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Hintergrundbericht:Der Nächste, bitte!

Bei Fuentes lagerte Blut von Spaniens WM-Drittem Valverde - und zwar Epo-verseuchtes.

Andreas Burkert

Ein paar dünne Sätze standen auf der Erklärung des spanischen Radsportverbandes RFEC, die im September 2006 im Salzburger WM-Medienzentrum auslagen. An der Sache sei nichts dran, hatte zuvor bereits Verbandschef Fulgencio Sanchez vor der Journalistenschar aus aller Welt versichert. Eine Begründung für seine These blieb er freilich schuldig in seinem Vortrag, dessen Gehalt das Gewicht von Taubenfedern unterschritt. Der RFEC hatte damals auf eine Veröffentlichung in dieser Zeitung reagiert, die Spaniens Sportwelt in Aufruhr versetzte (SZ vom 16.9.06). Denn Alejandro Valverde, einer der letzten iberischen Radheroen, die bis dahin nicht in die Abgründe der Operación Puerto gestürzt waren, wurde anhand von Dokumenten und Indizienketten mit dem Dopingring des einstigen Gynäkologen Eufemiano Fuentes in Verbindung gebracht. Bislang ist Valverde jedoch unbehelligt geblieben, was er vor allem der Fürsorge seiner Heimatorganisation verdankte. Dass der junge Mann aus Las Llumbreras in Murcia allerdings auch künftig freie Fahrt erhält, ist inzwischen nicht mehr bedingungslos anzunehmen. Denn Valverde, 27, ist nach Ansicht der spanischen Polizei ganz bestimmt Kunde des Drogendruiden Fuentes gewesen.

Die Guardia Civil treibt jedenfalls ihre Arbeit in der spanischen Dopingaffäre weiter voran, obwohl die Madrider Staatsanwaltschaft das Verfahren gegen Fuentes wegen angeblich fehlender Gesetzesgrundlagen eingestellt hat (der Staat hat dagegen Berufung eingelegt). Und die Ergebnisse des aufwändigen Puzzlespiels könnten nun nach dem enttarnten Falschspieler Jan Ullrich und dem neuerdings geständigen Giro-Sieger Ivan Basso (siehe Meldung) in Valverde ein weiteres Kaliber des Pelotons aus dem Sattel heben. Denn wie die Gazzetta berichtet, ist in neuen Akten zum einen notiert, dass nicht nur von Basso Blutbeutel in einem der Fuentes-Labore sichergestellt worden seien - sondern auch von Valverde. Besonders unangenehm dürfte für den Kapitän des spanischen Caisse-d'Epargne-Rennstalls der Umstand sein, dass ihm sogar eine mit Epo-Spuren verseuchte Blutkonserve (datiert auf einen 23. Mai) zugeordnet wird.

Die spanischen Ermittler hatten im Herbst 99 der insgesamt rund 220 sichergestellten Blutbeutel an ein Labor geschickt. In acht Proben fanden sich dort Epo-Spuren, die Beutel waren mit den bisher nicht bekannten Codenamen ,,Klaus'', ,,Sevillian'' (mit großer Wahrscheinlichkeit der frühere Ullrich-Helfer Oscar Sevilla), ,,Gemma'', ,,Mari'' und ,,Falla'' versehen - sowie mit ,,VALV. PITI,'' in Fuentes' Listen auch als ,,Nummer 18'' erwähnt. Das Kürzel VAL. dürfte Valverde bereits erheblich belasten, und der Zusatz PITI hat der Guardia Civil schon früh die Zweifel genommen: Denn ,,Piti'' heißt Valverdes deutsche Schäferhündin, womit sich aus den Betrugslisten zumindest etwas Tierliebe lesen ließe - auch Birillo, einer von Bassos Codenamen, bezieht sich auf einen vierbeinigen Hausfreund.

Offensichtlich aus patriotischen Gründen hatte sich der Druck auf Valverde in Spanien bisher in Grenzen gehalten. Dabei legt allein der Werdegang des WM-Dritten 2006 Kenntnisse im Umgang mit verbotenen Bluttransfusionen oder chemischen Präparaten nahe. Denn als Rennfahrer wurde Valverde groß bei Vincente Belda - der frühere Chef von Kelme und Valenciana gilt neben dem einstigen Liberty-Manager Manolo Saiz als Gesicht der Betrügergarde, die mit dem ehemaligen Kelme-Arzt Fuentes kooperierte.

Im Kreis der Profiteams gilt gerade sein neuer Arbeitgeber Caisse d'Epargne neben den Landsleuten von Saunier Duval weiterhin als wenig vertrauenswürdig, denn im Bemühen um schärfere Auflagen und die Aufklärung des Skandals legen sie in den Gremien Ignoranz statt Interesse an den Tag. Doch während Ullrichs Karriere nach dem positiven DNS-Abgleich mit Madrider Blut endgültig besudelt ist und Basso am 11. Mai wieder vorm NOK zu erscheinen hat, glänzte ProTour-Sieger Valverde zuletzt als Zweiter beim Klassiker in Lüttich.

Generell stellt sich längst die Frage, wer demnächst überhaupt noch fahren darf und sollte. Um 49 auf nunmehr 107 Verdächtigte ist ja offenbar in Madrid die potentielle Sünderliste angewachsen, doch bisher sind die Nachzügler weitgehend anonym geblieben - einer davon dürfte Valverde sein. Pat McQuaid, der Präsident des Weltverbandes UCI, hatte am Wochenende seine Vermutung geäußert, eine Klärung werde aus Zeitgründen kaum bis zum Tourstart erfolgen können. Und so beginnt die Tour de France am 7. Juli vielleicht nicht nur in Unkenntnis eines 2006-Siegers, nachdem ja Floyd Landis positiv getestet worden ist - sondern auch mit der Ahnung, der Champion 2007 könne ebenfalls auf Zetteln aus Madrid erscheinen.

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