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Glücklicher Punkt für Gladbach:Fußball absurd

Borussia Moenchengladbach v TSG 1899 Hoffenheim - Bundesliga

Befreiender Moment: Josip Drmic lässt sich für sein Tor zum schmeichelhaften Gladbacher Ausgleich feiern.

(Foto: Lars Baron/Bongarts/Getty Images)

Mönchengladbach tritt im Duell zweier Europacup-Anwärter extrem verunsichert auf und wird von der spielfreudigen TSG Hoffenheim zum Teil vorgeführt. Am Ende steht es statt 2:10 aber 2:2.

Der Torwart Yann Sommer wollte sich nicht entschuldigen. Nicht für die schlechte erste Halbzeit seiner Mönchengladbacher Borussia und schon gar nicht für das mehr als schmeichelhafte 2:2 (0:1) gegen eine TSG Hoffenheim, die das direkte Duell um den Anschluss an die Champions-League-Plätze eigentlich mit zwei, drei oder noch mehr Toren Differenz hätte gewinnen müssen. "Mir egal!", sagte Sommer abweisend auf die Frage, ob das die schlechteste Gladbacher Halbzeit in dieser Saison gewesen sei. "Dieser Punkt fühlt sich an wie ein Sieg", sagte Sommer, "das tut uns gut, ganz ehrlich."

Der glückliche Punkt könnte noch Gold wert sein für die Gladbacher im krampfhaften Versuch, nach einer wochenlangen Talfahrt wenigstens noch die Europa League zu erreichen. Bei einer Niederlage hätten sie an diesem Sonntag schon aus den internationalen Rängen herausrutschen können für den Fall, dass Leverkusen gegen Frankfurt punktet. So aber behalten sie im engen Kampf um die Plätze vier bis sieben eine vernünftige Ausgangsposition.

Gladbachs erste Halbzeit ist eine fußballerische Bankrotterklärung

"Die Mannschaft ist nicht tot", verkündete der Trainer Dieter Hecking als wichtigste Botschaft aus einem Spiel, das in der ersten Halbzeit eine fußballerische Bankrotterklärung seiner Gladbacher gewesen war. Doch in der zweiten Halbzeit kamen sie zwei Mal zurück und wollen aus dieser mehr glücklichen als überzeugenden Kämpfermentalität nun Zuversicht für die restlichen beiden Spiele schöpfen. "Das kann uns helfen", sagte Hecking.

"Wir woll'n Euch kämpfen sehen", hatten die Gladbacher Fans nach einer halben Stunde wütend gesungen nach fünf gefährlichen Hoffenheimer Bällen aufs Borussia-Tor und dem 1:0 durch einen Kopfball von Pavel Kaderabek in der 32. Minute. Die Hoffenheimer spielten derart munter auf, als hätte sie die 1:4-Heimniederlage am vorangegangenen Wochenende gegen Wolfsburg überhaupt nicht irritiert. Gladbach hingegen spielte, als würde sich die Mannschaft zum Saisonende auflösen und als gäbe es für niemanden mehr etwas zu holen. "Wir woll'n Euch kämpfen sehen", sangen Gladbachs Fans, als Hoffenheims Adam Szalai den Ball in der 36. Minute per Kopf an die Latte befördert hatte und Ermin Bicakcic wenige Sekunden später äußerst knapp neben das Tor. Danach erstarben die Gesänge der Gladbacher Fans. Die Borussen-Spielern hätten nun im Chor rufen müssen: "Wir woll'n Euch singen hör'n" - stattdessen gab es nach dem Halbzeitpfiff ein gellendes Pfeifkonzert.

"Erklären kann man das nicht immer", sagt Julian Nagelsmann

Nicht nur Szalai hätte nach der Pause alles klar machen müssen für die Hoffenheimer - auch Ishak Belfodil und Andrej Kramaric erhielten Fünf-Sterne-Chancen, die sie oft jämmerlich vergaben. "Erklären kann man das nicht immer", sagte Hoffenheims Trainer Julian Nagelsmann hinterher gefasst, beinahe lakonisch bekannte er, seine Spieler hätten die Torchancen in großem Variationsreichtum vergeben. "Zwei, drei, vier Tore hätten es da schon sein können." Doch Hoffenheim patzte, und Gladbach kam zurück.

In der 73. Minute waren die Borussen erstmals wieder im Spiel, als Matthias Ginter zum 1:1 ausglich. Ihre Leidensfähigkeit und Comeback-Qualitäten wurden allerdings noch einmal und noch härter geprüft, als Nadiem Amiri schon in der 79. Minute mit einem satten Volleyschuss das 2:1 für Hoffenheim erzielte. Dem eingewechselten Ersatzstürmer Josip Drmic, seit fast einem Jahr ohne Tor, gelang dann in der 84. Minute das 2:2. "Explosion!", umschrieb er hinterher seine Gefühle in diesem Moment prägnant. "Wir haben Charakter gezeigt", behauptete er dann noch, dabei haben die Gladbacher einzig davon profitiert, dass die Hoffenheimer trotz 26 Torschüssen nur zwei Treffer gelangen.

"Unser Selbstvertrauen ist zurzeit nicht allzu groß", erklärte Hecking, "Fußballer sind auch nur Menschen mit Gefühlen und haben mal einen Flow - und mal geht nichts." Gefühle spielen tatsächlich eine große Rolle im Schlussspurt um die Europapokalplätze. Nagelsmann sagte, sagte, er sei "enttäuscht" über das Unentschieden, er hätte es aber auch drastischer formulieren können. Hoffenheims Trainer war am Samstag in Mönchengladbach aber der Einzige, der schon wusste, dass er nächste Saison in der Champions League antreten darf - mit seinem künftigen Klub RB Leipzig.

© SZ vom 05.05.2019
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