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Julen Lopetegui:Ort des Omegas

Zu Tränen gerührt: Julen Lopetegui im August in Köln.

(Foto: Friedemann Vogel/AP)

Der kurz vor der WM 2018 entlassene Trainer Lopetegui kehrt nach Krasnodar zurück, den Ort seines Traumas. Nun coacht er den FC Sevilla und hat gute Chancen, das Achtelfinale der Champions-League vorzeitig zu erreichen.

Von Javier Cáceres

Am Dienstagabend wird Julen Lopetegui, 54, das Stadion in Krasnodar betreten und nicht nur ein Champions-League-Spiel vor sich haben. Sondern auch eine Begegnung mit Geistern der Vergangenheit. Krasnodar, das ist noch immer der schlimmste Albtraum des heutigen Trainers des FC Sevilla; der Ort, der mit dem größten Trauma seiner Karriere verbunden bleiben wird.

Krasnodar ist kein Ort, der in der Geschichte des Fußballs eine größere Rolle gespielt hätte und dort wohl auch jetzt keinen Platz hätte, wenn nicht ein örtlicher Magnat, der Milliardär Sergej Galizkij, sich in den Kopf gesetzt hätte, ein modernes Fußballimperium zu errichten. Er ließ hochmoderne Trainingsanlagen errichten, ein 35 000-Zuschauer-Stadion, die Heimstatt des vor zwölf Jahren gegründeten FK Krasnodar. Galizkijs Plan war es auch, Krasnodar als Austragungsort der Weltmeisterschaft 2018 durchzusetzen. Doch am Ende hielt die Anlage nur als Basiscamp für Spaniens Nationalteam her. Und eben als Hort eines epochalen Dramas um Lopetegui, das sich Mitte Juni 2018 zuspitzte: "Lopeteguis Omega", nennt es die Zeitung Diario de Sevilla. Der Ort, den damals viele für den Schlusspunkt in der Trainerkarriere Lopeteguis hielten.

Seinerzeit war, 72 Stunden vor dem ersten WM-Spiel der Spanier gegen Portugal in Sotschi (3:3), in Madrid durchgesickert, dass Real Madrid Lopetegui verpflichtet hatte - als Ersatz für den wenige Wochen zuvor zurückgetretenen (und längst zurückgekehrten) Erfolgstrainer Zinédine Zidane. Spaniens Verbandschef Luis Rubiales, damals wenige Monate im Amt, brauchte nicht lange, um den Wahrheitsgehalt der Kolportage zu bestätigen; er war nicht nur konsterniert, sondern fühlte sich hintergangen. Denn er hatte gerade erst eine Vertragsverlängerung mit Lopetegui ausgehandelt, eine Belohnung dafür, dass Lopetegui in 20 Spielen unbesiegt geblieben war, die Mannschaft mitunter brillant hatte spielen lassen, unter anderem gegen Italien im Bernabéu-Stadion. Lopetegui wiederum wollte die Geschichte seiner Unterschrift bei Real bis zum Ende der WM geheim halten. Als Rubiales ihn entließ und durch den letztlich glücklosen Teammanager Fernando Hierro ersetzte, war Lopetegui entsetzt und gedemütigt. Auf dem Flughafen von Moskau, wo er auf der Heimreise Station machte, gab es Zeugen, die ihn weinen sahen.

Bis zum heutigen Tag hält sich die Legende, dass Real Madrids Vereinschef Florentino Pérez die Gerüchte über Lopeteguis Verpflichtung gezielt gestreut hatte - aus angeblich zynischem Kalkül heraus. Ein Fehlschlag der Spanier wäre ihm nicht aus patriotischer Sicht ein Gräuel gewesen - sondern weil er Angst hatte, nach der WM einen Gescheiterten vorstellen zu müssen, nachdem sich der Klub aus diversen Gründen an den erwogenen Verpflichtungen von Bundestrainer Joachim Löw, Mauricio Pochettino (damals Tottenham), Jürgen Klopp (Liverpool), Massimiliano Allegri (damals Turin) und Antonio Conte (heute Inter Mailand) die Zähne ausgebissen hatte. Sicher ist: Spaniens Nationalteam erholte sich nicht mehr von dem Fiasko am Vorabend der WM. Sie schleppte sich zwar, anders als der damalige Titelverteidiger Deutschland, bis ins Achtelfinale, scheiterte dort aber an Gastgeber Russland. Durchaus auch wegen der Psychose, die Lopeteguis Aus fabriziert hatte.

Auch Lopetegui war kein Glück beschieden: Nach nur zehn Spielen als Zidane-Nachfolger wurde er wieder entlassen, seine Karriere schien vorbei zu sein.

Bis der FC Sevilla ihn zu Beginn der vergangenen Saison holte, die er vor drei Monaten mit dem Europa-League-Titel krönte. Am Finalort, in Köln, vergoss er die letzten Tränen, die zuvor ungeweint geblieben waren. Er selbst sagte, dass er den Namen Krasnodar ausschließlich mit dem Spiel am Dienstag verbindet. Doch den einen oder anderen Gedanken an den Juni 2018 wird er gehabt haben, als er am Sonntag dort landete und die Gelegenheit bekam, die Geister der Vergangenheit lange vor Spielbeginn zu bezwingen. Das Stadion in Krasnodar war immerhin auch der Ort des letzten WM-Testspiels, am 9. Juni gegen Tunesien. Lopetegui hofft, dass ihm seine jetzige Mannschaft, obschon ersatzgeschwächt, ein "Alpha" bereitet und das "Omega" vergessen lässt, also einen Anfang am Ort des Endes bietet. Die Chancen stehen nicht schlecht: Der FC Sevilla hat in den bisherigen Runden zwei Siege aus zwei Spielen geholt - und könnte am Dienstag die vorzeitige Qualifikation fürs Achtelfinale der Königsklasse perfekt machen.

© SZ vom 24.11.2020
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