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Kommentar:Leerstellen im Inferno

Schalke findet ´einvernehmlichen Kompromiss"

Wie in einem Reich der Verdammten: Schalkes Vorstandschef Jochen Schneider.

(Foto: Tim Rehbein/dpa)

Das Chaos bei Schalke 04 ist hausgemacht und noch längst nicht auf dem Höhepunkt. Die Vertreibung von Marktkenner Reschke und Stürmer Ibisevic könnte folgenschwer für den stark abstiegsgefährdeten Traditionsklub sein.

Von Philipp Selldorf

Wenn sich unten auf dem Trainingsplatz der Mittelstürmer Nummer eins am Knie verletzt, während der Mittelstürmer Nummer zwei oben beim Manager sitzt und die sofort wirksame Entlassung empfängt - wie soll man das dann nennen? Ist das A: verdammtes Pech? Oder B: typisch Schalke?

Beim Blick auf die Dinge, die gerade in Gelsenkirchen passieren, fällt die Wahl der Antwort nicht schwer. Wenn DFB-Manager Oliver Bierhoff eine "dunkle Wolke" über der Nationalelf beklagt, dann müsste Schalkes Sportvorstand Jochen Schneider derzeit aus Dantes Inferno zitieren: "Ihr, die ihr hier eintretet, lasset alle Hoffnung fahren!" Das Höllentor der Bundesliga, das steht im Augenblick zweifellos beim chronisch sieg- und glücklosen Tabellenletzten in Gelsenkirchen.

Der Klubchef Schneider hat am Dienstag den Versuch unternommen, in seinem Reich der Verdammten die Verhältnisse zu ordnen. Er hat zwei Spieler suspendiert, einem dritten gekündigt und außerdem dem ihm nachgeordneten Sportmanager Michael Reschke die Tür gewiesen. Das klingt, als wäre Schalke ein Politbüro, in dem ab und zu gesäubert wird, Schneider sprach anderntags von "notwendigen Entscheidungen".

Über richtig oder falsch wird die Nachwelt am Saisonende urteilen, wenn sich herausstellt, ob Schalke den Abstiegskampf gewonnen oder verloren hat. Hier und jetzt sieht es allerdings so aus, als sei der partielle Kahlschlag eher eine todesmutige Verzweiflungstat gewesen denn Ausdruck eines gelungenen Krisenmanagements. Zumal der Chef beim Versuch des Durchgreifens womöglich danebengegriffen hat: Die Suspendierungen der bekanntermaßen keineswegs pflegeleichten Spieler Nabil Bentaleb und Amine Harit lassen sich notfalls revidieren. Die Vertreibungen des Fußballmarktspezialisten Reschke und des Torjägers Vedad Ibisevic aber sind unumstößlich und könnten folgenschwere Leerstellen auftun.

Spätestens am Tag danach dürfte das auch Jochen Schneider aufgefallen sein, als der portugiesische Mittelstürmer Goncalo Paciencia ins Flugzeug stieg, um bei seinem Vertrauensarzt in der Heimat das Knie begutachten zu lassen. Ibisevic befand sich derweil schon bei der Familie in Berlin. Statt zwei Mittelstürmern hat Schalke nun schlagartig keinen mehr, womöglich wochenlang, und es gibt diesmal auch keine Winterpause, die Zeit für Paciencias Genesung schindet. Gleich nach Neujahr geht es mit Spieltag 14 weiter. Gut für Schalke wäre, wenn der schlaue Kaderplaner bis dahin einen dringend benötigten Rechtsverteidiger und einen schnellen Flügelspieler besorgen würde, aber halt: welcher schlaue Kaderplaner?

Schneider begründete die Trennung von Reschke mit "unterschiedlichen Auffassungen". Diese taten sich im Sommer unter anderem in der Trainerfrage auf. Die Auffassung, dass man besser nicht mit dem nachweislich erfolglosen Trainer David Wagner in die neue Saison gehen sollte, hatte Reschke wahrlich nicht als Einziger. Doch Schneider entschied in dieser zentral wichtigen Frage anders - und es ging schief. Wagner musste gehen, und den Nachfolger Manuel Baum glaubte Schneider jetzt schützen zu müssen, indem er den offenbar schlecht gelaunten Ibisevic aus der Kabine entfernte.

Es klingt nach einem Fall von typisch Schalke, dass der Vorwurf an den ehrgeizigen Stürmer lautete, er habe allzu deutlich seinen Ärger über mangelnde Einsatzzeit ausgedrückt. Durch Paciencias Fehlen wäre er jetzt vielleicht Stammspieler.

© SZ vom 26.11.2020
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