Hertha BSC Joker gegen das Genöle

Danke, Schieber: Pal Dardai und sein Stürmer waren nach dem Schlusspfiff beste Freunde.

(Foto: Matthias Kern/Getty Images)

Herthas Ersatzstürmer Schieber verhindert mit dem Siegtor gegen Freiburg, dass die Stimmung in Berlin schon zum Saisonstart abdriftet.

Von JAVIER CÁCERES, Berlin

Es wäre vermessen gewesen, anzunehmen, dass bei Hertha BSC bereits in den ersten 90 Minuten der neuen Bundesliga-Spielzeit alles rund läuft. Dass aber noch Fragen der Hierarchie geklärt werden müssen, das überraschte dann doch. In der 85. Minute war am Rande des Spielfelds im Olympiastadion zwecks Auswechslung die Tafel mit der Rückennummer von Herthas Stürmer Vedad Ibisevic hochgehalten worden - also des Mannes, der vor anderthalb Wochen überraschend zum neuen Hertha-Kapitän ernannt worden war, nach der Entmachtung von Fabian Lustenberger durch Trainer Pal Dardai. Ibisevic legte die Binde also ab, nur auf eine Frage fand er keine Antwort: Wohin damit?

Durch diverse Hände wanderte die Binde, auch am desavouierten Lustenberger vorbei, bis sie hinten bei Innenverteidiger Sebastian Langkamp angekommen war. Der nahm sie an sich. Doch ein wenig sah er dabei aus, als ob er sie nur über den Arm zog, um den Betrieb nicht weiter aufzuhalten. Einer näheren Betrachtung wurde diese Episode dann nicht unterworfen, was vor allem mit dem Mann zu tun hatte, der für Ibisevic eingewechselt worden war: Herthas Stürmer Julian Schieber, der wiederum seine vermeintliche Paraderolle aufgeführt hatte: die des Berufs-Jokers.

Vermeintlich? Oh ja. Bereits 70 Mal ist Schieber, 27, in einem Bundesligaspiel eingewechselt worden. Doch am Sonntagnachmittag erzielte er erst das zweite Joker-Tor seiner 2009 initiierten Bundesliga-Karriere. Das erste war ihm vor sieben Jahren ebenfalls gegen den SC Freiburg gelungen, damals noch im Trikot des heutigen Zweitligisten VfB Stuttgart.

"Es fühlt sich super an", sagte Schieber, der nach der Führung durch seinen Mannschaftskameraden Vladimir Darida (62.) sowie dem späten, zwischenzeitlichen Ausgleich durch Freiburgs Abwehrspieler Nicolas Höfler (90.+3) einen unglaublichen Schlusspunkt setzte (90.+5). Nach seinem 24. Bundesligatreffer wurde er von der Berliner Ostkurve mit dem Chor gefeiert wurde, der sonst Referees gewidmet wird: "Schieber, Schieber, Schieber!"

Herthas Manager Michael Preetz, einst selbst Stürmer, wäre wohl auch in diesen Chor eingefallen, seine Begeisterung kleidete er aber in getragene Worte. Dass Schieber getroffen habe, sei in zweierlei Hinsicht von Bedeutung. Erstens, weil der lange knieverletzte Stürmer mehr als 550 Tage auf einen Treffer hatte warten müssen: "Der Knoten geht erst richtig auf, wenn man so trifft." Und zweitens, weil Schiebers Wiederbegegnung mit dem Tor auch eine grundsätzliche Bedeutung für die gesamte Mannschaft habe: "Für uns ist es wichtig, dass mehr Spieler torgefährlich sind und Druck von der Bank kommt."

Erleichterung herrschte unter Herthas Verantwortlichen auch deshalb, weil nach dem Knockout in der Europa League gegen Bröndby Kopenhagen in der Stadt schon wieder die mentalitätsbedingte Muffel-Stimmung aufgekommen war. Ohne es ausdrücklich zu nennen, meinte Trainer Dardai wohl das mediale Umfeld, als er den Sieg gegen Freiburgs Systemfußballer "eine schöne Antwort" nannte - auf all die Krittelei, die maßgeblich ist für die Stimmung an Currywurst-Buden.

Gegentore in der Nachspielzeit führten 2015 zum SC-Abstieg

"Das ist schon komisch: Wir hatten nicht ein Spiel und waren schon wieder die schlechteste Mannschaft", klagte Dardai am Montag, nachdem er bereits im Stadion die Erwartungshaltung gegeißelt hatte: "In Berlin wird eine (nur) ordentliche Saison nicht akzeptiert!", klagte Dardai, der die Stadt gut kennt, weil er mit ihr länger verheiratet ist (seit 1997) als mit seiner Frau Monika (1998). Der Effekt des Sieges: "Jetzt können wir in Ruhe weiterarbeiten."

Danach sah es zur Halbzeit nur bedingt aus. Die Hertha hatte die Partie im Griff, ließ den Ball aber ähnlich langatmig nach hinten wandern wie später die Kapitänsbinde: "Wir hatten oft einen Ballkontakt zu viel", gestand Herthas Mittelfeldmann Darida. Nach der Pause änderte sich das, auf Grundlage der vergangenen Saison ging Hertha direkter zu Werke. "Wir haben zwei gute Spieler dazubekommen (Esswein und Allan)", so Darida, "aber es war auch gut, dass niemand aus der ersten Elf (des vergangenen Jahres) rausgegangen ist, weil wir so ein paar Automatismen abrufen konnten, die schon in der letzten Saison sehr gut geklappt hatten."

Als ärgerlich empfand Darida das 1:1 durch Höfler, das auch noch nach einer Ecke fiel. Es sei nicht garantiert, dass man solche Fehler stets noch korrigieren könne, mahnte der Tscheche. Doch was sollten da die Freiburger sagen, die diszipliniert, aber auch blass wirkten, als hätten sie zu lange im Taktikraum gesessen - und daher nicht völlig unverdient verloren? SC-Fans erinnern sich bitter daran, dass ihr Team in der Abstiegssaison 2014/15 acht Punkte durch Treffer verlor, die nach Ende der 90. Minute fielen: "Das darf uns nicht öfter passieren, sonst geht es nach hinten los", sagte Höfler.