werden? Emmanuel Macron hat zwar gerade erst am Montag vor beiden Kammern des Parlaments gesagt, dass er wisse, dass ihm nicht alles gelingen könne. Aber vermutlich sprach aus ihm eher Bescheidenheit als Überzeugung. Noch nie hat ein französischer Präsident so sehr wie Macron den amerikanischen Glaubenssatz verkörpert, dass man alles schaffen kann, wenn man es nur will. Diese Haltung prägt sein Leben, seine Politik. Und so gesehen passt Macron tatsächlich gut zu seiner Nationalelf. Dort spielt nur mit, wer Irrwitziges leistet.

Doch selbst wenn man sich darauf einlässt, den Fußball als Spiegel eines Landes zu betrachten, ist die Frage, ob ein möglicher WM-Sieg nun Macrons Jubeljahre einleitet, arg spekulativ. Ja, Jacques Chirac gewann als Präsident in Umfragen sieben Punkte hinzu, nachdem die französische Nationalmannschaft 1998 Weltmeister wurde. Doch bis zur nächsten Wahl vergehen für Macron noch vier Jahre. Die entscheidenden Fragen, die der Fußball in Frankreich heute aufwirft, sind dieselben wie vor 20 Jahren: Wie prägt die Kolonialgeschichte die Republik der Gegenwart? Und wie sehr hängen Erfolg und Anerkennung eines Menschen von seiner Hautfarbe ab?

Ende der 90er Jahre wurden diese Debatten noch mit anderer Brutalität ausgetragen. Der rechtsradikale Präsidentschaftskandidat Jean-Marie Le Pen erzählte jedem, der es wissen wollte, dass Spieler mit afrikanischen Wurzeln nicht französisch genug seien, um das Nationaltrikot zu tragen. Als die von ihm in den Dreck gezogenen Spieler dann 1998 Weltmeister und zwei Jahre später Europameister wurden, schien es, als sei Le Pens rassistisches Gepöbel egal. Die Mannschaft wurde dafür berühmt, dass sie Schwarze, Araber und Weiße zusammen auf den Platz brachte. Das Land feierte sich für seine Einigkeit - und 2002 zog Le Pen in die Stichwahl um das Präsidentschaftsamt ein. Er verlor zwar gegen Chirac, aber keiner konnte mehr glauben, dass eine erfolgreiche Fußballmannschaft fremdenfeindliche Überzeugungen einfach wegbolzt.

Vor 20 Jahren wirkte Frankreichs bunt durchmischte Nationalelf noch wie ein Versprechen: Wir gehören alle zusammen. Doch was auf dem Rasen gilt, gilt nicht in den besseren Schulen, besseren Wohnvierteln oder in den Chefetagen. Dort ist Frankreich heute noch genauso weiß, wie Le Pen Senior es sich vorstellt.

Die Chance, die sich Frankreich nun bietet, liegt darin, dass es einen Präsidenten hat, der die rassistischen Strukturen, die das Land prägen, offen eingesteht. Es gehört eigentlich zur republikanischen Tradition, so zu tun, als sei man farbenblind. Auch wenn das dazu führt, dass alle wichtigen Posten am Ende von Weißen ausgefüllt werden. Und dazu, dass diejenigen, die ihre Kindheit damit verbringen, jeden Tag auf dem Fußballplatz zu trainieren, besonders häufig Schwarz oder Araber sind. Weil für sie das eigentlich völlig unrealistische Märchen der großen Fußballerkarriere zu den wenigen Perspektiven gehört, die man ihnen anbietet. Macron kennt diese Schieflage. Ob er sie ändern will, hat er noch nicht bewiesen.

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