Kommentar:Eingriff ins Erbgut

Lesezeit: 2 min

Sprinterin Lückenkemper sorgt sich um die Zukunft der Leichtathletik. Sie fordert Innovationen. Dabei wird gerade schon wild experimentiert.

Von Joachim Mölter

Gina Lückenkemper

Gina Lückenkemper, 23, machte 2016 Abitur im westfälischen Soest, heute studiert sie Wirtschaftspsychologie in Bochum. Die Vize-Europameisterin im 100-Meter-Lauf sagt über sich: „Ich spreche schneller, esse schneller und ich laufe schneller.“ Nach sechs DDR-Sprinterinnen ist sie die siebte Deutsche, die die 100 Meter unter elf Sekunden lief.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Gina Lückenkemper ist eine Hoffnungsträgerin, die einem gerade wenig Hoffnung macht. Die 22-Jährige gilt ja schon seit einiger Zeit als Zukunft der Leichtathletik hierzulande, aber nun zweifelt sie selbst, ob die Leichtathletik überhaupt noch eine Zukunft hat. Die Sprinterin findet, Olympias Kernsportart Nummer eins müsse dringend innovativer werden, wenn das Interesse nicht weiter schwinden soll.

Wohin die Forderung nach Innovationen manchmal führen kann, ist gerade bei den Europaspielen in Minsk zu sehen. Dort experimentiert der kontinentale Verband EAA mit einem Format, das er "Dynamic New Athletics" nennt, kurz: DNA. Der 73 Jahre alte EAA-Präsident Svein Arne Hansen spricht von einer "Hip-Hop-Version" der Leichtathletik, glaubt also vermutlich, dass diese Idee irgendwie jugendlich sei, fetzig, pfiffig. Krass halt.

Das DNA-Ding ist offensichtlich aber vor allem eins: kompliziert. "Es hat eine Weile gedauert, bis uns der ganze Modus erklärt werden konnte", gab die deutsche Weitspringerin Melanie Bauschke zu.

Die dynamische neue Leichtathletik ist ein Teamwettbewerb, aber mit Einzelwertungen. Es gibt Punkte für die Platzierungen, diese Punkte werden in Sekunden umgerechnet, die dann Staffeln gutgeschrieben werden, die sich am Schluss ein Verfolgungsrennen liefern wie man es vom Biathlon kennt oder von der Nordischen Kombination. Die Staffeln sind als Mixed-Rennen konzipiert, setzen sich also aus Frauen und Männern zusammen, obendrein aus unterschiedlichen Distanzen, 800 Meter, 600, 400 und 200.

Puh! Das zieht sich, bis man weiß, wer gewonnen hat.

Bei der DNA handelt es sich also in der Tat um einen gravierenden Eingriff ins Erbgut. Die Leichtathletik bestach einst ja durch ihre Einfachheit, den Dreiklang "schneller, höher, weiter"; den Umstand, dass jeder sofort erkennen konnte, wer Erster, Zweiter, Dritter geworden ist.

Es hat dem Sport schon immens geschadet, dass man als Zuschauer nicht mehr sicher sein kann, wer Erster, Zweiter, Dritter geworden ist, seit durch die Fortschritte in der Doping-Analytik manche Ergebnislisten nach Jahren noch umgeschrieben werden. Wenn jetzt auch vermeintlich hippe Formate eingeführt werden, die nicht mal die Athleten selbst kapieren, wird die Leichtathletik tatsächlich keine große Zukunft mehr haben.

Grundsätzlich hat Gina Lückenkemper also Recht mit ihrer Befürchtung, das Publikum zu vergraulen. Sie plädiert deshalb für kürzere, knackigere, knalligere Veranstaltungen, wie sie sie in Berlin erlebt hat, bei der EM 2018 oder auch beim Istaf. Da ist es den Organisatoren jeweils gelungen, das Programm zuschauerfreundlich zu straffen - ohne gleich den ganzen Sport neu erfinden zu wollen.

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