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Kommentar:De Maizières Monster

BMI und DOSB haben ein Potenzialanalysesystem geschaffen, das Medaillenchancen von Athleten und Disziplinen ermitteln soll. Gespräche soll es dann auch noch geben. Ein komplizierteres Prozedere lässt sich kaum denken.

Von René Hofmann

Die Deutschen und der Sport. Der Sport in Deutschland. Das sind weite Felder. Und gerade werden sie neu bestellt. Nach fast zwei Jahren des Mauschelns haben sich der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und das Bundesinnenministerium (BMI) endlich aus der Deckung gewagt und das Konzept präsentiert, wie die Förderung des Spitzensports künftig organisiert werden soll. Die Ideen werden aktuell gewogen. In dieser Woche beugten sich die Sportverbände über das Konzept, anschließend war es Thema in einer öffentlichen Anhörung im Sportausschuss des Deutschen Bundestages. Im Dezember steht die Mitgliederversammlung des DOSB an, wo die Idee abgesegnet werden muss. Über Details wird noch gerungen, am Prinzip aber, so sieht es aus, dürfte sich kaum noch etwas ändern. Und diese Nachricht ist keine gute.

Hochrechnungen und Gremien: Komplizierter geht es nicht mehr

BMI und DOSB haben ein bürokratisches Monster namens "Potas" kreiert. Anhand des Potenzialanalysesystems soll hochgerechnet werden, welche Medaillenchancen einzelne Athleten und ganze Disziplinen bei kommenden Olympischen Spielen haben werden. Der Computer wird mit Daten gefüttert, anhand seiner Hochrechnung werden die Sportarten dann in Fördergruppen eingeteilt. Weil man der Rechenmaschine aber doch nicht so ganz traut, werden die Ergebnisse in sogenannten Strukturgesprächen mit vielen Beteiligten sowie in einer finalen Förderkommission aus BMI und DOSB noch einmal erörtert und gewichtet. Ein komplizierteres Prozedere lässt sich kaum denken.

Was das von Thomas de Maizière (CDU) geführte Ministerium auf diesen Irrweg lockte, lässt sich leicht denken: Bisher pumpt es jährlich rund 150 Millionen Euro in den Spitzensport - ohne klare Kriterien, wo die niederregnen. Das Mehr an Bürokratie soll nun mehr Kontrolle bringen. Ob es aber auch, wie gewünscht, mehr Medaillen bringt? Daran lässt sich zweifeln. Entschlossenheit und schnelle Entscheidungen sind zwei Prinzipien, die gerade im Spitzensport wichtig sind - und die durch Potas konterkariert werden. Es sollte niemand glauben, dass die olympischen Sportarten ihren jetzt schon immensen Rückstand auf den Fußball auf diesem Weg verringern können. Das Gegenteil dürfte der Fall sein.

Wozu braucht dieses Land ein Geschwader Eiskanal-Rutscher?

So, wie die Debatte läuft, wurden bereits viele Chancen vertan. Der Deutsche Olympische Sportbund hätte die Neuausrichtung der Förderung ja auch nutzen können, um sein Profil zu schärfen. Um herauszustellen, was die Vielfalt, die er unter seinem Dach bündelt, von der Monokultur des Fußballs unterscheidet, und zu betonen, welche Sportarten er im Portfolio hat, die unbestritten das Zeug haben, um positiv in die gesamte Gesellschaft hineinzuwirken: Das überlebenswichtige Schwimmen, die Bewegungsvielfalt der Leichtathletik und die Körperschule des Turnens etwa wären sicher auch ohne jede olympische Medaillenchance förderungswürdig. Ob die Republik aber eine Bahnrad-Nationalmannschaft braucht, nur weil die gute Chancen hat, es im Linksrum-im-Kreis-Fahren unter die besten drei der Welt zu schaffen, oder ein ganzes Geschwader an Eiskanal-Rutschern beiderlei Geschlechts - das sei dahingestellt.

Die Frage, welchen Sport dieses Land will, welche Sportarten es sich wirklich leisten möchte - die wurde nie gestellt, weil Sportminister Thomas de Maizière die Antwort früh vorgegeben hatte: Lieb und teuer ist uns alles, was Medaillenglanz verspricht! 30 Prozent mehr olympisches Edelmetall soll Potas bringen. Die Kalkulation ist verwegen.

© SZ vom 22.10.2016
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