Interview mit Angela Merkel:"Ballack sächselt wenigstens noch"

Die Kanzlerin traut der deutschen Mannschaft vieles zu. Auch den Gewinn des EM-Titels. Angela Merkel im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung über frühe Fußball-Erlebnisse, Jürgen Klinsmann und die Situation der ostdeutschen Vereine.

Hans Werner Kilz, Kurt Röttgen und Ludger Schulze

"So, meine Herrn, jetzt kommt der König": Mit diesen Worten beendete Kanzlerin Angela Merkel die Fußball-Plauderstunde mit der SZ, für die sie sich zwischen zwei wichtigen Terminen Zeit genommen hatte. Zuvor hatte sie eine Kabinettssitzung geleitet, bei der das umstrittene Gesetz über das Bundeskriminalamt verabschiedet wurde. Sofort danach empfing sie einen ganz hohen Gast: Spaniens König Juan Carlos I. kam auf Staatsbesuch. Das SZ-Sportgespräch mit Angela Merkel ist das achte einer Reihe von Treffen mit Persönlichkeiten, die eine erst auf den zweiten Blick zu entdeckende Beziehung zum Sport haben. Bisher erschienen sind Interviews mit Günter Grass (8. Juli 2006), Kardinal Karl Lehmann (7. September 2006), Jürgen Flimm (9. Dezember 2006), Thomas Brussig (14. Juli 2007), Roland Berger (4. August 2007), Campino (1. Dezember 2007) und Peer Steinbrück (2. Februar 2008) .

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(Foto: Foto: Regina Schmeken)

SZ: Frau Bundeskanzlerin, wann haben Sie Ihr erstes Fußballspiel gesehen?

Angel Merkel: Das weiß ich nicht mehr. Ich vermute, Anfang der sechziger Jahre mit dem Einzug des Fernsehers in meine Lebenswelt. Zunächst bei Nachbarn, die früher einen Apparat hatten als wir. Ich weiß, dass ich immer gerne Eishockey und Fußball geguckt habe.

SZ: Ihr Vater war Pfarrer, Ihre Mutter Lehrerin, war Fußball in Ihrem Elternhaus je ein Thema?

Merkel: Bei mir und meinen beiden Geschwistern auf jeden Fall und bei meinen Eltern auch.

SZ: Sie waren 20, als Jürgen Sparwasser in Hamburg sein legendäres Tor schoss. Die DDR gewann bei der Fußball-WM 1974 gegen die Bundesrepublik 1:0. Erinnern Sie sich daran?

Merkel: Ja, natürlich. Ich habe es im Fernsehen gesehen und habe irgendwie eine Vorahnung gehabt, dass die Mannschaft der DDR gewinnen wird. Aber ich war nicht so glücklich darüber, weil ich wusste, was politisch daraus gemacht wird.

SZ: Weil Sie wussten, dass die SED das Ergebnis zum Triumph über den Klassenfeind hochjubeln würde?

Merkel: Das Spiel war natürlich ein emotionaler Höhepunkt und es wurde sicher in ganz Deutschland mit verschiedenen Gefühlen verfolgt. Manche in der DDR haben gehofft, gerade gegen die Bundesrepublik zu gewinnen, andere wollten dagegen, dass es nicht so gut für die DDR ausgeht. Das lag aber nicht daran, dass man DDR-Sportler etwa nicht geschätzt hat. Ich habe in vielen Fällen durchaus mit ihnen mitgezittert - ob das nun die Eiskunstläuferinnen Katharina Witt oder Gaby Seyfert oder auch Leichtathleten waren. Gar keine Frage, denn es ging für mich zuerst immer um die sportliche Anstrengung und Leistung, aber ich hatte keine Freude daran, wie nach dem Spiel der DDR gegen die Bundesrepublik dann der Sieg der DDR-Mannschaft politisch aufgeladen wurde.

SZ: Heute staunt die Nation, wie diese so nüchterne Kanzlerin im Stadion mitfiebert. Michael Ballack hat vor zwei Jahren während der WM gesagt, er erinnere sich nicht, dass Sie je in der Öffentlichkeit so aus sich herausgegangen wären. Sie springen bei deutschen Toren jubelnd vom Sitz hoch, ballen die Fäuste und freuen sich. Woher kommt die Begeisterung?

Merkel: Ich weiß nicht, ob Michael Ballack da den kompletten Überblick über meine öffentlichen Auftritte und mein Temperament hatte; aber Scherz beiseite. Was soll ich sagen? Ich fieberte halt einfach mit. Offenbar haben viele nicht damit gerechnet, dass ich mich für Fußball interessiere. Bis 2006 hat mich in meinem politischen Leben auch kaum einer danach gefragt.

SZ: Bei Ihren Vorgängern Helmut Kohl und Gerhard Schröder war das Interesse logisch. Die haben früher selbst gespielt.

Merkel: Ich habe mir Spiele nur angeschaut. Ich weiß noch, wie ich zum Beispiel als Studentin im Mai 1974 beim Länderspiel DDR gegen England im Leipziger Zentralstadion gesessen habe. Fußball zu sehen hat mir immer Spaß gemacht.

SZ: Jetzt sieht man Sie nicht nur auf der Tribüne, sondern sogar in der Spielerkabine. Führt Sie auch die Hoffnung auf bessere Umfragewerte dahin?

Merkel: Nein, sondern die Einladung der Spieler und des Trainers bei der WM nach dem Italien-Spiel in Dortmund oder jetzt nach dem nervenaufreibenden 2:1 gegen Serbien.

SZ: Wobei der Einbruch in die Männerdomäne Fußball Ihrer Popularität gewiss nicht schadet.

Merkel: Die Freude am Fußball teile ich mit vielen Millionen Menschen in Deutschland. Aber ich bin der festen Überzeugung: Die Menschen würden es sofort durchschauen, wenn ich diese Freude instrumentalisieren würde, und deshalb mache ich das nicht. Dass sich bei der WM 2006 eine fast nationale Bewegung ergeben hat, ist den Menschen und auch dem damaligen Trainer Jürgen Klinsmann zu verdanken.

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