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Hymnenstreit in den USA:Unterdrückung mit System

Weil die Football-Profis in der NFL nicht aufhören, gegen Rassismus und Polizeigewalt zu demonstrieren, verschärfen die konservativen Kräfte ihre Drohungen. An der Spitze: Präsident Donald Trump.

Von Maximilian Länge

Das besondere Merkmal eines Trickspielzugs ist der Überraschungseffekt. Das gegnerische Team sieht nicht kommen, was das ausführende Team geplant hat und wird in einer ungünstigen Situation davon überrumpelt. Das gilt für American Football wie für andere Sportarten, sorgt bei den Zuschauern für Begeisterung und Häme - und lässt eines der zwei Teams schlecht aussehen.

So war das auch am 18. Oktober 2015, als die Indianapolis Colts im Primetime-Heimspiel der US-Footballliga NFL die New England Patriots mit einem Trickspielzug, auch Fake genannt, überlisten wollten. Die ganze Nation sah zu, als genau das gründlich schiefging. In der Kurzfassung: Die Spieler der Colts wollten New England mit einer ungewöhnlichen Angriffsformation überraschen - und verwirrten mehr sich selbst als den Gegner. Nach einem 20-sekündigen, ja, vogelwilden Hin und Her, an dessen Ende ungünstigerweise zwei Angreifer fünf Verteidigern gegenüberstanden, wechselte der Ballbesitz.

Grotesker Trickspielzug des Vizepräsidenten

Am vergangenen Sonntag wurden die Zuschauer im Lucas Oil Stadium von Indianapolis erneut Zeugen eines Trickspielzuges. Diesmal spielte dieser sich jedoch auf den Logenplätzen der Arena ab. US-Vizepräsident Mike Pence war mit seiner Frau zum Spiel angereist, nur um das Stadion nach wenigen Minuten auf theatralische Weise zu verlassen. Er habe mit Präsident Donald Trump vereinbart, keiner Veranstaltung beizuwohnen, bei der die Soldaten die Fahne oder die Hymne der Vereinigten Staaten nicht respektiert würden.

Warum ist Pence dann überhaupt nach Indianapolis geflogen, wohlwissend, dass die Colts an diesem Abend gegen die San Francisco 49ers spielten? Letztere sind immerhin eines der NFL-Teams, die beim Protest gegen Polizeigewalt und Rassismus am aktivsten sind. Colin Kaepernick hatte den Protest vor einem Jahr begonnen, damals noch als Spielmacher der 49ers, inzwischen ist er ohne Klub. Wo, wenn nicht hier, würde ein inszeniertes politisches Statement am meisten Resonanz finden?

"So sieht Unterdrückung aus"

Am Sonntag knieten 23 Spieler aus San Francisco während der Hymne, darunter Eric Reid, einer der ersten Unterstützer Kaepernicks. Der 49ers-Verteidiger sagte nach dem Spiel über Pence: "Er wusste, dass wir es wahrscheinlich wieder tun würden. So sieht Unterdrückung durch das System aus. Ein Mensch mit Macht kommt zum Spiel, twittert ein paar Aussagen und verlässt das Spiel mit dem Versuch, unsere Bemühungen zu vereiteln." Einige Journalisten berichteten, sie seien vor dem Spiel darauf hingewiesen worden, der Vizepräsident bleibe eventuell nur kurz im Stadion.

Pence, von 2013 bis 2017 Gouverneur des US-Bundesstaats Indiana, war nach Angaben eines Sprechers zwischen einer Gedenkveranstaltung in Las Vegas und einer Spendengala in Los Angeles nach Indianapolis gekommen, um der Ehrung des ehemaligen Colts-Quarterbacks Peyton Manning beizuwohnen. Der Nachrichtensender CNN berechnete, dass der Umweg rund 250 000 Dollar Mehrkosten allein für die Flüge verursachte, teils finanziert aus Steuergeldern. Das Weiße Haus rechtfertigte die Reise mit der Begründung, Pence wäre zwischen den zwei Veranstaltungen im Westen sowieso zurück in die Hauptstadt geflogen. Indianapolis liege auf dem Weg nach Washington DC.

Team-Besitzer erwägen Änderungen

Am kommenden Dienstag und Mittwoch kommen in Manhattan die 32 Team-Besitzer mit NFL-Chef Roger Goodell zu ihrem regulären Herbstmeeting zusammen. Hauptthema wird diesmal die Debatte um den Protest sein. Ein Blick ins NFL-Handbuch für die Organisation von Spielen belegt, dass die Anwesenheit am Spielfeldrand während der Hymne vorgeschrieben ist. In welcher Körperhaltung sich die Spieler an den Seitenlinien aufstellen, ist jedoch nur in einer Empfehlung ("sollen strammstehen, die Flagge ansehen, die Helme in der linken Hand halten und nicht sprechen") formuliert. Ein Verstoß gegen die Empfehlung könne geahndet werden, heißt es in dem Dokument.

Zwar wurden bislang weder Teams bestraft, die während der Hymne in der Kabine blieben, noch Spieler, die knieten oder saßen. Doch auch die NFL hat sich inzwischen zu einem zurückhaltenden Statement hinreißen lassen: "Wie viele unserer Fans glauben wir, dass alle während der Nationalhymne stehen sollten", schrieb Goodell in einer Nachricht an Klub-Präsidenten und -Vorsitzende.

Die NFL, die sich irgendwo in dieser Auseinandersetzung zwischen Spielern und Politik bislang nicht klar genug positioniert hat, wird nach dem Meeting in der kommenden Woche handeln, so viel steht fest. Denn im November findet die jährliche "Salute to Service"-Kampagne statt, mit der die Liga das US-Militär feiert. Ein wesentlicher Anteil: Fanartikel im Camouflage-Look - und damit verbundene Einnahmen.

Der Druck auf die afro-amerikanischen Spieler nimmt zu

Schon jetzt wählt ein Team-Besitzer schärfere Töne: Jerry Jones, Eigner der Dallas Cowboys und einer von acht NFL-Mäzenen, die insgesamt mehr als sieben Millionen Dollar für die Feierlichkeiten zu Donald Trumps Amtseinführung spendeten. Noch vor ein paar Wochen hatte Jones seine Verbundenheit mit den protestierenden Spielern zum Ausdruck gebracht, indem er Arm in Arm mit ihnen und vor der Hymne in die Knie ging. Nun spricht er in bevormundendem Duktus für seine Organisation: "Wenn wir die Flagge nicht respektieren, spielen wir nicht. Punkt. Wir respektieren die Flagge, und ich werde diese Wahrnehmung schaffen."

Pences PR-Trick, Goodells Nachricht, Jones' Aussage und nicht zuletzt Trumps Tweets - alle haben den gleichen Zweck: Den Protagonisten einer mehrheitlich von Schwarzen betriebenen Sportart Vorschriften machen. Um Respekt vor Flagge oder Hymne ging es in dieser Debatte ja eigentlich nie, sondern um die Frage, in welcher Form Schwarze protestieren dürfen gegen Rassismus und Polizeigewalt.

Trump treiben womöglich auch Rachegelüste an

Und es geht auch um die persönliche Fehde des Präsidenten der Vereinigten Staaten mit der NFL. Trump war von 1982 bis 1985 Besitzer der New Jersey Generals, die jedes Jahr im Frühling in der Liga mit dem Namen United States Football League (USFL) spielten. Unter der Federführung Trumps wagten die Liga-Bosse der USFL 1984 den Angriff auf die NFL, um dem Marktführer in seiner Spielzeit im Herbst Konkurrenz zu machen. Ohne Erfolg, der Spielbetrieb wurde eingestellt. Diese Niederlage scheint Trump bis heute nicht verkraftet zu haben, weshalb er immer wieder gegen die NFL stichelt.

So auch vergangene Woche, als er fragte, warum die NFL trotz Respektlosigkeit gegenüber Flagge, Hymne und Nation Steuerentlastungen erhalte, und eine Änderung der Gesetze forderte. Tatsächlich profitieren alle großen US-Ligen von Steuererleichterungen, die Major League Baseball sogar noch mehr als die NFL. Wie beim verfrüht abgebrochenen Stadion-Besuch von Pence steckt aber auch hinter Trumps Kritik an der Profiliga mit den meisten mündigen Spielern kein Zufall. Doch seine Forderungen und der PR-Trick von Mike Pence werden wohl auch an diesem Sonntag viele Spieler nicht vom Protestieren abhalten.

© SZ vom 15.10.2017
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